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30/2018 - Angst als Zeitdiagnose
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Alt , 05:37
Angst als Zeitdiagnose

Rhetorisch gibt es – von Papst Franziskus bis zu Emmanuel Macron – Exorzismen gegen die Angst, das Grundproblem unserer Gegenwart.

| Von Martin Dürnberger


„Haben wir keine Angst, keine Angst vor der Welt, in der wir leben; keine Angst vor unseren Grundsätzen, nicht vor dem, was wir sind … Wir müssen bereit sein, über unseren Schatten zu springen, und dürfen keine Angst davor haben, zu sagen: Ja!“
Was ein wenig nach einer Predigt klingt, stammt von einem weltlichen Würdenträger: Es sind Sätze aus der Dankesrede von Emmanuel Macron anlässlich der Verleihung des Karlspreises 2018. In dieser formuliert er vier Imperative für die Zukunft Europas und beschwört in seinem dritten mit Verve: Keine Angst! Es ist spekuliert worden, der Präsident des laizistischen Frankreichs habe sich in diesem rhetorischen Angstexorzismus von Papst Franziskus, einem früheren Karlspreisträger, inspirieren lassen, aber das ist reichlich unsicher. Sicher hingegen ist der zeitdiagnostische Befund, den er damit erhebt: Angst ist ein Grund-
problem unserer Gegenwart.

Angstdiagnosen steigen überall

Das gilt freilich nicht nur politisch, wie Macron es in Bezug auf Europa ausbuchstabiert, sondern auch in anderen Feldern: Angstsklerosen lassen sich überall identifizieren. Die Erfahrung schreibt sich in Biographien ein (dem aktuellen Barmer Arztreport zufolge steigen einschlägige psychische Dia-gnosen gerade in der jüngeren Generation signifikant), sie ist popkulturell antreffbar (Keine Angst! von Casper, German Angst von Juse Ju oder schlicht Angst von Haiyti liefern Indizien) und als diffuses gesellschaftliches Grundgefühl präsent: Frühere Uto-pien, die unterschiedlich, aber doch allesamt versprachen, dass es der nächsten Generation besser als der jetzigen gehen solle, haben ihren diskursbestimmenden Spin verloren.
Es ist unklar geworden, welcher Fortschritt gemeint oder verantwortet werden könnte. Entsprechend regieren jetzt das (unterschiedlich ausgemalte) Bedrohungsszenario und die Defensive. Klimawandel, Migrationsfrage oder Europa: In all dem scheint es oft so, als wäre das Meiste schon erreicht, wenn zumindest das Schlimmste verhindert ist. Links wie rechts geht es um die Verteidigung vorhandener Standards, die Einigung auf Minimalkonsense, die Eindämmung von Bewegungen. Pointiert spricht daher der deutsche Soziologe Heinz Bude von einer „Gesellschaft der Angst“, wenn es gilt, unsere Gegenwarten von einer zentralen Erfahrung her zu dechiffrieren: Angst, so Bude, vereine alle gesellschaftlichen Milieus und erscheine wie „das einzige Prinzip, das absolut gilt, wenn alle Prinzipien relativ geworden 
sind. Über Angst kann die Muslima mit der Säkularistin, der liberale Zyniker mit dem verzweifelten Menschenrechtler reden.“

Immanuel Kants „Habe Mut!“


Die Diagnose freilich verlangt, ehe nach therapeutischen Maßnahmen gefragt wird, nach Anamnese: Wie ist Angst zu einer bestimmenden Textur der reflexiven Moderne geworden?
Zur Beantwortung dieser Frage bietet es sich an, ein genealogisches Standardverfahren zu wählen und das Problem in das Entwicklerbad des klassischen Aufklärungsnarrativs zu legen. Welches Bild wird sichtbar? Gemäß dieses Narrativs traten Aufklärung und Moderne an, um „von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen“ (so Horkheimer und Adorno). Das Habe Mut! Kants ist also wohl gewählt, invers spiegelt sich darin der heimliche Antipode aller Aufklärung – es ist die Angst in ihren vielen Gestalten, vor eigenem Denken ebenso wie vor eigener Freiheit. Auch wenn Moderne programmatisch auf Angstverarbeitung bezogen ist, setzt sie selbst neue Ängste frei, etwa wenn potenzierte Naturbeherrschung zugleich den Schrecken ökologischer Katastrophen entfesselt. Am Individuum selbst zeigen sich ähnliche dialektische Kippeffekte, etwa in der Ablösung des adeligen Erbschafts- durch das bürgerliche Leistungsprinzip.
Die Moderne, die auf Freiheits- und Erkenntnisfortschritt gepolt ist, mag dabei an Leistung interessiert sein, aber es ist immer zukünftige Leistung: Wenn Handeln und Wissen in der Moderne so dynamisch werden, dass stets neue Anforderungsprofile auftauchen, interessiert die gestrige Lösung gestriger Probleme heute nicht mehr. „Erbe“ wird so durch „Leistung“ und diese durch „Kompetenz“ ersetzt (i. e. die Fähigkeit, zukünftige Probleme zu bewältigen), um nochmals abgelöst zu werden: durch das bloße Potenzial, die reine „Kompetenzkompetenz“, die Fähigkeit, jene neuen Fähigkeiten zu generieren, die es braucht, um noch unbekannte Herausforderungen zu lösen. Selbst wenn soziale Wirklichkeit vielfach anders funktioniert, als die Schlüsselnarrative der Moderne suggerieren (der realexistierende Immobilienmarkt ist ein anschauliches Beispiel für die Wiederkehr des Erbschaftsprinzips), so bleiben sie wirkmächtig – sie träufeln weiterhin Imperative ins zeitgenössische Bewusstsein.
Auf diese Weise sorgt daher gerade die Moderne, die in nuce auf Fortschritt und Dynamik geordnet ist, aus strukturellen Gründen für stets neue Unübersichtlichkeit (Habermas), neue Ungewissheit und Unsicherheit. Sie disponiert so für angstaffine Subjektivität und ein erschöpftes Selbst (Ehrenberg), weil die Leistung des heutigen Tages morgen schon irrelevant sein mag, weil das eigene Tun nicht reichen könnte: mit Doppelgarage und Pool ins Burnout. Diese Angst amalgamiert unter dem Regime von Knappheit und Konkurrenz mit einer zweiten: dem Bewusstsein, etwas zu verlieren zu haben.

Das Gespenst der Ungewissheit

Längere Phasen im ideengeschichtlichen Entwicklungsbad würden anderes sichtbar werden lassen. Aber selbst wenn sich nur eine exemplarische Dialektik der Aufklärung zeigt, rührt man darin vielleicht doch an ein entscheidendes Drehmoment aktueller Angstdiskurse, das in der penetranten Reduktion aller Debatten auf das Flüchtlingsthema beinahe unsichtbar wird: nämlich dass der Kapitalismus der Gegenwart so vielfältig darauf bezogen ist, dass man nicht gut genug sein könnte – ökonomisch, moralisch, kulturell. Der Instagram-Narzissmus mag eine Reaktion darauf sein (nämlich übersteigerte Inszenierung eigener Besonderheit), der neue Nationalismus eine andere. Ganz den bisherigen Überlegungen entsprechend findet Letzterer nicht bei wirtschaftlich Abgehängten die meiste Resonanz, sondern in einer Mittelschicht, die angesichts von Digitalisierung und Globalisierung fürchtet, nicht mehr bestehen zu können. Nationalistische Politik greift diese Ängste auf, feuert sie an und projiziert sie auf den Fremden an der Grenze, um dort vorgeblich Souveränität und Kontrolle zu exerzieren. Auch das ist eine „eine Art Exorzismus“, so Zygmunt Bauman: „Das Furcht einflößende Gespenst der Ungewissheit soll ausgetrieben werden.“
Was aber wäre ein Medikament, das auch seriöse Therapeuten verschreiben würden? Zum einen, so unpopulär es klingt: eine unaufgeregte Vernunft, die stoisch daran erinnert, dass Angst keine besonderen epistemischen Vorrechte genießt – sie hat nicht per se den besseren Zugang zur Wirklichkeit als Zuversicht. Wer theologisch denkt, wird zum anderen auch auf den Glauben zu sprechen zu kommen, freilich ebenso behutsam. Denn einerseits kennt die eigene Tradition tatsächlich eine Gelassenheit, die aus dem Glauben kommt: „Warum habt ihr solche Angst?“, fragt Jesus und fährt fort: „Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40). Papst Franziskus bezieht sich darauf, wenn er daran erinnert, „dass es oft gar nicht der Unglaube ist, der unseren Glauben behindert, sondern die Angst“. Es gehört mit zur Schuldgeschichte des Christentums, historisch immer wieder daran gescheitert zu sein, normativ aber gilt: Glaube ist kein Komplize der Angst, sondern ihr Widerpart, der ihr konsequent das letzte Wort über unsere Existenz bestreitet.
Gerade hier lauert aber andererseits die Falle des fromm klingenden Superlativs. Sowohl gegen den religionskritischen Argwohn, Religion sei die Medizin der Mutlosen, als auch jene christliche Kraftmeierei, die alle Angst moralisch als Kleinglaube desavouiert, ist nämlich daran zu erinnern, dass Glaube keineswegs dagegen immun ist.

Der wirksamste Exorzismus der Angst

Hans Urs von Balthasar schreibt 1951 in „Der Christ und die Angst“ gleich am Beginn nüchtern, dass Gott offenkundig nicht in die Welt gekommen sei, um dem Menschen „die Angst einfachhin wegzunehmen oder zu ersparen“ – auch der Glaubende ist nicht davon befreit. Die Evangelien erzählen, dass dies nicht einmal von Jesus gilt, sie verschweigen den Ölberg nicht. Die Einsicht aber, dass beides einander nicht ausschließt, ist ein Hinweis darauf, wie unpräzise ein Denken ist, das eine Logik forciert, der zufolge ‚mehr‘ Glaube immer auch ‚weniger‘ Angst bedeutet.
Letztere lässt sich theologisch vielleicht besser einordnen, wenn man ihren Gegensatz zum Glauben in der beweglichen Logik des Sonnengesangs begreift. Dann wäre sie eine „Schwester Angst“, die uns zwar immer wieder mit Macht heimsucht, aber nichts anderes ist als wir selbst: eine geschöpfliche, relative Wirklichkeit. Und vielleicht ist das immer noch der wirksamste aller Exorzismen der Angst: die Dinge so nüchtern zu sehen, wie sie sind.


| Der Autor ist Fundamentaltheologe 

an der Universität Salzburg sowie Leiter

der Salzburger Hochschulwochen |




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  11:18:09 07.20.2005