ro ro

Themen-Optionen Ansicht

31/2017 -Erinnerung, gemalt in Verzerrungen
  #1  
Ungelesen , 07:44
Erinnerung, gemalt in Verzerrungen

Der Mensch sucht nach Bestätigung und Identität. Deshalb kleistert er sich sein Vorleben oft schöner zusammen, als es tatsächlich war. Psychologische Hintergründe.

| Von Teresa Freudenthaler


Gleich hinter der Tür stehen sie überlebensgroß, der Kaiser und seine Sisi. Eine Schülergruppe hat sich in einem Halbkreis um die Pappfiguren versammelt und lauscht ergriffen den Ausführungen eines Guides über die Zeit, als Schönbrunn noch unter dem Doppeladler strahlte. Wenn es denn je strahlte. Aber das ist egal an diesem Tag im Souvenirshop im Kaiserschloss von Schönbrunn. Selbst als der Guide über die nicht sonderlich romantische Ehe des Kaiseres und seine Verhältnisse spricht, ändert sich der verzückte Gesichtsausdruck der Zuhörer nicht. Schönbrunn und seine Herrscher sind ein Zustand, an dem die historische Realität nicht zu rütteln vermag.
Warum ist Nostalgie derart resis*tent? Die Klinische und Gesundheitspsychologin Helga Kernstock-Redl kennt die Antwort: „Unser Hirn neigt dazu, bereits Bekanntes als angenehm zu erleben. Die Werbepsychologie hat das detailliert erforscht: Einen Namen schon einmal gehört oder eine Verpackung schon einmal gesehen zu haben, scheint auch dann eine Empfehlung zu sein, wenn der Zusammenhang der früheren Begegnung völlig neutral gewesen ist. Es gibt viele solcher Erinnerungsfehler und kognitiver Verzerrungen zum Schutz unseres Selbstwertgefühls. Was nicht zu unserem Selbstbild oder Weltbild passt, tritt in den Hintergrund und geht in der Flut der Erinnerungen unter. Was wir häufig und gern erzählen, wird immer lebendiger und nimmt in unserer Biografie mehr Raum ein.“
Außerdem wecke Nostalgie bestimmte Teilerinnerungen und die damit verbundenen positiven Gefühle. „Die Kindheit oder Jugend hatte immer einzelne Highlights: das kann ein sonntägliches Eis gewesen sein oder ein Musikstück. Solche Dinge erinnern nicht nur den Kopf, sondern auch unseren Körper. Das ist derselbe Mechanismus wie bei traumatischen Triggern, nur positiv. Je seltener solche Highlights, umso stärker der positive Effekt“, so die Psychologin.

Sehnsucht nach der Diktatur


Das macht Sinn. Denkt man allerdings an den Trend der Ostalgie – der Sehnsucht nach den Verhältnissen, die in der DDR geherrscht haben –, stellt sich einem rasch die Frage: Wieso sehnen sich Menschen nach einem sozialistischen Regime zurück? Weltweit feierte man den Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung West- und Ostdeutschlands. Trotzdem kam bereits in den 1990ern das Phänomen der Ostalgie auf. Plötzlich wurden sogenannte Ostalgie-Partys veranstaltet: mit DDR-Symbolen als Dekoration, Kleidung im DDR-Stil und Musikhits aus dem ehemaligen Ostdeutschland gedachte man der früheren Zeiten. Anfang des neuen Jahrtausends flimmerten sogar diverse Ostalgie-Sendungen über die Bildschirme, etwa die „Ostalgie-Show“ auf ZDF. Bis heute scheint der DDR-Trend ungebrochen: Einige Geschäfte und Online-Shops bieten ihren Kunden immer noch Produkte ehemaliger Ost-Marken zum Kauf. Den Höhepunkt der Ostalgie-Welle sehen heute viele im Jahr 2003, als der deutsche Spielfilm „Good Bye, Lenin“ erschien. Seán Allan, Germanistik-Professor an der Universität St. Andrews in Großbritannien, veröffentlichte 2003 den Artikel „Good Bye, Lenin! Ostalgie und Identität im wiedervereinigten Deutschland“. In diesem nimmt er Bezug auf den deutschen Erfolgsfilm und geht näher auf das Phänomen der Ostalgie ein. „Anders jedoch als die Unmengen von Fernsehsendungen zum Leben in der ehemaligen DDR (…), geht es in Beckers Film um ein differenzierteres Verständnis von Ostalgie. Denn obgleich der Film die ultimative ostalgische Fantasie auf die Leinwand bringt, nämlich eine Auferstehung der DDR in der Welt nach der Wende, provoziert er den Zuschauer, sich eben gerade mit diesem Phänomen ‚Ostalgie‘ kritisch auseinander zu setzen.

Im Sinn der Identität

Dementsprechend verweist ‚Good Bye, Lenin!‘ auf die Wichtigkeit von Erinnerungen (sowohl von individuellen als auch kollektiven) bei dem Prozess, eine neue gesamtdeutsche Identität zu entwickeln (…)“, schreibt Seán Allan, der selbst eine Zeit lang in der DDR gelebt und studiert hat. Hat Ostalgie also nichts mit Nostalgie zu tun, sondern damit, dass die Bewohner des ehemaligen Ostdeutschlands nach der Wende eine Art Identitätsverlust erlitten? Mussten alle Deutschen erst wieder zu einer gemeinsamen Identität finden?
Psychologin Helga Kernstock-Redl sagt dazu: „Wenn ich mir die Lebensereignisse von Menschen schildern lasse, dann gibt es immer Positives und Negatives. Selbstverständlich erzeugt die Erinnerung an das Gute in der Vergangenheit auch gute Gefühle in der Gegenwart und danach suchen wir Menschen ständig. Wichtig ist allerdings, das Schlechte nicht zu vergessen. Das wünscht sich wohl niemand zurück. Wir haben ein Gehirn, das typischen psychologischen Gesetzmäßigkeiten folgt. Es macht Fehler, etwa kognitive Verzerrungen. Bei einer Erinnerungsleistung rekonstruieren wir aus lückenhaften Informationen eine plausible Version der Vergangenheit. Oft stimmen die Versionen, aber nicht immer.“
Positives und Negatives aus der Vergangenheit gleichermaßen in Erinnerung zu behalten scheint essenziell, um in der Gegenwart glücklich sein zu können. Und lebt man im heutigen Österreich, sollte man meinen, es gäbe genügend Gründe, zufrieden zu sein. Hier herrscht Frieden, das Gesundheitssystem ist intakt und der Zugang zu Bildung steht allen offen. Seit 1945 ist Österreich wieder eine demokratische Republik, in der Staatsbürger ab 16 Jahren wählen dürfen. Sieht man sich die derzeitige Lage anderer Staaten an, ist klar: Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und doch gibt es eine Partei, die unzufrieden ist: Die „Schwarz-Gelbe Allianz“, auch die „Monarchisten“ genannt. Das Ziel: Österreich soll eine konstitutionelle Monarchie werden. „Unser Vorbild ist das Fürstentum Liechtenstein“, erzählt Nicole Fara, Obfrau der „Schwarz-Gelben Allianz“. In nächster Zeit möchten die Parteimitglieder vor allem Aufklärungsarbeit leisten, denn: „Schon in der Schule lernt man von ‚den bösen Habsburgern‘. Der Adel und die Monarchisten werden in Österreich regelrecht diskriminiert.“ Durch Vorträge von Adeligen und polizeilich genehmigten Kundgebungen sollen die Menschen richtig informiert werden. 2019 will die Partei bei den EU-Wahlen antreten, „mit einem Kandidaten aus dem Hochadel“. Eine konstitutionelle Monarchie samt Monarch aus dem Hause Habsburg sei wünschenswert, sagt die Obfrau.

Faszinierend kreativ

Nicht viele scheinen der Monarchie hinterher zu trauern, vor allem unter jungen Leuten. Und doch liegt der Altersdurchschnitt der Parteimitglieder zwischen 25 und 30 Jahren. Woher kommt aber die Sehnsucht nach einer Zeit, in der man selbst nie gelebt hat? Psychologin Helga Kernstock-Redl erklärt: „Unser Gehirn neigt in faszinierend kreativer Weise dazu, Lücken zu füllen. Je weniger man tatsächlich weiß, umso mehr Raum für Fantasie. Die Geschichtsschreibung tut ihr Übriges dazu, weil sie in der Regel nicht das Alltägliche, sondern das Besondere beschreibt und daraus eine in sich geschlossene, logische Geschichte machen möchte. Unpassendes kommt in Büchern und Filmen nicht vor.“
Diese selektive Wahrnehmung kann auf der persönlichen Ebene schädlich wirken. Kernstock-Redl: „Zu viel des Guten ist schlecht. Wer nur mehr der Vergangenheit nachtrauert, sieht nicht, was die Gegenwart bietet. Wer nur an fremden, früheren Leben interessiert ist, verpasst das eigene Hier und Jetzt.“ Der deutsche Komiker und Sänger Karl Valentin, der einmal sagte: „Heute ist die gute, alte Zeit von morgen.“

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  21:13:59 07.20.2005