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Garten statt Tagesstätte

Wittgenstein formulierte dereinst, ebenso leise wie bescheiden, dass man über Dinge schweigen solle, über die man nichts wisse. Hier geht es doch um ein starkes Stück, nämlich um eine fundamentale Kritik der Institution „Kindergarten“ in ihrer Essenz.
Die Behauptung, dass es im Kindergarten nur um Aufbewahrung und Betreuung gehe und dass der Kindergarten keine pädagogische Einrichtung sei, zeugt von einer gewissen docta ignorantia, von einer gelehrten Unwissenheit. Gelehrt deshalb, weil heute jeder gebildete Mensch in Bildungsfragen mitreden möchte, nur weil er selbst einmal Bildungseinrichtungen durchlaufen hat. Wer sich genau mit der Geschichte des Kindergartens auseinandergesetzt hat, der weiß, dass dieses auf Fröbel zurückgehende Konzept, das von der Reformpädagogik (wirklich, da steckt Pädagogik drinnen) noch erweitert wurde, eine dem kindlichen Entwicklungsstand entsprechende Formung des Kindes gewährleistet. Das Spiel ist die angemessene Form des Lernens für ein Kindergartenkind, dies kann durchgehend entwicklungspsychologisch aufgezeigt werden (Piaget et al). Auch die neuere Gehirnforschung und ihre praktische Disziplin, die Neurodidaktik, spricht von spielerischer Vermittlung von Bildungsinhalten. Natürlich wird auch die Ausbildung der Kindergartenpädagoginnen (ja, so heißt das) ständig im Sinne von Qualitätssicherung an moderne wissenschaftliche Standards angepasst (vielleicht ist hier auch die Lektüre des OECD-Berichts „Starting strong“ hilfreich).
Der Kindergarten war und ist eine pädagogische Einrichtung, eine Bildungseinrichtung, in der Pädagogik als absichtsvolles und zielgerichtetes Handeln verstanden wird. Selbstverständlich werden die so genannten Schulanfänger auch im Rahmen einer altersgemischten Gruppe an die Aufgaben der Schule herangeführt. Seit vielen Jahren bin ich nun Lehrer an einer Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik (BAKIP) in Steyr, und ich kann Ihnen versichern, dass der Name dieser Schulen Programm ist:
• Erstens sind es die einzigen Schulen, die das Wort „Bildung“ wirklich im Namen führen.
• Zweitens ist der Begriff des Kinder-Gartens (lat. hortus) Garant für jenen Raum, den Kinder brauchen um gut zu gedeihen. Überlegen Sie sich einmal Assoziationen zur deutschen KITA (Kindertagesstätte), wo man diesen wunderbaren Fröbel’schen Begriff schon gemordet hat (ja, das klingt wirklich nach Aufbewahrung oder fast nach „Kinderaufzucht“, wie es die Apologeten der 68er formulierten).
• Drittens kommt Pädagogik (griech. paideia) vor, Erziehung, die nicht nur Aufziehen, sondern persönliches Wachstum, Höherziehen bedeutet. Angehende Kindergartenpädagoginnen sind sehr stark damit beschäftigt, ihr pädagogisches Handeln sittlich zu rechtfertigen. Ja, das pädagogische Ethos ist integraler Bestandteil der Ausbildung zur Kindergartenpädagogin!
Prof. Dr. Martin Vogelhuber
Stv. Obmann des gewerkschaftlichen Betriebsausschusses der BAKIP Steyr
4400 Steyr, Neue-Welt-Gasse 2
martin.vogelhuber@inode.at