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14/2016 - Der Streit um das Kraut
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Ungelesen 06.04.2016, 08:13
Der Streit um das Kraut

Die Cannabis-Pflanze feiert ein spektakuläres Comeback in der Medizin.
Einblick in eine emotional geführte deutsche Debatte.


| Von Martin Tauss

Es kann schon einmal etwas durcheinanderkommen, wenn es um diese umstrittene Pflanze geht. An „Cannabis sativa“ scheiden sich die Geister: ganz egal ob wieder einmal die Legalisierung als Rausch- und Genussmittel diskutiert wird, seine therapeutische Anwendung teils giftige Debatten hochkochen lässt oder die beiden Bereiche vermischt werden. So wie derzeit mitunter in Deutschland: „Dabei ist viel Emotion im Spiel“, stellt Peter Cremer-Schaeffer in seinem aktuellen Cannabis-Buch fest. „Und viel Unkenntnis über die Wirkung der Pflanzeninhaltsstoffe. Das Thema eignet sich für Schlagzeilen, weckt Ängste und Abwehr, und wird ideologisch nur allzu gern instrumentalisiert: Die Sachdiskussion werde dadurch massiv erschwert, so der Facharzt für Anästhesiologie, der seit 2009 die Bundesopiumstelle am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn leitet.
Die deutsche Bundesregierung will nun mit einem neuen Gesetz den Hanfanbau und Handel für medizinische Zwecke regeln, ebenso wie die Kostenerstattung durch die Krankenkassen in „medizinisch begründeten Fällen“. Hierfür soll eine staatliche Agentur im Rahmen des BfArM aufgebaut werden. Eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt kehrt somit in den Waffenschrank der Medizin zurück: Bereits im zweiten Jahrtausend vor Christus wurde sie als Heilmittel angewendet. Im mittelalterlichen Europa wusste etwa Hildegard von Bingen von der Heilkraft des Hanfs zu berichten.

Deutschland im internationalen Trend

Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen sollen laut deutschem Gesetzesentwurf erstmals mit „Medizinalhanf“, also getrockneten Cannabis-Blüten, versorgt werden können. Bislang sind nur Rezepturen und Fertigarzneimittel mit den isolierten Cannabis-Wirkstoffen verfügbar. Von den therapeutischen Cannabis-Effekten profitieren etwa Patienten mit chronischen Schmerzen oder spastischen Krämpfen bei Multipler Sklerose oder Querschnittslähmung. Auch Schlafstörungen, Glaukom oder das Tourette-Syndrom – ein Nervenleiden charakterisiert durch Tic-artige Bewegungen – zählen zum Spektrum heutiger Cannabis-Anwendungen. Zudem kommen Cannabis-Präparate zur Appetitsteigerung sowie bei Übelkeit und Erbrechen aufgrund von Chemotherapie zum Einsatz. Und derzeit werden immer mehr potenzielle Anwendungsgebiete für Cannabis benannt, wie Cremer-Schaeffer bemerkt. Dass in den Cannabis-Pflanzen eine wahre Schatzkiste hinsichtlich künftiger Medikamente verborgen ist, hofften bereits die israelischen Forscher, die gegen Ende der 1980er-Jahre das körpereigene Endocannabinoid-System entdeckt hatten, an dem die entsprechenden Wirkstoffe andocken.
Mit dem aktuellen Gesetzesentwurf folgt Deutschland einem internationalen Trend: In Israel etwa wurde vor neun Jahren ein erstes staatliches Cannabis-Programm etabliert. Die Patienten werden dort mit Cannabis aus staatlich kontrolliertem Anbau versorgt. Der Hanfanbau ist in Israel heute zunehmend zum Wirtschaftsfaktor geworden: Immer mehr Anbauer wollen eine staatliche Lizenz erwerben, um an diesem Geschäft teilhaben zu können.

Selbsthilfe mit Joint

Auch die Niederlande, Kanada sowie Australien zählen zu den Staaten, in denen Patienten über ärztliche Verschreibung mit Cannabis behandelt werden. Und in den USA können kranke Menschen in 24 Bundesstaaten legal Cannabis zu sich nehmen. In Österreich stehen die Räder noch still. Es sind mehrere Argumente, die in der Bundesrepublik für den „Medizinalhanf“ ins Treffen geführt werden: Die derzeit verfügbaren Cannabis-Präparate in den Apotheken sind teuer; die Kosten werden in der Regel nicht von den deutschen Kassen übernommen. Schwerkranke Schmerzpatienten greifen daher mitunter zur Selbsthilfe, meist in Form von Joints, mit denen sich die Cannabis-Wirkung besser steuern lässt als bei der Aufnahme über den Verdauungstrakt. Dadurch aber können die Patienten auch rasch ins Visier der Justiz geraten. Der unkontrollierte Eigenanbau soll durch das neue Gesetz eben verhindert werden.

Warnung vor Bagatellisierung

Grundsätzlich begrüßt die deutsche Ärzteschaft die Erleichterung der Cannabistherapie: Kritik kommt aber von der Bundesärztekammer und der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: Für den Einsatz von „Medizinalhanf“ gebe es noch keine gesicherten wissenschaftlichen Daten. Der Gesetzesentwurf sieht daher vor, die Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen mit der Teilnahme an begleitender Forschung zu koppeln: Anhand dessen soll bis 2019 darüber entschieden werden, unter welchen Bedingungen die Cannabistherapie erstattet werden soll. Ebenso wenig sei eine exakte Dosierung mit getrockneten Pflanzenteilen möglich: Das gilt für das Rauchen, das per se gesundheitsschädlich ist, sowie für die Beimengung der Cannabis-Blüten zu Butter oder Öl. Medizinisches Cannabis sollte auf fixe Applikationsformen wie Tees oder Inhalationen beschränkt werden, empfiehlt die deutsche Apothekervereinigung. Auch die Frage der Produktqualität dränge sich auf, solange die Anforderungen nicht genau definiert wurden.
Wer sich einen Überblick über die vielschichtige Diskussion verschaffen möchte, ist mit Cremer-Schaeffers knapp gehaltenem Fachbuch gut bedient. Der Autor ist um Ausgewogenheit bemüht und zeigt auf, dass Cannabis grosso modo ungefährlicher ist als die legalen Drogen Alkohol und Tabak. Er warnt aber auch vor einer entsprechenden Gegenbewegung, die zu einer Überhöhung als therapeutisches „Wundermittel“ und zu einer Bagatellisierung der Risiken führen könnte. „Die medizinische Versorgung mit Cannabisprodukten wird ausgeweitet werden“, ist der Autor überzeugt. Aber noch fehlen die Studien: „Denn so viel Hoffnung auch in Cannabis gesetzt wird – es handelt sich um ein Arzneimittel, das bisher nicht ausreichend geprüft ist.“


Cannabis. Was man weiß,
was man wissen sollte.
Von Peter Cremer-Schaeffer. Hirzel 2016.
122 Seiten, kart.,
€ 15,30

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