Einzelnen Beitrag anzeigen

02/2018 - Erregung von Ärgernissen (Otto Friedrich)
  #1  
Alt , 04:10
Erregung von Ärgernissen

Vom Shitstorm in Wien bis zum Irrlichtern aus dem Weißen Haus sind zivilisatorische Rückschritte evident. Es ist unabdingbar, sich damit nicht abzufinden.


| Von Otto Friedrich

Der Shitstorm um das Wiener Neujahrsbaby Asel hatte es in sich: Würden die Invektiven, die in den sozialen Medien über das Kind und dessen kopftuchtragende Mutter gedruckt erscheinen, die Gerichte wären hierzulande längst beschäftigt. Aber im weltweiten Netz ist es gang und gäbe, alles Mögliche hinauszurotzen, was noch bis vor wenigen Jahren bestenfalls in illuminierten Stammtischrunden zu hören war.
Keine Frage, derartige Entwicklung gibt Anlass zur Sorge. Man darf da schon zivilisatorische Rückschritte konstatieren: Denn das Menschenrecht auf freie Rede ist dort zu begrenzen, wo die Menschenwürde einer einzelnen Person tangiert wird. Das ist hier zweifellos der Fall. Die zivilisatorische Einhegung des Rechts auf freie Rede funktioniert somit bei den global-medialen Mechanismen nicht mehr. Schön, wenn kreative Köpfe wie Wiens Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner
Gegenmaßnahmen ersinnen: Seine Flowerrain-Kampagne bescherten Asel und ihrer Familie virtuelle Blumenmeere – der Bundespräsident und der Kardinal beteiligten sich ebenso daran wie Tausende anderer. Es ist zweifelsohne richtig, punktueller Unbill mit punktuellem Einfallsreichtum zu begegnen. Doch das gesellschaftliche Problem, das sich auch hinter besagtem Shitstorm wider das Neujahrsbaby verbirgt, verlangt grundsätzliche Reflexion.

Globalisierung unappetitlicher Botschaften

Denn zum einen wird offenbar, dass die Instrumentarien, mit denen ein gedeihliches Zusammenleben organisiert werden soll, immer noch auf lokales und direktes Eingreifen abzielen. Dafür jedoch, dass jeder rassistische oder sonstwie menschenfeindliche Rülpser eben nicht mehr auf eine Wirtshausrunde beschränkt bleibt, sondern in, wie man heute sagt, „Echtzeit“ jeden Winkel des Globus erreicht, sind diese Instrumentarien ungeeignet. Denn die Verbreiter der unappetitlichen Botschaften sind für die lokale Judikative oft nicht greifbar.
Dabei scheinen die Auswirkungen dieser Art von Globalisierung seit Jahren längst evident. Man erinnert sich, dass schon vor einiger Zeit Behauptungen über Koranverunstaltungen durch „Ungläubige“ im Westen binnen Stunden zu Massenprotesten in Weltgegenden wie Afghanistan oder Pakistan geführt haben. Oder: Wer sich auf den papstfeindlichen Internetseiten umtut, wundert sich kaum mehr, dort zu erfahren, wie auf den Philippinen ein Pfarrer im Skateboard durch seine Kirche fuhr – was in weiterer Folge als Beleg dafür herhält, in welche Abgründe Franziskus seine Kirche führt. Derartige Beispiele lassen sich beliebig forstetzen.

Unerträgliche Geilheit der Erregungsgesellschaft

Zum anderen zeigt sich, dass die Orts- wie die Weltgesellschaft vom Virus der Erregung befallen sind. Auch dies ist keine neue Entwicklung. Aber mit der globalen Vernetzung wie mit der praktisch zeitgleichen Verbreitung der Erregung nach überall hin, erhalten diese Vorgänge ungeahnte Dimensionen.
Es ist ja evident, dass die politischen Akteure und ihre Taten längst dieser Erregungsattitüde geschuldet sind. Den Narzissten im Weißen Haus etwa, der sein Land und – wenn er kann – auch die Welt mit infantilen 140-Zeichen-Sätzen regiert, muss ebendiese Welt nun schon ein Jahr lang ertragen.
Dabei ist Donald Trump ja selber ein Produkt der medialen Erregungsgesellschaft, die in ihrer Geilheit um Einschaltziffern eine irrlichternde Gestalt wie ihn weit mehr befördert als eine sachlich orientierte Politik, die idealtypisch das Wohl der Menschen im Auge hat. Denn solche ist ja weder sexy, noch bringt sie Quote.
Insofern sind der Shitstorm im Wien des Jahres 2018 und das unerträgliche Imponiergehabe aus 1600 Pennsylvania Avenue, Washington D.C., nur zwei Seiten einer Medaille, die zeigen, wie dringlich es ist, global um den menschengerechten Umgang mit diesen Phänomenen zu ringen.