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27/2018 - Für ein Mehr vom Lächeln
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Alt , 07:22
Für ein Mehr vom Lächeln

Religion, Philosophie und alle Arten von Beratern beschäftigen sich mit den Ursachen für Zufriedenheit und Glück. Vielfältig sind die Erkenntnisse. Ein Erfahrungsbericht.

| Von Doris Neubauer / Delhi


„Be happy“ – diese Aufforderung könnte wie purer Hohn wirken. Bitter kalt ist es hier im Affenwald von Dharamkot im indischen Himalayagebiet. Dass die spärlich zusammengehaltenen Holzhütten nicht beheizt werden, tut sein Übriges. Klingt kaum nach idealen Voraussetzungen zum Glücklichsein. Und doch bin ich es. Vipassana heißt diese „Kunst zu leben“. Meditation zehn Tage lang von 4.30 Uhr früh bis 21.00 Uhr, in sich gehen, schweigen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich mit der Meditationsform beschäftige, die Siddharta Gautama Buddha als Weg zur Erleuchtung gelehrt hat und die übersetzt soviel heißt wie „die Dinge so zu sehen, wie sie sind“. Oder wie Vipassana-Lehrer S. N. Goenkas sagt: „Der Sinn des Lebens ist, aus dem Elend herauszukommen. Wenn du alle Negativität entfernst, (…) fühlst du dich friedlich und glücklich.“

Bhutans Glück

Nicht alle finden ihr Glück im Affenwald. „Handymasten, überall Handymasten!“ Was in Mitteleuropa einer Beschwerde über zerstörte Landschaften gleich kommt, ist für eine Dorfbewohnerin im Königreich Bhutan Antwort darauf, was sie zum Glücklichsein brauchen. Seit 1972 nimmt Bhutan das Glück seiner Bewohner als Maßstab für die Entwicklung und den Wohlstand des Landes. Auch die südamerikanischen Staaten Ecuador und Bolivien haben das Prinzip eines guten, sprich glücklichen Lebens in ihren Verfassungen verankert. Zu den glücklichsten Staaten der Welt zählen sie trotzdem nicht.
Glaubt man dem „World Happiness Report“ der Vereinten Nationen, sind das Finnland, Dänemark, Norwegen und die Schweiz. Österreich liegt auf Rang zwölf der rund 160 Nationen, Deutschland drei Plätze weiter hinten. Aber sei es drum. „Vergleiche anzustellen, ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen“, ließ der Psychiater und Bestseller-Autor François Lelord sein Alter-Ego Hector in „Hector’s Reise“ als erste Lektion erfahren.
Das Leben ist ein „Glücksspiel“, bringt es Lisz Hirn in ihrem Buch „Vernünftige Wege zum Glück“ auf den Punkt: „Dass einem etwas glückt, das ist nicht selbstverständlich.“ Vielmehr wirkten tausende Faktoren auf unser Leben ein, die man kaum oder gar nicht beeinflussen könne. „Betrachtet man die Geschichte, so waren oft Mut oder Macht wichtiger als Glück“, erläutert die Philosophin und Künstlerin im Gespräch, „dass Glück als oberster Wert angestrebt wird, das ist eine neuere Erfindung.“ Erst seit dem 21. Jahrhundert herrscht eine regelrechte „Glückshysterie“, die Wissenschafter aller Richtungen beschäftigt. Die Ergebnisse dieser Glücksforschung werden in der „Erasmus-Universität von Rotterdam“ gesammelt und können via „World Database of Happiness“ online abgerufen werden.
Dabei steht nicht so sehr die physiologische Komponente, das Ausschütten der Glücksstoffe im Zentrum der Betrachtung. Vielmehr fragen sich Psychologen, Neurologen, Genetiker und Sozialforscher, wie es sein kann, dass manche Menschen glücklicher sind als andere.
Es liegt an den Genen, ist der Verhaltensgenetiker David T. Lykken überzeugt. Stimmt nicht, widersprechen andere Wissenschafter, Glück wäre vielmehr von Erwartungen, Lebensumständen oder Lebensalter abhängig. Letzteres hat die Soziologin Hilke Brockmann an der „Jacobs Universität“ in Bremen herausgefunden: Der erste Glücks-Höhepunkt läge demnach im Alter von 20, dann folge ein steiler Abstieg durch enttäuschte Hoffnungen und Erwartungen mit einem Tiefpunkt im Alter von etwa 40. Danach gäbe es einen langsamen, stetigen Anstieg sowie erneuten Höhepunkt vor der Rente. Auch der Schriftsteller Lelord ist überzeugt, dass wir im Alter glücklicher werden, weil die Ausgesöhntheit mit dem Leben zunimmt.

Das Alter und die Zufriedenheit

„Im Alter sind wir eher mit dem zufrieden, was wir haben. Wir haben mehr emotionale Stabilität, es ist nicht mehr so wichtig, was die anderen sagen, und wir kennen uns selbst besser. Dadurch haben wir keine unrealistischen Erwartungen mehr.“ Wer nämlich ständig einer Vorstellung vom vollkommenen Glück oder unerreichbaren Idealen hinterherjagt, der kann nur unglücklich werden.
Das zeigt eine Großuntersuchung der „University of New South Wales“: Bei der Beobachtung von 9000 TeilnehmerInnen hat man herausgefunden, dass „Unglücksgefühle“ vor allem dann auftauchen, wenn die Menschen fernsehen, im Internet surfen oder auf Facebook gehen und das Gefühl vermittelt bekommen, öfter glücklich sein zu müssen.
„Mein Verdacht ist, dass die Wichtigkeit des Glücks mit der Individualisierungswelle zu tun hat“, so Lisz Hirn, „sobald ein Individuum die Möglichkeit hat, sich frei zu entfalten, haben wir alle Chancen und sind selbst schuld, wenn wir es nicht schaffen. Alles fällt auf dich zurück – nichts mehr auf den Zufall oder Fortuna.“
Dass diesem Druck nicht jeder standhält, erklärt wohl teilweise den Anstieg psychischer Erkrankungen in den Industrieländern. In Österreich etwa haben die Krankenstandsfälle aufgrund psychischer Erkrankungen in den letzten 10 Jahren aufs Eineinhalbfache zugenommen. Mitschuld ist das Gefühl, bei der Suche nach dem Glück gescheitert zu sein. Nicht zuletzt, weil sie mit ihren Entscheidungen hadern. Bei den vielen Möglichkeiten könnte diese ja die falsche gewesen und das wahre Glück verpasst worden sein. „Prinzipiell kann aber jeder glücklich sein“, gibt Diana Grabowski Grund zur Hoffnung. „Glückliche Gefühle sind trainierbar, wie ein Muskel“, so die Glückstrainerin sowie Lebens- und Sozialberaterin, „je öfter wir glückliche Gefühle erleben, desto schneller kommen wir immer wieder in glückliche Zustände. Es werden im Gehirn neue Synapsen geschaltet. Sogar negative Gefühle werden somit gehemmt.“ Um das zu erreichen, können wir gezielt die Wahrnehmung auf das Positive in unserem Leben ausrichten oder dem Glück ein Stückweit nachhelfen. Kakao oder ein paar Minuten Sport etwa erzeugen genauso Glückshormone wie öfter an die frische Luft zu gehen oder viel Zeit mit der Familie zu verbringen.

Glückspolitik

„Spendiere beim Bäcker heute jemanden einen Kaffee“, steht auch auf einer der Glücksspiel-Karten des deutschen „Ministeriums für Glück und Wohlbefinden“. Hat man die Aufgabe erfüllt – lächelnd, versteht sich –, gibt man die Karte weiter. So soll diese durch ganz Deutschland wandern und möglichst viele glücklich machen. Das ist zumindest der Plan von Gina Schöler, die sich als selbsternannte Glücksministerin kein geringeres Ziel gesetzt hat, als Deutschland glücklicher zu machen. Was im November 2012 als Semesterprojekt an der Hochschule Mannheim entwickelt wurde, ist für die Kommunikationsdesignerin längst zu Beruf(ung) geworden. Seither gibt sie bei Workshops, Seminaren, Aktionstagen und Happynings weiter, was sie als Glücksministerin gelernt hat und ermuntert, sich Fragen zu stellen: Was will ich? Was brauche ich? Was macht mich glücklich?
Eine Welt voller dauergrinsender Honigkuchenpferde möchte das Glückstraining jedoch sicher nicht erzeugen. Im Gegenteil. „Der Weg zum Glück führt nicht um das Leid herum, sondern durchs Leid hindurch“, räumt der US- Forscher und Psychologe Ed Diener mit einem Missverständnis auf. Der wohl meist zitierte und bekannteste Wissenschafter auf dem Gebiet der Glücksforschung empfiehlt, „den eigenen Schmerz anzuschauen und durchzuleben“.
Erst wenn wir uns eine leidvolle Erfahrung eingestehen, können wir sie überwinden. Selbst im Scheitern mögliches Glück zu erkennen, ist auch für die Philosophin Hirn ein wertvoller Input ihrer Fachrichtung, „denn die Vernunft eröffnet andere Perspektiven, mit Unglück umzugehen und etwas daraus zu gewinnen“.
Tatsächlich sind es oft nur ein paar Sekunden, in denen wir Meditierende in Dharamkot diesen Glücksmoment am eigenen Leib erfahren. Es ist ein Gefühl der Leichtigkeit, das mich an die indischen Affen erinnert, die über uns auf den Wellblechdächern toben. Absichtslos, spontan, frei – und sicher nicht dafür geeignet, es in einen Käfig zu sperren und festzuhalten!

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  22:36:02 07.15.2005