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34/2018 - Wolitzers Thesen: Ist Feminismus zeitlos?
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Alt , 05:15
Wolitzers Thesen: Ist Feminismus zeitlos?

Mit ihrem neuen Roman „Das weibliche Prinzip“ stellt Meg Wolitzer zwei Frauen vor, die sich bei ihrer Begeisterung für den Feminismus treffen – und einander dort wieder verlassen, wo sich zwischen seinen jüngeren und älteren Vertreterinnen Bruchlinien auftun.

| Von Theresa Bender-Säbelkampf

„Schwesternschaft”, sagte Faith Frank, „bedeutet, sich in einer Sache mit anderen Frauen zusammenzutun, damit alle Frauen die Möglichkeit haben, ihre eigenen individuellen Entscheidungen zu treffen.” Wer bei „Schwesternschaft” eine Feministin „von früher“, also eine der sogenannten „zweiten Welle” vermutet, hat nicht ganz unrecht. Faith Frank, eine populäre feministische Ikone, ist eine der beiden Protagonistinnen des neuen Romans „Das weibliche Prinzip” der US-amerikanischen Schriftstellerin Meg Wolitzer. „Denn solange Frauen getrennt voneinander auftreten, gegeneinander kämpfen – wie in einem Spiel unter Kindern, wo nur eine Prinzessin sein kann –, wird es nur selten eine Frau geben, die von der gesellschaftlichen Vorstellung, wie eine Frau zu sein hat, nicht eingeengt und begrenzt wird.” (Eigenübersetzung) Mit diesen Worten begeistert Faith Studentinnen in einer Rede an einem College.

Alte Themen und neue Fragen?

Unter den Zuhörerinnen: die Studentin Greer Kadetsky. Sie weiß bereits von sich, dass sie Fragen leicht und gut beantworten kann, sich aber nur selten traut, Meinungen zu äußern. Als an diesem Abend Faith Frank nach ihrer flammenden Rede das Publikum voller junger Studentinnen und Studenten bittet, noch Fragen zu stellen, nimmt Greer ihren ganzen Mut zusammen, steht auf und findet ihre „äußere Stimme”. Nervös erzählt sie von sexueller Belästigung durch einen Mitstudenten und äußert ihren Unmut darüber, dass er zu wenig bestraft worden sei. Als Faith, das große Vorbild in Sachen Feminismus, der jungen Frau wenig später auf der Toilette des Colleges ihre Visitenkarte gibt, scheint für Greer ein Traum wahr geworden zu sein. Die von ihr so Bewunderte scheint in ihr zu sehen, was sie auch selbst in sich sehen möchte.
Wolitzer erzählt in ihrem Roman Greers Aufstieg in Faith Franks beruflichem Umfeld und ihre feministische Wandlung. Greer taucht in eine Welt ein, in der „Feministin” kein Schimpfwort ist, und wo es an Solidarität unter Frauen nicht mangelt. Die Leserinnen begleiten die junge Frau dorthin, wo sie etwas tun kann, das „Bedeutung hat”. Das wird Greer nicht sofort gelingen, doch am Ende des Romans scheint ihr Ziel erreicht. Stück für Stück erkennt die Leserin durch Greers Augen, wie Frauen auch gegenwärtig mit den beinahe gleichen Problemen kämpfen, wie zu Faiths „wilden Zeiten” in Amerika und in der Welt. Seien es Anliegen wie Kinderbetreuung, gleiche Bezahlung oder existenzielle Probleme wie Sexismus, Gewalt oder das Verbluten bei illegalen Abtreibungen. Die Erkenntnis ist desillusionierend. Doch Wolitzer urteilt nicht. Barrieren lassen sich nach wie vor in patriarchalischen Strukturen und mangelndem Zusammenhalt unter Frauen vermuten – auch solchen, die „das böse F-Wort“ nicht mit sich in Verbindung bringen wollen. Und so stellt sich bei der Lektüre die Frage, ob Feminismus ein Merkmal einer bestimmten Zeit sei. Das „Nein” mag man in der Begeisterung der jungen Greer finden, die in einem imaginären Abschiedsbrief an Faith über deren Engagement schreibt: „Du hast zu jenen, die dich bewunderten, nie gesagt: Was ihr jetzt tun müsst, ist an die Nächsten weiterzugeben. Aber das war, was oft passierte: die große, lange Geschichte von Frauen, die das, was sie hatten, einander gaben. Ein Reflex vielleicht, oder manchmal eine Verpflichtung, aber immer eine Notwendigkeit.” (Eigenübersetzung).

Neue Kleider des Feminismus?

Es trägt zum Missverständnis von Feminismus bei, wer Mädchen und junge Frauen, also die gerade ihre Themen entdeckenden Feministinnen von morgen und heute, abwertend als „lieb” oder gar „zu selbstbewusst“ abtut. Lägen dieser Wertung nicht grobe Missverständnisse der feministischen Ideen und Anliegen zugrunde? Wären sie nicht vom Vorurteil geprägt, dass Feminismus immer „das ganz Radikale“ sein müsse, um als solcher zu gelten? Sind die Ausdrucksformen des Feminismus zeitgebunden? Oder ist die Zeit für ihn gar stehengeblieben, weil Frauen selbst nicht genug tun? Und wäre es nicht nicht schon wieder der falsche Ansatz, Frauen die Schuld zu geben, dass sich so wenig geändert hat?
Während die Leserin noch eine Antwort auf diese Fragen sucht, die der Roman beim Lesen evoziert, muss Faith Frank ihre feministische Zeitschrift einstellen und sieht sich – typisch für die Gegenwart – gezwungen, neue wirtschaftliche Modelle zu erproben. Sie entscheidet sich, einen Deal mit dem Unternehmer Emmett Shrader einzugehen. Er bietet ihr Kapital, damit sie Kongresse organisieren kann, bei denen Frauen über ihre Anliegen sprechen und so anderen Mut machen. Als Greer Unregelmäßigkeiten in den Finanzen eines Projekts bemerkt, verlässt sie enttäuscht das Unternehmen. Wütend darüber, stellt Faith sie vor ihrem Abgang vor ihren Kolleginnen und Kollegen mit einer „alten Geschichte“ bloß. Bruchlinien zwischen den beiden tun sich auf – die möglicherweise symptomatisch für die heutigen Frauengenerationen sind.

Thesenroman als Bestseller

Wie kann dieser eher einfach geschriebene Roman, dessen Autorin angibt, dass er nichts mit der Metoo-Bewegung zu tun habe, und der seinen Leserinnen eigentlich keine „neue Geschichte” erzählt, zu einem New York Times-Bestseller werden? Die einen erkennen sich möglicherweise in Greer oder Faith wieder, anderen tun sich Fragen nach intergenerationellem Feminismus und nach seiner Zukunft auf. Vielleicht ist es ja genau das, was Meg Wolitzer mit ihrem Werk erreichen wollte: Nicht so sehr eine überzeugende Geschichte über Greer Kadetsky und Faith Frank zu erzählen, sondern den Leserinnen vor allem den Spiegel vorzuhalten und zu fragen: Ist Feminismus zeitlos?


Das weibliche Prinzip
Von Meg Wolitzer. Aus dem amerikanischen
Englisch von Henning Ahrens
DuMont Buchverlag, Köln 2018
496 Seiten, gebunden,
€ 24,–

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