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17/2016 - Gehend den Geist beflügeln
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Ungelesen 27.04.2016, 07:53
Gehend den Geist beflügeln

Loblied auf die Kultur des Zu Fuß-Seins: Warum gerade Dichter und Denker das Flanieren,
Spazieren und Wandern beschwören.


| Von Michael Kraßnitzer

Sören Kierkegaard war ein leidenschaftlicher Spaziergänger. Gehen war ihm eine Quelle von Inspiration und Kraft: „Ich bin zu meinen besten Gedanken gegangen, und ich kenne keinen Gedanken, der so bedrückend wäre, dass man ihn nicht gehend hinter sich lassen könnte.“ Der dänische Philosoph war beileibe nicht der einzige Geistesmensch, für den die Fortbewegung zu Fuß eine subjektive Notwendigkeit darstellte. Nicht nur Denker, sondern auch zahllose Literaten bekannten sich zu ihrer Passion, per pedes von einem Ort zum anderen zu streben. „Wenn ich nicht schnell und weit gehen könnte, würde ich explodieren und sterben“, bekräftigte Charles Dickens. Und Henry David Thoreau war überzeugt: „Ich glaube, dass ich meine körperliche Gesundheit nur bewahre, indem ich täglich mindestens vier, gewöhnlich jedoch mehr Stunden damit verbringe, völlig frei von allen Forderungen der Welt durch den Wald und über Hügel und Felder zu schlendern.“
All diese Zitate finden sich in einer jüngst erschienenen Anthologie über das Gehen: „Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß“, herausgegeben von Ilija Trojanow (unter Mitarbeit von Susann Urban), eine der schönen Ausgaben der „Anderen Bibliothek“. Trojanow ist selbst ein begeisterter Wanderer und Spaziergänger. Sein erster großer Fußmarsch war prägend: Als Kind flüchtete er gemeinsam mit den Eltern von Ost nach West, zu Fuß überwanden sie bei Nacht und Nebel den Eisernen Vorhang.

„Träumereien des einsamen Wanderers“

Gehen ist des Menschen ureigenste Art der Fortbewegung. Zum Thema der Dichter und Denker wurde das Gehen erst, als es durch die Verbreitung neuer Transportmittel in der Epoche der Romantik seine Selbstverständlichkeit einbüßte. Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Hölderlin waren begeisterte Wanderer. Die englische Literatur würde ohne ihre passionierten Spaziergänger nur ein kümmerliches Dasein fristen: Robert Louis Stevenson, Sir Walter Scott, Jane Austen und die Brontë-Geschwister waren allesamt exzessive Geher. Gemeinsamer Urvater war Jean-Jacques Rousseau, jener Romantiker avant la lettre, der nicht zuletzt in den „Träumereien des einsamen Wanderers“ ein Zurück zur Natur predigte, auch wenn er diese Formulierung selbst nicht gebrauchte.
Glaubt man all den vorliegenden literarischen Zeugnissen, dann kommen mit dem Körper auch die Gedanken in Bewegung: Gehen als Quell von Erkenntnis, Sinn, Freude, Euphorie, Ekstase. Gehen ist jedoch mehr als ein Ansporn für große Gedanken und Gefühle. Es ermöglicht dem Gehenden auch eine andere, besonders intensive Wahrnehmung der durchgangenen Landschaft: Gehen ist also auch ein Akt der Erkundung, des Erforschens. „Wer glaubt, man sieht mit den Augen allein, irrt. Wer ausschreitet, der lernt mit dem ganzen Körper zu sehen“, schreibt Trojanow. Bereits die englische Schriftstellerin Elizabeth von Arnim kam zu einem ähnlichen Befund: „Wandern ist die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will.“ Mit dem Begriff „dérive“ hat Guy Debord eine – stark architekturtheoretisch geprägte – Strategie der spielerischen Aneignung einer Stadtlandschaft durch Fußgänger entworfen.

Spielerische Aneignung der Stadt

Die Zu-Fuß-Gehenden können ja mittlerweile in vier Gruppen eingeteilt werden: den Wanderer