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40/2017 - „Leben wir in der richtigen Gesellschaft?“
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Ungelesen , 10:56
„Leben wir in der richtigen Gesellschaft?“

Sophie Loidolt im Gespräch über das kritische Potential der Faulheit, grassierende Ideenlosigkeit und die Notwendigkeit, sich nicht mit dem Status quo abzufinden.

| Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner

Unsere moderne „Betriebsamkeitsgesellschaft“ hat gewiss viele Vorzüge, räumt die Philosophin Sophie Loidolt ein. Aber wir bräuchten mehr Muße, um „Unterbrechungen“ des Systems zu schaffen.

DIE FURCHE: Wir diskutieren hier über den „Mut zur Faulheit“. Ist das nicht ein Luxusproblem? Man muss dazu einen bestimmten Level an Wohlstand und sozialer Sicherheit erreicht haben, um sich Muße leisten zu können.
Sophie Loidolt: Einerseits ist das sicherlich richtig. Aber es geht hier darum zu reflektieren, in welcher Art von Gesellschaft wir uns gegenwärtig befinden. Und das ist eine Betriebsamkeits-, Kapital- und Konsumgesellschaft, die uns ständig in Atem hält und die uns eigentlich kaum mehr die Räume eröffnet, in denen wir sinnvoll nichtstuend sein können, weil das sofort negativ konnotiert wird. Wir leben heute zwar immer länger, aber wissen wir, was der Sinn davon ist und was uns glücklich macht? Das ist nicht nur ein Problem einer Wohlstandsgesellschaft. Wir haben es mit einer globalen Form des Kapitalismus zu tun, die Gesellschaften und Kulturen weltweit unterwandert und vielleicht regionale Lebensformen, Muße- oder Spiritualitätspraktiken zerstört.
DIE FURCHE: Aber hat nicht die Betriebsamkeitsgesellschaft, deren Grundlage die kapitalistische Wirtschaftsordnung ist, in Kombination mit dem technologischen Fortschritt, gerade im globalen Maßstab, ein Maß an Wohlstand und Sicherheit erreicht, das bisher unbekannt war? Mehr als alle Umverteilungsprogramme und alles, was im Namen von Armuts- und Hungerbekämpfung unternommen wurde?
Loidolt: Da stimme ich zu. Aber nur weil etwas nicht generell schlecht ist, ist es nicht gleich generell gut. Es gibt sicher viele Fortschritte, etwa technologische, auf die niemand von uns verzichten wollte – und die gerade ärmeren Regionen geholfen haben. Aber das bedeutet nicht, dass diese Entwicklungen keine Schattenseiten hätten. Das 20. Jahrhundert hat ja die Vorstellung des 19., dass uns der Fortschritt nur Segen bringen wird, ziemlich dramatisch widerlegt. Es geht also nicht darum, Technik und Wirtschaft generell abzulehnen, sondern zu fragen: Was macht das mit uns? Da geht es nicht nur um das große Ganze, sondern vielfach um die kleinen Dinge des Alltags: Was macht das mit uns, dass wir ständig an unserem Smartphone hängen, dass wir den ganzen Tag in irgendwelchen Dingen drinnenstecken?
DIE FURCHE: Was könnte „Mut zur Faulheit“ bedeuten, was wäre das kritische Potential der Faulheit?
Loidolt: Es geht um Alltagspraktiken. Was heißt Mut auf der kleinen Ebene? Zu sagen: Ich bin nicht erreichbar. Man klinkt sich aus. Auf der großen Ebene würde es heißen: Wie denken wir Arbeitsverhältnisse neu, sodass wir weniger arbeiten und mehr freie Zeit bleibt?
DIE FURCHE: Jetzt frage ich Sie ganz persönlich: Kann man sich Faulheit bei einer akademischen Laufbahn wie Ihrer erlauben?
Loidolt: Kaum. Es gibt im akademischen Bereich eine unglaubliche Überproduktion an Texten, die keiner mehr lesen kann, weil es eben zu viele sind. Die lesen nicht einmal die Wissenschaftler selber, man sagt dann, dass das in dieser oder jener Fachzeitschrift gestanden ist, dann geht man davon aus, dass es gut sein muss und braucht es quasi nicht mehr zu lesen. Wenn ich aber ein Projekt einreichen will und in den letzten zwei Jahren nicht in den und den Journalen publiziert habe, dann komme ich nicht durch. Ich nehme mich da selber am meisten an der Nase: Wie tief stecken wir da drin? Der gute Kant hat einmal zehn Jahre nichts publiziert – unvorstellbar heute!
DIE FURCHE: Wir reden von weniger arbeiten im positiven Sinn. Gleichzeitig gibt es Szenarien, die uns vorhersagen, dass uns in den nächsten Jahrzehnten bis zu 50 Prozent der klassischen Arbeitsplätze wegfallen könnten …
Loidolt: Ich glaub das nicht so ganz. Es muss ja immer jemanden geben, der all diese Maschinen, die für uns arbeiten, wartet. Wir haben heute schon vielfach smarte, halbautomatisierte Haushalte. Das nimmt uns sehr viel ab, aber es entstehen auch neue Tätigkeitsbereiche, es braucht neues Know-how etc. Also dass wir, um es wiederum positiv zu formulieren, alle im Schlaraffenland leben, das kann ich mir nicht vorstellen.
DIE FURCHE: Eine Befürchtung geht auch dahin, dass hier ein immer größerer Graben entsteht zwischen jenen, die von diesen Entwicklungen profitieren, sie für sich nützen können, und jenen, welche damit überfordert sind und hinterherhinken …
Loidolt: Dieses Problem hat es, denke ich, immer schon gegeben. Wir sollten nicht nur Angst haben vor der Technik. Die Entwicklungen haben uns ja auch viele Dinge erleichtert, vor allem auch Freiräume geschaffen. Technik ist nicht einfach gut oder einfach schlecht. Sie ist das, was wir daraus machen. Der Sinn der Technikkritik ist es, aufzuzeigen, wie Technik unser Leben in allen Hinsichten prägt. Eine generelle Technikfeindlichkeit hielte ich für völlig falsch.
DIE FURCHE: Müsste man das nicht analog auch über die Wirtschaft sagen?
Loidolt: Ja klar, aber was hier dazukommt, ist, dass Wirtschaft ein Prozess ist. Was ist die Ökonomie? Sie versucht zu beschreiben, was passiert, wenn Menschen miteinander Handel betreiben: die Interaktionen samt allen Rationalitäten und Irrationalitäten, einschließlich dieses ganz eigenen darüber gebauten Systems der Finanzwirtschaft. Und die Frage ist, wie wir politisch mit diesen Interaktionen umgehen wollen. Wie kann es sein, dass, wenn der Markt sich so wunderbar selbst nach Angebot und Nachfrage regelt, die Reichen immer reicher werden? Solche Eigendynamiken gibt es in der Technik nicht.
DIE FURCHE: Aber der technologische Fortschritt ist untrennbar mit ökonomischen Interessen verbunden – man kann das eine nicht ohne das andere haben, oder?
Loidolt: Ich habe auch nichts gegen die Ökonomie oder gegen ökonomische Interessen. Ich glaube auch nicht, dass man sich aus Entwicklungen einfach ausklinken könnte oder sollte, ich halte nichts von Aussteigerphantasien u. Ä. Vielmehr geht es darum zu verstehen, wo ich mich befinde, mich in dieser Welt zu verorten.
DIE FURCHE:Das heißt, es geht nicht um einen Systemwechsel, sondern eher um ein Nachjustieren, um Kurskorrekturen …?
Loidolt: Also, wir leben nicht mehr in einem Zeitalter der Utopie. Die Ideologien, die uns sagen, wie die perfekte Welt aussähe, die es nun umzusetzen gälte – mittels Revolution oder wie auch immer – sind passé. Das hat natürlich mit der Erfahrung zu tun, dass die Versuche, am Reißbrett entworfene Gesellschaften konkret umzusetzen, meist sehr blutig verlaufen sind. Das kann nicht funktionieren, weil, wie Hannah Arendt gesagt hat, die Essenz des Politischen die Pluralität ist. Auf der anderen Seite ist die grassierende Ideen- und *Orientierungslosigkeit schon auch irritierend. Es scheint so, als hätten wir resigniert angesichts des globalen Kapitalismus. Wir haben anscheinend akzeptiert, dass es da keine Alternative gibt, dass man da nur da und dort ein bisschen reformieren kann. Aber so richtig glücklich sind wir damit offenbar nicht.
DIE FURCHE: Waren wir jemals glücklicher?
Loidolt: Das ist nicht die Frage. Die Frage ist nicht, was das höchste Maß an Glücksempfinden ist, sondern ob wir in der Gesellschaft leben, in der wir leben wollen und leben sollen.
DIE FURCHE: Aber die Menschen haben wohl nie ganz in der Gesellschaft gelebt, in der sie wollten …
Loidolt: Ja, aber was heute anders ist, ist diese globale Uniformität. Wir sind auf einen Erdball zusammengeschrumpft, wo alles vom selben System beherrscht ist. Deshalb müssen wir unsere Phantasie viel mehr mobilisieren. Deshalb brauchen wir auch mehr Muße oder „Faulheit“, um innerhalb dieses Systems für Unterbrechungen, Irritationen zu sorgen. Damit bricht sich vielleicht das revolutionäre Potenzial der Menschen wieder Bahn – möglicherweise nicht bei uns, sondern in anderen Weltgegenden. Einfach sich nur mit dem Bestehenden abzufinden, mit dem Status quo zufrieden zu sein, kann jedenfalls auch nicht die Lösung sein.

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