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33/2008 - Kultur: Ein Delikt (Cornelius Hell)
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Ungelesen , 13:58
Kultur: Ein Delikt

Warum man in Österreich so gerne die Kulturkeule gegen andere schwingt,
um damit die eigene Identität abzusichern.

Von Cornelius Hell

Kultur, wohin man schaut: in Salzburg, wo es noch immer weltweit Einmaliges zu hören und zu sehen gibt, in Bregenz, in Grafenegg, beim Carinthischen Sommer, bei den Innsbrucker Festwochen … Dazu noch Festivals von regionaler Bedeutung wie in Gmunden und Sommerspiele in jedem möglichen Ambiente. Dass das alles sein Publikum findet, zeugt von der Vitalität der Kultur in Österreich.

Aber es gibt auch Länder, wo ganz anderes zur Kultur gehört: Ehrenmorde, Genitalverstümmelungen oder Zwangsverheiratung. Sagt die Frau Innenminister. Und bei uns in Österreich wird dann das, was woanders selbstverständlich ist, zum Kulturdelikt. Das sachliche Wort „Delikt“ genügt für Maria Fekter offenbar nicht, damit sind keine Wir-Gefühle zu wecken. „Kulturdelikt“, damit kann man fremde Kulturen anpatzen und die eigene herausstreichen. Und gleichzeitig hebt man sich ab von jenen Rabauken, die ihrer Ausländerfeindlichkeit ungeniert direkt freien Lauf lassen. Zwei Fliegen auf einen Streich.

„Kultur“ als Vokabel der Ausgrenzung, das hat man in Österreich schon immer beherrscht. Man versteht sich ja auch nicht gerne als Staatsnation wie etwa die Schweiz oder die USA. „Staatsnation“, das ist so technisch-nüchtern wie „Delikt“. Und da könnte ja jede/r Mitglied werden, dem/der wir einen Pass geben (was wir ohnedies immer seltener machen). Aber wenn wir uns zur Kulturnation überhöhen, sind die Grenzen dicht und nach Bedarf verschiebbar. Denn was im einzelnen genau zu dieser kulturellen Gemeinsamkeit in Österreich gehört, ist nicht so einfach auszumachen. Leben ein Wiener Beamter, ein Tiroler Bergbauer und ein Grazer Taxifahrer überhaupt in derselben Kultur?

Dass man das alles nicht so genau weiß, sieht man auch an den Diskussionen über die Bedingungen für die Erwerbung der österreichischen Staatsbürgerschaft. Muss, wer in Oberösterreich eingebürgert wird, über Goldhauben Bescheid wissen, und sind in Tirol Trachten-Grundkenntnisse nötig – auch wenn ein Wiener von beidem nichts versteht und dennoch österreichischer Staatsbürger ist? Gut, dass Frau Fekter bislang für Zuwanderer nur Deutschkurse bereits in der Heimat gefordert hat. Sie könnte ja auch Grundkurse in „österreichischer Kultur“ fordern: Walzer tanzen, Apfelstrudel backen, Volksmusik – die Palette ist endlos. Und die Zuwanderer werden nie alles erfüllen. Auch die aus Deutschland nicht. Was uns nicht stört, denn auch dorthin grenzen wir uns nur allzu gerne ab.

Ganz fremd ist diese Kulturkeule freilich auch außerhalb Österreichs nicht. Die Rede von der „europäischen Kultur“ dient ja vielerorts hauptsächlich dazu, um auf vornehme Weise auszudrücken, dass die anderen halt Barbaren sind. Wer das offen sagt, ist Rassist. „Europäische Kultur“ ist die salonfähige Variante, der verkappte Rassismus der Oberschicht.

In Österreich freilich ist die Kulturkeule schon immer intensiver im Einsatz, denn das Land ist klein und kann sich nur bedingt über die Sprache definieren, weil es Deutsch (ungeachtet der Nationalvarianten) mit zwei Nachbarländern teilt. Also gibt es Abgrenzungsprobleme. Und welcher Zaun könnte uns mehr schmeicheln als das Zauberwort „Kultur“?

Das braucht niemanden zu hindern, sich über die blühende Kultur zwischen Salzburg und Oberzeiring, zwischen Wien und Hohenems zu freuen. Kunst und Kultur waren schon immer ein Erkenntnis- und vor allem Erfahrungsinstrument fremder Welten – von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ bis zu den Romanen von Orhan Pamuk oder Dimitré Dinev, die derzeit bei den Salzburger Festspielen zu Gast sind.

Doch so kann Kultur nur wirken, wenn sie von der Aufgabe befreit wird, die Identität des eigenen Staates zu sichern. Würde Österreicher zu sein nur vom Reisepass abhängen und nicht von Lederhose, nasalem Wienerisch oder Kärntner Kasnudeln, dann könnten vielleicht auch Ehrenmord, Zwangsverheiratung und Genitalverstümmlung nur Delikte sein – schwerwiegende Delikte, gegen die der Staat vorgehen muss. Aber eben keine Kulturdelikte. „Kultur“ als Keule gegen andere Kulturen einzusetzen – das ist wirklich ein Delikt.