ro ro

Themen-Optionen Ansicht

07/2018 - Wider die „Wahrheit“ der Stimmungen
  #1  
Alt , 02:30
Wider die „Wahrheit“ der Stimmungen

Der Theologe und Religionsphilosoph Hans-Joachim Höhn analysiert das Spannungsfeld zwischen Religion und Medien in Zeiten von Social Media.

| Das Gespräch führte Otto Friedrich
| Mitarbeit: Benjamin Enajat

Beide sind seit Anbeginn untrennbar miteinander verbunden: Religion bedarf der Medien, um ihre Botschaften an Frau und Mann zu bringen. Und Medien boomen, das ist spätestens seit dem Siegeszug der Lutherbibel im deutschen Sprachraum evident, auch im Schlepptau der Religion. Übers Verhältnis der beiden heute sprach die FURCHE mit dem Kölner Theologen und Religionsphilosophen Hans-Joachim Höhn.

DIE FURCHE: Einem Theologen ist die Diskussion um den Relativismus wohlbekannt, der postuliert, dass Wahrheiten nicht „absolut“ gültig sind. Nun tritt im Diskurs um Medien eine ähnliche Fragestellung auf: Auch Nachrichten, Informationen sind nicht mehr fraglos „gültig“, sie werden als „Fake News“ oder „Lügenpresse“ gebrandmarkt.
Hans-Joachim Höhn: Die Idee des Relativismus ist ja: Ich kann von bestimmten Sachverhalten nur dann sagen, sie seien wahr, wenn ich dafür eine Bezugsgröße oder Hinsicht angeben kann. Wahrheit, abgelöst von bestimmten Bezügen, gibt es also gar nicht. Vielmehr muss ich sie in Relation setzen zu Interessen, Erwartungen, Bedürfnissen, Voreinstellungen. Dazu passt die Formel: Wahr ist, was stimmt. Prekär wird es, wenn die Ergänzung „was stimmt“ in die Formulierung übergeführt wird: „was sich stimmig in meine Erwartung einfügt“. Denn dann ist immer nur wahr, dem ich zustimmen kann, weil es sich in meine Vorlieben oder Abneigungen fügt. Der Gedanke, dass Wahrheit auch hart oder schmerzlich sein kann, geht verloren. Unterschlagen wird: Wahr kann auch das sein, was den Rahmen meiner Vorstellungen sprengt und mir nicht in den Kram passt.
DIE FURCHE: In der theologischen Diskussion – man denke etwa an Aussagen des emeritierten Papstes Benedikt XVI. – gab es das Schlagwort von der „Diktatur des Relativismus“. Ist der prekäre Trend, den Sie ansprechen, nicht gerade eine Folge des allgegenwärtigen Relativismus.
Höhn: Relativismus ist in gewisser Weise unvermeidlich. Dass man Dinge von verschiedenen Seiten sehen kann, ist ja unbestreitbar. Eine Statistik über die soziale Verteilung von Reichtum und Armut kann von der Caritas oder einer Investmentbank höchst unterschiedlich gedeutet werden. Perspektivenvielfalt behindert nicht zwangsläufig die Wahrheitsfindung. Deswegen muss ich beim Relativismus immer schauen: Wo hat er recht, und wo wird etwas verkürzt? Im Moment sehe ich eine Verkürzung darin, dass man sagt: Wer sagen will, was „stimmt“, muss auch auf Stimmungen achten. Wer sie verfehlt, findet keine Zustimmung – mag man auch noch so sehr im Recht sein. An dieser Stelle ist jedoch an die Grundidee des Relativismus zu erinnern. Wenn zu seinem Programm das Relativieren einer Sichtweise gehört, dann muss man auch das Maßnehmen an Stimmungen relativieren.
DIE FURCHE: In der politischen Diskussion mehren sich Stimmen, die argumentieren: Man müsse etwa die Wähler der AfD oder deren Kritik der Flüchtlingspolitik ernstnehmen; man müsse sie dort abholen, wo sie sind; tue man das nicht, dann werde man den Menschen nicht gerecht. Verstehe ich Sie richtig, dass Sie eine derartige Haltung kritisieren?
Höhn: Ja, wenn sie sich nur auf der Suche nach Zustimmung befindet. Insbesondere Politiker denken: Ich trete auf in einem Wettbewerb um maximale Aufmerksamkeit und Zustimmung – und mache mit meinen eigenen Zustimmungswerten dann auch Politik. Doch die Versuchung, bloß Stimmungen abzufragen und sich nach ihnen zu richten, führt in den Populismus. Stimmungen ernstzunehmen, ist ein Gebot der Stunde. Aber man muss auch danach fragen, wie berechtigt sie sind, und mit welchen Begründungen aus Stimmungen politische Optionen gemacht werden: Halten sie Nachfragen wirklich stand, oder stehen irrationale Aufregungen, unbegründete Ängste oder illusionäre Hoffnungen dahinter? Dieser Schritt wird meiner Einschätzung nach zu wenig gegangen. Ein Politiker muss den Finger in die Luft strecken und wahrnehmen, aus welcher Richtung der Wind weht. Aber er darf sich vom Wind des Populismus nicht einfach treiben lassen.
DIE FURCHE: Ein Indikator für die Verfasstheit der Gesellschaft sind die so genannten Sozialen Medien. In ihnen werden sehr viele, sehr kontroverse, sehr unreflektierte, sehr schnell dahingesagte Positionen in die Welt gesetzt. Erschwert dies den rationalen Diskurs nicht enorm?
Höhn: Ja. Wir stehen unter einem Beschleunigungsimperativ, der alle Medien erfasst. Jeder muss immer schneller das Neueste bringen. Aber das Veraltenstempo des Neuesten ist immens hoch. Dadurch stehen die Medien in der Versuchung, in einen Überbietungswettbewerb einzutreten: Wer setzt als Erster eine Push-Nachricht in die Welt, wer macht am schnellsten aus einem Gerücht eine Tatsache? Oft unterbleibt dabei der Test auf die Relevanz einer Neuigkeit oder auf die Nachhaltigkeit eines Trends. Der rationale Diskurs folgt nur bedingt dem kategorischen Imperativ der Temposteigerung. Er braucht Zeit und verlangt Geduld beim Suchen und Überprüfen guter Gründe, ob das jeweils Neueste auch etwas Vernünftiges ist.
DIE FURCHE: Kann man als Theologe dazu beitragen, diese Entwicklungen zu problematisieren?
Höhn: Wenn das so leicht wäre! Man wirft ja den etablierten Kirchen und Religionen vor, in ihrer Entwicklung sozialen Veränderungen ewig nachzuhinken. Daraus lässt sich vielleicht eine Tugend machen, indem man aufgrund der eigenen Langsamkeit einen Klärungsprozess strittiger Fragen länger durchhalten kann. Vielleicht sind Religionen sogar ein wichtiges Widerlager in einer Beschleunigungsgesellschaft, weil sie für das menschliche Bedürfnis an „Weltvertrauen“ einstehen. Ich kann mir nur selber und der Wirklichkeit trauen, wenn es genug von dem gibt, was bleibt, was mir vertraut ist und was nicht veralten kann. Gleichzeitig besteht die Gefahr, zu übersehen, dass man diese Tugend aus einer Not geschaffen hat und wieder in eine Notlage gerät, wenn man sich nur auf den Standpunkt stellt: Wir sind Bewahrer des zeitlos Gültigen. Das ist ja das Problem von „zeitlosen“ Wahrheiten, dass es nie eine Gegenwart gibt, in der sie existenziell bedeutsam und belangvoll werden. Die große Herausforderung einer religiösen Zeitgenossenschaft besteht darin, aufmerksam zu machen auf das, was an der Zeit ist und zugleich das zu sehen, was über den Tag hinaus Bestand hat. Religionen, die über eine große Tradition verfügen, stellen somit ein wichtiges Trägheitsmoment in der schnelllebigen Kultur dar. Aber darin liegt auch die Gefahr, zu wichtigen Fragen nur verspätet Stellung zu beziehen.
DIE FURCHE: Wenn Sie jetzt die Verfasstheit der Kirchen in unseren Kulturräumen anschauen: Auf welchem Weg würden Sie diese sehen, wenn Sie diese Imperative, die Sie gerade genannt haben, anwenden?
Höhn: Es gibt enorme Ungleichzeitigkeiten. Es ist ein interessantes Phänomen, dass die Kreise in der Kirche, gerade in der katholischen Kirche, die man eher als konservativ, als traditionsbewahrend einschätzen würde, die aktivsten sind, was entsprechende Internetplattformen oder Social Media-Aktivitäten angeht. Den technisch-instrumentellen Teil der Moderne übernimmt man, aber den aufklärerischen Teil der politischen Moderne schlägt man im religiösen Kontext aus. Dagegen sind die eigentlich progressiven, die innovativen und liberalen Kräfte in der Kirche weitaus zurückhaltender mit gut gemachten Internet-Auftritten. Dann muss auch noch weiter differenziert werden, wen wir mit „Kirche“ meinen: Wer sind die Akteure, auf die wir ein Auge haben? Sind das die Bischöfe, Pfarreien, Verbände, neue geistliche Bewegungen oder prominente Theologen, die eigene Blogs unterhalten? Etliche sind auf Facebook und Twitter unterwegs, sammeln Likes ein und scharen Follower um sich. Aber manche Themen – gerade im Kontext der Religion – sind zu komplex, um mit einem 140-Zeichen-Vorrat abgehandelt zu werden. Der Pferdefuß ist auch, dass überall dort, wo Sie eine Homepage so gestalten, dass man sich mit Meinungskundgaben eintragen kann, bald feststellen werden, dass es oft dieselben Akteure sind, dieselben notorischen Nerds, die sich dort verewigen und extrem bizarre Meinungen abladen.
DIE FURCHE: Analoges ist ja auch beim sogenannten „Islamischen Staat“ zu beobachten: Da ist eine archaische, gewaltaffine Auslegung des Koran und des Islam als Ganzes, aber gleichzeitig eine enorme Fertigkeit, auf der Klaviatur der modernen Medien zu spielen.
Höhn: Es ist ein sehr signifikantes Phänomen, dass es im Internet Dependancen religiöser, sozialer oder politischer Fundamentalismen gibt. Das ist ein Kennzeichen des modernen Fundamentalismus: Er halbiert die Projekte der Moderne. Er profitiert von ihren technischen Errungenschaften und nutzt sie für seine Opposition gegen die sozialen Emanzipations- und philosophischen Toleranzprojekte der Moderne.
DIE FURCHE: Die mediale Verfasstheit im Internet ist auch von „Blasen“ charakterisiert, also von Räumen, wo alle um sich selber kreisen, die eigentlich nicht wahrnehmen, was in anderen Wirklichkeiten vor sich geht, wo es andere Meinungen nicht gibt. Wie kommt man mit dieser Blasenbildung zu Rande?
Höhn: Zuerst wird man fragen müssen: Was führt zu einer Blasenbildung? Ich vermute dahinter ein erhebliches Affirmationsbedürfnis. Jeder erlebt sich in einer pluralen Gesellschaft mit bestimmten Überzeugungen als angefochten. Gerade daraus entsteht der Bestätigungswunsch, mit der eigenen Überzeugung nicht allein zu sein. Wer Akzeptanz und Zustimmung braucht, kann sich dies am ehesten von Gleichgesinnten holen. Das Internet bietet die Möglichkeit, dass ich mir die Gleichgesinnten nicht in meinem räumlichen Nahbereich suchen muss. Vielmehr werden meine Kontaktmöglichkeiten räumlich entgrenzt. Im „grenzenlosen“ Internet mache ich die Erfahrung: Eigentlich sind wir ja viele, die so denken wie ich. Diese Bestätigung verstärkt die Bildung einer „Blase“, die auch zur Identitätsvergewisserung genutzt wird. Denn Identität wird heute primär durch die Markierung von Differenzen bestimmt: Ich bin nur dann wirklich Ich, ein Original, wenn ich mich von anderen unterscheiden und abgrenzen kann. Ich will ein eigener Mensch sein – aber ich will nicht vereinsamen. Die „Blase“ kommt diesem doppelten Bedürfnis entgegen: Man bewegt sich unter Gleichgesinnten und kann sich abgrenzen von allem, was diese Gesinnung in Frage stellt.
DIE FURCHE: Religion und Medien haben ja Gemeinsamkeiten, wenn man sie als Vermittler von Informationen, Wahrheiten von Etwas, was man weitersagen will, betrachtet. Da sind ja auch Symbol- und Bildebene sehr wichtig.
Höhn: Gerade die Religionen machen vor, dass es Wahrheiten gibt, die man inszenieren muss. Das gesprochene Wort genügt nicht. Man muss auch zeigen können, was man sagt. Der Glaube kommt eben nicht nur vom Hören. Viele Menschen beeindruckt nur das, was ihnen unter die Haut geht. Sie wollen nicht nur wissen, ob man das, was man glaubt, auch denken kann. Für sie ist nur sinnvoll, was auch den Weg über ihre Sinne nimmt. Die Riten und Rituale der Religionen gehen auf dieses Bedürfnis ein. Sie sind vielleicht der Prototyp einer medial vermittelten Interaktion und Kommunikation.
DIE FURCHE: Hat in diesem Setting Religion eine Zukunft?
Höhn: Wir sind mit der Betonung dieser medialen Aspekte dabei, eine Vereinseitigung zu reparieren, die sich gerade im Katholizismus eingeschlichen hat. Da gab es geraume Zeit nur zwei Frequenzen, auf denen „gefunkt“ wurde: auf der Frequenz des Dogmatischen – etwas, was man beim Wort nehmen und wortreich bekennen soll –, und auf der Frequenz des Moralischen – etwas, was immer nur zu tun ist. Es wurde vielleicht vergessen, dass der Glaube eben auch etwas ist, was erspürt werden will. Es gibt Wahrheiten, auf deren Spur uns Dogma und Moral nicht bringen können. Hier muss man andere Zugänge suchen.
Dabei kann eine ästhetisch überzeugende Erschließung von Glaubensinhalten ein ussichtsreicher Schritt sein.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  23:00:33 07.17.2005