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44/2007 - Die neue Schule (Rudolf Mitlöhner)
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Die neue Schule

Interessant ist, worüber in der Gesamtschul-Debatte nicht geredet wird.
Von Rudolf Mitlöhner

Die ÖVP will die Gesamtschule nicht, auch wenn sie „Neue Mittelschule“ oder wie immer sonst heißt. Nur sagt sie das nicht. Stattdessen windet und dreht sie sich, flüchtet in taktische und strategische Leerformeln. Das Gespräch mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn in der ZIB 2 vom Montag hat das einmal mehr schmerzlich vor Augen geführt. Mantraartig wiederholen die VP-Granden vom Parteichef abwärts die Begriffe „Vielfalt“, „Wahlfreiheit“, „Mitbestimmung“ – und niemand mag es mehr hören.
Als symptomatisch musste schon die Nominierung Fritz Neugebauers zum Bildungssprecher gewertet werden. Damit waren die Weichen in Wahrheit bereits gestellt. Das ist ungefähr so, als hätte man mit Rudolf Nürnberger oder Hans Sallmutter über ein zukunftsweisendes Sozialsystem verhandeln wollen. Aber, richtig, die beiden gibt es – im Unterschied zu Neugebauer – nicht mehr in der Politik. Neugebauer ist der aufgelegte Elfer für den politischen Gegner. Mit ihm als Frontman drohte die Bildungs- und Schuldebatte zu einer Privilegien- und Besitzstandswahrungsdebatte zu verkommen.
Oder geht es der ÖVP genau darum? Glaubt sie selbst nicht mehr an ihre angestammte Position, traut sie ihrer kritischen Haltung zur Gesamtschule nicht mehr? Das wäre schade, denn die Bedenken gegenüber diesem Modell sind keineswegs ausgeräumt. Man kann natürlich träumen von einer Schule, in der Ressourcen an Zeit, Personal, Geld keine Rolle mehr spielen – und in der jedes Kind just so viel Förderung und Forderung wie nötig, nach individuellen Begabungen ausdifferenziert, bekommt. Wahrscheinlicher ist freilich, zumal in einer Großen Koalition, ein Kompromiss, der vordergründig als fortschrittlich durchgeht, aber langfristig doch recht alt aussehen könnte. Womöglich haben wir dann eine „Neue Mittelschule“ – und wundern uns, warum wir trotzdem nicht bei PISA am Stockerl stehen …

Im Kern geht es freilich um eine zutiefst ideologische Frage: Will ich die Besten nach Kräften fördern, weil ich glaube, dass davon letztlich die Gesellschaft als ganze profitiert? Oder pflege ich – aus vermeintlicher oder echter Sorge um potenzielle Verlierer – ein möglichst breites Mittelfeld, in dem sich jeder irgendwie aufgehoben weiß? So einfach ist es nicht? Und wenn es letztlich doch so wäre? Wenn genau entlang dieser Linie sich die Geister schieden? Nicht nur in der Bildungspolitik. „Es darf keine Verlierer des Wandels geben, also verliert der Wandel“: Solcherart hat schon vor Jahren Josef Joffe in der Zeit das grundsätzliche Dilemma auf den Punkt gebracht. In der vorherrschenden Meinung gilt als „sozial“, wer die „Verlierer“ in den Blick nimmt. Übersehen wird dabei leicht, dass, wenn der „Wandel“ verliert, es am Ende noch viel mehr „Verlierer“ gibt. Diese Überlegungen haben viel mit den Bedenken der ÖVP gegen die Gesamtschule zu tun, auch wenn sie sich dessen vielleicht gar nicht (mehr) bewusst ist. Es täte ihr gut, sich dieser Prinzipien zu vergewissern und sie offensiv in die Diskussion hineinzutragen. Wenn sie es nicht schafft, das Bekenntnis zu Leistung und Elitenbildung als gesamtgesellschaftliches Desiderat zu vermitteln, hat sie schon verloren – dann bleiben tatsächlich nur noch Standesinteressen und gesellschaftliche Dünkel übrig.
Wer sich ein bisschen intensiver mit dem Thema Schule befasst, der merkt freilich, dass da vor allen Fragen der Organisation schon vieles im Argen liegt. Aus der Haltung der AHS-Lehrer in der jüngsten Debatte spricht ein tief sitzender Unmut, der weit über die aktuelle Frage der Gesamtschule hinausreicht. Er speist sich aus gesellschaftlichen Entwicklungen, die es zunehmend schwieriger machen, „Schule“ zu leben. Kaum sonst wo klaffen Erwartungshaltung und Toleranz so weit auseinander: Von der Schule wird fast alles verlangt, was Eltern, Familie, Gesellschaft nicht mehr leisten können oder wollen – aber sie selbst darf nichts von den Kindern verlangen, was deren oder ihrer Angehörigen Lebens-, Karriere- und Freizeitplanung stören könnte. Bevor eine Bildungsministerin eine große Schulreform in Angriff nimmt, müsste sie einmal die Lehrer in diesen Fragen ihrer Unterstützung versichern und sie damit in ihr Boot holen.
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Ungelesen , 10:04
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Gesamtschule – wozu?

Sehr geehrter Herr Mitlöhner!
Ich habe unlängst meine Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lehrerlebens gemacht habe, niedergeschrieben und erlaube mir diese Gedanken an Sie weiterzuleiten. Ihr ausgezeichneter Leitartikel regt mich dazu an. Vor allem bin ich überzeugt, dass für die Entscheidung Gym oder HS nicht der IQ entscheidend sein sollte, sondern die Frage, ob das Kind vom Typ her eher intellektuell oder praktisch veranlagt ist. Das wird im Text genauer begründet. Jedenfalls ist die HS kein Hindernis für die Matura. Sie ist genau genommen heute schon eine Gesamtschule. Ja, so weit schon ein paar Gedanken voraus!

Gesamtschule – wozu?
Zuerst vier Vorbemerkungen.
1.) Der Verfasser dieser Stellungnahme hat 21 Jahre als AHS - Lehrer an einem Oberstrufenrealgymnasium hinter sich, in einem Gymnasium also, dessen Schüler (14 bis 19 Jahre alt) fast ausnahmslos aus den Hauptschulen der (ländlichen) Umgebung kamen und hat weder von Kollegen noch von Schülern je eine Klage gehört, dass die Schüler aus diesem Grund in irgend einer Weise schlechter (dran) gewesen wären, als jene aus 8-jährigen Gymnasien.
Wer im 11. Lebensjahr in eine Hauptschule eintritt, hat keineswegs eine Entscheidung getroffen, die sein ganzes weiteres Leben auf eine falsche Spur lenken würde. Dieses Argument ist ein Schuss neben die Scheibe. Damit löst sich aber das Hauptargument der Gesamtschulbefürworter in Nichts auf. Die selbsternannten Schul„experten“ übersehen das natürlich. Die Frau Unterrichtsministerin könnte – sollte – wird es wissen, bedenkt es ev. zu wenig. Sie sollte sich möglichst bald gründlicher informieren.
2.) Man hat vielfach vergessen, dass die Matura nichts anderes bedeutet als Hochschulreife. Gymnasium ist die Schule für jene, die auf die Uni wollen.
Zu viele besuchen das Gymnasium, die nicht im Traum an ein Universitätsstudium denken, sondern nichts sehnlicher wünschen, als „das Sch…gymnasium“ hinter sich zu bringen, weil sie es nur auf Wunsch ihrer Eltern besuchen müssen, denen es eine Frage des Prestiges ist.
Damit muss man Rainer Domisch recht geben, dass manche Schüler in die falsche Schule gehen. – Fast immer Schuld der Eltern.
3.) Einen Punkt gibt es, in dem alle ausnahmslos einer Überzeugung sind. Jedes Kind sollte die bestmögliche individuelle Förderung bekommen. Dass Einzelunterricht nicht möglich ist, versteht jeder, aber dass kleinere Schulklassen dafür eine bessere Voraussetzung böten als größere ist unbestreitbar, wird nur von Politikern gern verschwiegen, weil sie dabei sofort an die höheren Kosten denken. Leugnen können sie es nicht.
4.) Erschwerend für die Diskussion ist, dass zu viele Menschen mitreden, die mit Schule kaum etwas zu tun haben. Ich denke an Juristen, (Partei)politiker, Journalisten, Ökonomen und auch Pädagogen – genannt Experten - die noch nie oder schon lange nicht mehr unterrichtet haben.
Zur Sache!
Die Frage, ob ein Kind nach der Volksschule in die Hauptschule oder ins Gymnasium eintreten soll, wird gewöhnlich nach dem Notendurchschnitt entschieden. Die Gescheiten ins Gym, die – ganz salopp gesprochen – Dummen in die Hauptschule. Das klingt einleuchtend, ist aber genauer betrachtet zu einfach und wertet die Hauptschule ungebührlich ab.
Nicht wenige hochintelligente Schüler bekannten mir im Oberstufengymnasium, dass sie eigentlich die Lernerei satt haben und viel lieber einen handwerklichen Beruf ergreifen möchten. Der gute Notendurchschnitt in der Hauptschule hat die Eltern dazu verleitet, ihr Kind ins Gymnasium zu schicken. Ein hoher IQ sagt nicht alles aus über Eignung und Neigung eines jungen Menschen.
Ins Gymnasium (schon die Unterstufe) gehören jene Jugendlichen, die sagen könnten: „Zwar weiß ich viel, doch möchte ich alles wissen“ (frei nach Goethes Faust). Sozusagen der Typ des Intellektuellen, der kein beschriebenes Blatt Papier ungelesen liegen lassen kann. Uni-Aspiranten!
In die Hauptschule gehören jene, bei denen nicht klar genug ist, ob intellektueller oder praktischer Typ und jene, die man zum Erledigen der Hausaufgaben mehr oder weniger vergattern muss, die wenig Lernwillen, dafür aber eher handwerkliche Neigungen zeigen, auch wenn sie durchaus intelligent sind. Das kann bei 10-Jährigen oft der Fall sein. In den 4 Jahren der Hauptschule kristallisiert es sich gewöhnlich heraus, ob Gymnasium mit Ziel Uni oder aber ein handwerklicher Beruf das Richtige ist. Auch ein Handwerker darf sehr wohl Grips haben. Ein hoher IQ braucht kein Hindernis für einen Handwerksberuf sein. (Hoffentlich!!!)
Erst hier, im Alter von über 14 Jahren fällt diese Entscheidung und ist auch da nicht unwiderruflich.
Genau das ist der unschätzbare Vorzug unseres derzeit praktizierten Schulsystems:
Hier muss daran erinnert werden, dass es auch die berufsbildenden mittleren und höheren Schulen mit mannigfaltigsten Zielsetzungen gibt und dass mit der AHS-Matura kein Beruf erlernt ist, sondern „nur“ gute Voraussetzungen für viele (nicht nur akademische) Berufe gegeben sind.
Auch diese Weiche wird erst nach der Hauptschule im Alter von 14 keineswegs mit 10 Jahren gestellt.
Das ist aber ein anders Thema.
Es mag schon sein, dass Kinder aus sozial schwächeren Schichten weniger in Gymnasien anzutreffen sind als besser gestellte. Da im Pflichtschulalter kein Schulgeld zu bezahlen ist, kann es an der Finanzschwäche nicht liegen.
Der Grund dafür ist darin zu finden, dass in sozial schwächeren Familien intellektuelle Berufe vielfach geringeres Ansehen genießen: Der Bub soll was „Gscheites“ lernen und nicht ewig in der Schule herumhocken, sondern soll sich sein Geld selber verdienen.
„Bildungsferne Schicht“ wird das genannt.
Hier kommt allerdings doch auch die soziale Schwäche zum Tragen, denn wenn das Kind eine weiterführende Schule besucht, „sitzt es den Eltern länger auf der Tasche“, was natürlich durch Stipendien u. dgl. nicht voll ausgeglichen werden kann, denn es fällt dabei jedenfalls jenes Geld weg, das vom Kind in einer Lehre verdient würde und das Familienbudget entlasten könnte. Diesbezüglich müsste sich der Gesetzgeber etwas einfallen lassen, wobei zu bedenken ist, dass nicht allzu viele Familien finanziell so extrem schwach sind, dass sie auf das Geld angewiesen sind, das ein Lehrling nach Hause bringt. Umso leichter könnte der Staat in solchen Fällen großzügig sein.
Wenn die Entscheidung im Alter von 10 Jahren noch nicht gut möglich ist, kann das Kind in die Hauptschule gehen und nachher von dort genauso gut ins Oberstufengymnasium wechseln wie aus der Unterstufe des Gym. Der Lehrplan beider Schultypen ist wortident und der Wechsel von der Hauptschule ins Oberstufengymnasium (oder auch ins berufsbildende Schulwesen) nicht das geringste Problem.
Aber wenn bei einem Zehnjährigen schon eindeutig klar ist, dass es sich um einen intellektuellen Typ handelt, der für ein Uni-Studium in Frage kommt, warum soll der nicht gleich schon eine Schule besuchen, die auf Uni ausgerichtet ist?
Wer sich dementsprechend schon mit 10 Jahren eindeutig als intellektueller Typ erweist, tut gut daran, in die Unterstufe des Gymnasiums einzutreten, denn dort wird beispielsweise auf
• Sprachen (auch Latein und Griechisch) größerer Wert gelegt als in der Hauptschule,
• es kann mehr Stoff – über den Kernstoff hinaus – behandelt werden,
• es zielt bewusst stärker auf das Universitätsstudium hin,
• kurzum, es entspricht insgesamt dem intellektuellen Typ besser.
Das ist aber keineswegs zwingend.
Bei vielen anderen stellt es sich erst im Laufe der Hauptschule heraus, dass sie die Hochschulreife erreichen können. Diese können ins Oberstufengymnasium übertreten und auf die Uni weitergehen.
Der Gefahr, dass manche Intellektuelle in praktischen Dingen völlig hilflos werden, muss dadurch gegengesteuert werden, dass praktische Fächer wie Werken etc. im Lehrplan des Gymnasiums nicht vernachlässigt werden.
Ob Gesamtschule oder unser zweigliedriges System, das ist kaum von Bedeutung, denn ohne Differenzierung geht es in keiner Schulform, wenn eben jede/r Einzelne bestmöglich individuell gefördert werden soll.
Es kommt in beiden Formen darauf an, was daraus gemacht wird.
Auch Länder mit Gesamtschule liegen in der PISA-Studie deutlich schlechter als Österreich.
Unsere Hauptschulen – hier denke ich an ländliche Regionen – sind im Grunde heute schon eine Art Gesamtschule.
Vielleicht sollte die interne Differenzierung noch ausgebaut werden; das kann ich als AHS-Lehrer nicht gut beurteilen.
In Großstädten mögen die Verhältnisse anders liegen und ich sehe die Gefahr, dass Wiener Verhältnisse auf ganz Österreich übertragen werden könnten. (Dies geschieht gar nicht selten auch auf anderen Gebieten.)
Eine andere Gefahr sehe ich darin, dass manche meinen, man müsse es FÜR ALLE GLEICH machen.
Die Menschen sind nun einmal nicht alle gleich, sondern ungemein verschieden.
Gleiche verschieden zu behandeln ist ungerecht; Ungleiche gleich zu behandeln ist genau so ungerecht.
Unsere Kinder brauchen nicht alle die gleiche Schule, sondern jedes die PASSENDE Schule.
Da Einzelunterricht nicht möglich ist, müssen gleichartige Schüler in „möglichst passenden“ Schultypen zusammengefasst werden.
Studien wie PISA sind Momentaufnahmen und dürfen nicht überbewertet werden. Bei uns war damals diese Studie allerdings den Oppositionsparteien eine willkommene Gelegenheit, um die Unterrichtsministerin anzugreifen.
Aus diesem Grund wurde der Studie so HOCH GESPIELT.
Jetzt zu meinen, die Gesamtschule löse alle Probleme, ist eine Schnapsidee.
• Möglichst kleine Klassen,
• interne Differenzierung nach Eignung und Neigung durch frei wählbare Fächer,
• gute Lehrpläne,
• gute Ausstattung der Schulen (da meine ich nicht alle 15 Jahre neue Möbel),
• noch bessere Ausbildung der Lehrer,
• Hebung des Ansehens des Lehrberufes
bestimmen die Qualität unserer Schulen.
Umstellung des ganzen Systems würde nur
• Unruhe in die Schulen tragen,
• beträchtliche Kosten verursachen,
• keinerlei praktischen Nutzen bringen und
• die Begabtenförderung eschweren.
Ein Problem bleibt allerdings bestehen: Wie sage ich es den Eltern? Diese sind fast immer dafür verantwortlich, wenn ein Kind im Alter von 14 Jahren in die falsche Schule oder wenn ein/e Zehnjährige/r ohne die entsprechende Eignung ins Gymnasium eintritt. In den Augen mancher Eltern ist das Gymnasium offenbar das höchste der Gefühle und so wollen sie zwar „das Beste für ihr Kind“, wählen aber nicht das Passende und sehen dabei oft nicht, dass sie ihr Kind auf eine falsche Spur bringen.
Die Hauptschule ist nie die falsche Schule, denn sie hält alle Wege offen.
Die entscheidende Frage: Müssen wir die Eltern für so unbelehrbar halten, dass sie es sich nicht sagen lassen werden, dass sie in erster Linie darauf achten sollen, was für ihr Kind das Passende ist.
Es gibt nichts Besseres als das Passende!
Eine zweite Seite der Medaille ist die Einschätzung durch die Gesellschaft. Ein Mensch mit Matura scheint weithin geachteter zu sein als einer ohne diese.
Wenn ich sehe, wie weitgehend z. B. Umweltbewusstsein schon Allgemeingut geworden ist, - vorwiegend ein Verdienst der Medien - dann glaube ich es nicht, dass nicht sowohl die Eltern wie auch die Gesellschaft begreifen werden, worum es geht; vielleicht einige wenige wirklich Unbelehrbare ausgenommen. Soll man ihretwegen das ganze Schulsystem umstellen? Eventuell könnte man eine PR-Firma dafür engagieren: Matura für den intellektuellen Typ!
Da muss ich anmerken, dass der Besuch des Gymnasiums nicht auf jene, die auf die Uni wollen, beschränkt werden darf.
Jede(r) soll DÜRFEN, wenn sie (er) Interesse und Eignung hat. Auch eine Kellnerin oder Krankenschwester soll Matura haben DÜRFEN.
Möglichst umfassende Allgemeinbildung für möglichst viele Menschen!
Das könnte man wünschen, aber nicht gegen den eigenen Willen der Betroffenen verlangen!
Dass z. B. für Kindergärtner/innen die Matura verlangt wird, halte ich für ungut, denn es können oft auch junge Leute für diesen Beruf bestens geeignet sein, die aber die Matura nicht schaffen. Sie scheiden leider aus, trotz bester Eignung. Oder soll das Maturaniveau gesenkt werden?
Und nochmals!
Wer damit argumentiert, im Alter von 10 Jahren könne man den Bildungsweg noch nicht festlegen, der beweist nur, dass ihm die einfachsten Kenntnisse über das österreichische Schulsystem fehlen. Die Zahl jener Maturanten, die aus Hauptschulen kommen ist größer als die Zahl jener, welche aus der AHS-Unterstufe kommen.
Wozu also Gesamtschule?
Wenn es unbedingt aus ideologisch/politischen Gründen – denn andere gibt es nicht – die Gesamtschule sein muss, dann in der Art der Hauptschule mit Leistungs- und Neigungsgruppen. Es müssten dann halt auch jene Schüler, die mit 10 Jahren schon deutlich ihren intellektuellen Typ zeigen, dorthin gehen. Ob dann eine vierte Leistungsstufe, die auf Hochschulreife abzielt, angezeigt wäre?
Schließlich noch meine Erfahrungen mit meinen eigenen Kindern:
Mein Sohn (Jg. 1963) wollte Tierarzt werden, das Zeugnis der VS war gut genug für das Gym, sein Typ kann nicht intellektuell genannt werden. Im Untergymnasium hatte er einfach nicht den nötigen „Biss“, schied aus, wurde Tischler, lebte auf und ist inzwischen Briefträger. Meine Bemerkung, jetzt wäre Matura doch vorteilhaft, bekam zur Antwort: „Ja, dann müsste ich aber in einem Büro sitzen.“
Meine erste Tochter (Jg. 1968): Nach der VS in die HS und dann in die HBLA mit Matura, längste Zeit keine klare Entscheidung und schließlich Sozialpädagogin, sehr zufrieden als Erzieherin.
Meine zweite Tochter (Jg. 1970): HS, anschließend Oberstufengymnasium, Matura und Pädak und VS-Lehrerin. Sie hatte keinerlei Nachteil im Vergleich mit
meiner dritten Tochter (Jg. 1971), die von Anfang an ins Gymnasium ging, auch Pädak machte und jetzt HS-Lehrerin ist.
Prof. J. Georg Simmerstätter
6300 Angerberg, Unholzen 23
josef.georg@aon.at
  #3  
Ungelesen , 10:06
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Eigentlich sagt es der Hausverstand …

Dank an Rudolf Mitlöhner für seinen Leitartikel, der mir mit jedem Satz aus dem Herzen spricht. Es ist mir unverständlich, warum sich im Fall Gesamtschule die ÖVP von der SPÖ dieses Blockiererimage umhängen lässt, statt offensiv zu begründen, warum sie gegen eine Gesamtschule ist. Angriffsflächen böte die Unterrichtsministerin genug: Außer dem Schlagwort von der „Neuen Mittelschule“ gibt es von ihr bisher keinerlei Konzept der Umsetzung. Trotz massiver und aggressiver Propaganda ist noch immer eine satte Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Gesamtschule. In Deutschland, wo beide System nebeneinander bestehen, sind in Bundesländern mit differenziertem Schulsystem die Schüler am Ende der Schulpflicht gegenüber den Schülern aus Bundesländern mit Gesamtschulen um zwei bis drei Jahre voraus. Eigentlich sagt es der simple Hausverstand: Die schwierigste Herausforderung für jeden Lehrer besteht darin, den unterschiedlichen Fähigkeiten und Ansprüchen der einzelnen Schüler gerecht zu werden. Woher nimmt man die Chuzpe zu glauben, dass ein Lehrer mit seinen Schülern bessere Erfolge erzielt, wenn in seiner Klasse vom Hoch- bis zum Minderbegabten alle drinnen sitzen, als mit Schülern, die eine halbwegs einheitliche Begabungsstruktur aufweisen. Bisher konnte mir das noch niemand schlüssig erklären. Die Utopie, dass der Schlechtere vom Besseren lernt ist ein Wahnsinn!
Mag. Armin Hollerweger
4020 Linz, Hörzingerstraße 38
a.hollerweger@eduhi.at
  #4  
Ungelesen , 10:11
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Druck von oben und unten

Vorweg zwei Punkte aus Ihrem Kommentar, die mir als besonders wesentlich erscheinen. Zunächst die „Elitenbildung“, eine Fragestellung die für sich schon ideologiebesetzt – historisch belastet und sehr unterschiedlich interpretierbar – ist, sowie damit im Zusammenhang die Fragestellung ob Elitebildung mit der so wichtigen Entscheidung für den Bildungsweg (Lebensweges) im 10. Lebensjahr einher gehen muss. Hier fühlt man sich natürlich als einzelne Person überfordert und ist eher dazu geneigt der betroffenen Person, nämlich dem Kind, d. h. der Schülerin und dem Schüler mehr Möglichkeit der Mitentscheidung über den eigenen Bildungsweg einzuräumen. Vom Prinzip des höchste möglichen Maßes an Selbstbestimmung ausgehend ist natürlich das 10. Lebensjahr kein optimaler Zeitpunkt.
Zweitens Ihre Feststellung, dass „Schule zunehmend schwerer lebbar wird“, was Sie als wirklichen Kenner der Situation ausweist. Hier denke ich an einen Vortrag des viel zu früh in den Ruhestand abgegangenen Präsidenten des Stadtschulrates für Wien, Dr. Kurt Scholz, der einst im Rahmen eines Vortrages festgestellt hat, dass man dem Schulwesen in Österreich die Herkunft aus dem militärischen Bereich (Maria Theresia) noch zu sehr anmerkt, d. h. gewisse Elemente mit einem demokratischen Staatswesen nicht gut verträglich sind. Das Schulunterrichtsgesetz von 1974 hat den Lehrern zum hierarchischen Druck „von oben“ noch den Basisdruck „von unten“ beschert. (Hier sind Querverbindung mit der römisch-katholischen Kirche mit deren Traditionen aus Zeiten absoluter monarchischer Herrschaft, wie Kleidung und Machtsymbolen und dem hierarchischen Druck auf Priester „von oben“ und dem Basisdruck der Pfarrgemeinderäte „von unten“, erkennbar.) Ein amerikanischer Historiker und Schriftsteller hat diese Relikte – neben mehreren anderen – für Österreich und Deutschland als ein hohes Maß an Obrigkeitshörigkeit und eine Grundlage für den Erfolg des Nationalsozialismus festgemacht.
Vertreter der ÖVP, die sich – ganz besonders anlässlich hoher Feiertage – gerne als Christdemokraten bezeichnen, haben noch immer nicht realisiert, wie sehr die frühe Selektion von Kindern im Widerspruch zu jenem Menschenbild steht, das ihre und immer auch noch meine Partei vertritt. Die frühe Trennung – im 10. Lebensjahr – ausschließlich als leistungsfördernd wahrzunehmen und die vielen erziehungswissenschaftlich längst belegten Nachteile zu übersehen, ist kein Ausdruck von emphatischer Wahrnehmung der Wirklichkeiten von Kindern. Der „Funktionärssprech“, nämlich „Differenzierung“ versus „Einheitsbrei“ ist ein kläglicher Versuch die komplexen Zusammenhänge von veränderten Familienstrukturen, gesellschaftlichen Veränderungen, Wirtschaftsdynamik und Schulsystem auf einen zu einfachen Nenner zu bringen und darüber hinaus eine Diskriminierung der Volksschule in der Schülerinnen und Schüler aller gesellschaftlichen Gruppen und verschiedenster Intelligenzniveaus und Begabungen in einer Klasse sitzen. Jedenfalls gilt dies, wenn man Privatschulen und einige wenige Nobelbezirke zunächst einmal ausklammert und hier muss man sich um die Wissensbildung ohnehin wenig Sorgen machen. Mit der „Herzens- und Gewissensbildung“ darf man in dieser konkurrenzdominierten von Globalisierungsängsten gezeichneten Stimmung ohnehin „nicht mehr daherkommen“, will man nicht als romantischer Nichtsversteher“ abqualifiziert werden.
Allerdings beklagen sich genau jene Personen die meinen mit „tiefen Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge“ ausgestattet zu sein, nicht selten über die „Schlechtigkeit der Welt und des Menschen überhaupt“. Möglicherweise weil ihnen selbst ihre eigene „Tüchtigkeit“ schon längst der Blick für die „Sorgen, Nöte anderer Menschen“ verstellt hat, d. h. ihnen ihre eigene Erfolgsgeschichte die Empathiefähigkeit geraubt hat.
Um die Jahrzehnte währenden Versäumnisse durch Funktionärs- und Denkblockaden aufzuheben, hier drei Vorschläge für die ersten Reformschritte. Erstens die Zerschlagung der partei- und standespolitisch dominierten Landesschulräte und nicht deren Aufwertung, als weiteren Schritt die Reduzierung der Zahl von dienstfreigestellten Personalvertretern und Gewerkschaftsfunktionären sowie deren Beschränkung auf ihre wirklichen Aufgaben. Drittens eine Lehrerausbildung die eine mindestens einjährige Tätigkeit ausserhalb des „Lebenslabors“ Schule bzw. Universität vorsieht.
Natürlich wäre auch die SPÖ glaubwürdiger, wenn nicht gerade die Kinder ihrer höchsten Repräsentanten das öffentliche Schulsystem durch den Besuch von Privatschulen umgingen, weil ja gerade ihr Kind die Begabungen für „eben diesen Schultyp“ mitbringt. Schon bei den Ansätzen zu Schulreformen in den 70er konnte dieses Phänomen der besonderen „Begabungen“ der Kinder von höchsten SPÖ – Funktionären, die eben nur in bestimmten Privatschulen gefördert werden konnten, beobachtet werden. Nicht selten entstand dabei der Eindruck hier handle es sich nicht so sehr um die Förderung von besonderen Begabungen, sondern um eher um den Versuch einer späteren Kompensation von missglückter antiautoritärer Erziehung. In einzelnen Fällen mag es auch das Abschieben der Wissensvermittlung und Bildung für den eigenen Nachwuchs zur Gänze an eine Institution sein bzw. gewesen sein, um die spärliche eigene Zuwendungszeit für die Kinder ausschließlich den schönen Seiten des Lebens (Highlights widmen zu können.
Johann Wutzlhofer
johann.wutzlhofer@lehrer-bgld.at
Gymnasial „Drop-out“, Kaufm. Lehrling in Mattersburg (Lehrabschlussprüfung 1966), HAK für Berufstätige in Linz 1972–1976, seit 1977 Berufsschullehrer (Betriebswirtschaftlicher Unterricht und Politische Bildung), Lehramtsprüfungen an der BPA in Wien (in den70er und 80er eine Versuchsstätte Indoktrination mit sozialistischen Inhalten) im Jahr 1980 und im Jahr 1996, in Vorbereitung auf den Pensionsantritt (2008) in Ausbildung im Psychotherapeutischen Propädeutikum Lehranstalt der Erzdiözese Wien für Berufstätige; verheiratet mit Elisabeth, geb. Frey, Handelsakademie bei den Marienschwestern in Wien, mit besonderer Betonung der Unabhängigkeit von Frauen durch fundierte Ausbildung; zwei Kinder: Sohn Johannes, Jg. 1978, Volksschule Forchtenstein, Gymnasium Mattersburg einschließlich ein Jahr Highschool in den USA, von der Direktion in Mattersburg wohlwollend gefördert, nach dem Studium der Rechtswissenschaften ein weiteres Jahr an der Lawschool in Pensl.; Tochter Elisabeth, Jg. 1980, Volksschule Forchtenstein, Gymnasium Mattersburg einschließlich ein Jahr Highschool in den USA, zur Zeit AHS-Lehrerin (Englisch und Geschichte) und Studienassistentin an der UNI-Wien (Fachdidaktik)

Geändert von Rudolf Mitlöhner ( um 10:31 Uhr).
  #5  
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Auf den Punkt gebracht

Als bildungspolitisch interessierte und engagierte Person möchte ich Ihnen zu Ihrem Leitartikel gratulieren! Sie bringen auf den Punkt, worum es geht.
Mag. Heidi Schrodt
AHS-Direktorin
Gymnasium Rahlgasse
1060 Wien
  #6  
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Die Kinder sind das Wichtigste

Ihr Leitartikel zur Bildungsdiskussion in der Vorwoche schien mir der einzige treffliche in der Presselandschaft. Namhafte andere Medien scheinen sich in die Sensationsberichterstattung zu verabschieden. (Siehe auch untenstehenden Beitrag!)
Mag. Gerhard Hofbauer
5020 Salzburg, Eschenbachgasse 1
hofbauer@schule.at

Die Kinder sind das Wichtigste
• Schief wie der Turm zu Pisa
Die politischen Schuldzuschiebungen in den Schulstrukturstreitigkeiten führen von den eigentlichen Bedürfnissen des österreichischen Schulalltags weg. Der Geniestreich von oben wird misslingen, schon aus den nachgenannten Gründen.
• Bildungskonfusion statt -diskussion
Die bildungspolitischen Aussagen werden skurriler – und überleben zunehmend kürzer. Die hektischen Reparaturvorhaben nach PISA & Co. sind schief wie der gleichnamige Turm. Gesamt(mittel)schule ja oder nein? Schulwahl mit 10 oder 14? Vorschule verpflichtend oder nicht? – Solche Entweder-oder-Fragen sind für die öffentliche Argumentation und Meinungsbildung (vor allem für Eltern) unbrauchbar. Als Formulierungen „des schnellen Geschäftes“ provozieren sie die nächsten Husch-Pfusch-Entscheidungen anstatt den betroffenen jungen Menschen und allen, die für ihre hoffnungsvolle Entwicklung direkt Verantwortung tragen, den Sinn und die Chancen des Bildungssystems zu vermitteln.
• Ein System der Brüche statt Kontinuität
Aus hunderten gesammelten Lernbiografien weiß ich, dass unser Bildungssystem ein System der Brüche ist, von Leistungseinbrüchen, Vertrauensbrüchen zwischen dem Kind und seinen engsten Lernpartnern, bis zum Schulabbruch. Wer die vertraute Lehrerin (beim Schulwechsel), den engsten Mitschüler (beim Lernortwechsel) verliert, mag plötzlich nicht mehr. Die familiären Beziehungsnetze sind grobmaschiger und brüchiger geworden, da kommt dem schulischen Beziehungsnetz viel mehr Bedeutung zu als früher. Beziehungskontinuität, (nachhaltige) Verlässlichkeit kindlicher Vertrauenspersonen sind noch wesentlicher als die technokratische Frage der Bildungswegentscheidung mit 10 oder 14 – so wichtig diese Frage ist! Eltern und kindliche Bezugspersonen, die zugleich einen unerschütterlichen Lerncoach abgeben, schaffen Kindern einen unersetzlichen Bonus.
• Ein System der Überlagerungen
(Nachhaltig) wirksame Vernetzungen finden nicht statt. Weil man zu wenig weiß, was das Kind bisher gelernt hat, setzt der Unterricht in so manchem Fach nach dem Schulwechsel lieber wieder „bei Adam und Eva“ an – und demoralisiert die Lernbereitschaft: Wer an Kindern nicht wertschätzt, was sie können, missachtet deren Persönlichkeit. Daraus wird (nachhaltig) das pure Gegenteil von Förderung der Persönlichkeitsentwicklung: Brüche und Blockaden. Konkrete Antworten an die Lernenden, was Gelerntes lebensbereichernd bewirken kann (neudeutsch: nachhaltig Kompetenzen erwerben), sind wichtiger als die organisatorische Frage der Differenzierung des Schulangebotes. „Hauptsache viel Angebot an Schultypen“ gibt pädagogisch zu wenig Sinn.
• Das Schulsystem krankt am Insourcing
Verunsicherte und ratlose Eltern delegieren grundlegende Erziehungsnotwendigkeiten an das System Schule. Leitspruch: „Können Sie meinem Kind …?“ Schule, ursprünglich für andere Ziele der Bildung konzipiert, ist mitunter heillos überfordert. Man muss einmal dabei gewesen sein, wenn 36 Einzelkinder als angehende Ich-AGs plötzlich die Lerngemeinschaft einer Klasse bilden sollen. Out- und Insourcing klappt nur, wenn die, die etwas übernehmen, über kompetente Ressourcen verfügen. Höchstzahl 25 je Klasse ist ein Licht am Horizont. Aber Studenten und Jungabsolventinnen unvorbereitet in die Schülerbetreuung zu stecken, anstatt seriös zu klären, wie sich (nachhaltig) das direkte Gespräch mit allen Eltern gestalten lässt, ist einfach Husch-Pfusch. Die Kinder müssen’s leiden und die hinein Manövrierten werden auch keine Freude haben.
• Das Schulsystem reagiert mit Outsourcing
Behält die Schule (nachhaltig) ihren umfassenden Leistungsanspruch aufrecht, geht es im Lernmilieu sozial bergab, widmet sie sich den sozialen Notwendigkeiten, gerät ihr Bildungslevel in die Schieflage: ein Dilemma. Den Ball durch Outsourcing weiter zu spielen, ist eine fatale Scheinlösung: Wenn Förderangebote, psychologische und therapeutische Betreuung, Nachhilfe in verschiedenster Form, ganze Lernfelder, etwa im ästhetischen Bereich, Freifachangebote ins Out wandern, ist das Husch-Pfusch: Wie viel das System Schule damit von seinem Lebenselixier, den zwischenmenschlich berührenden und bedeutsamen Ereignissen preisgibt, wird nicht beachtet. Die unmittelbare persönlichkeitsbildende Dimension schulischer Lerngemeinschaften verständlich zu machen, ist viel wichtiger als die wirtschaftsökonomische Frage nach der täglichen Anwesenheitszeit der Schülerinnen und Schüler.
• Traumziel Finnland?
Wie viele andere habe ich mir das finnische Schulsystem vor Ort angesehen. Allerdings komme ich zu anderen Schlüssen als so manche „PISA-Trommler“. Der Leiter des Schulzentrums im südwestlichen Rauma sagte: „Die Schüler/innen und die Lehrer/innen müssen hier (in der Schule; Anm.) gut leben, mindestens so gut wie zu Hause.“ Und er zeigte mir die wohnlichen Lesenischen, die Lernräume mit dem variablen Schulmobiliar, die Kleinküchen, das PC-Studio, den Ruheraum … „Die Kinder sind das Wichtigste, was wir hier haben.“ Das war alles andere als nebenher gesagt, und er setzte nach: „Daher nehmen wir nur die Besten als Lehrer; ohne ‚Master-degree‘ geht bei uns keiner in eine Klasse.“ Gegen die Behaglichkeit und Qualität solcher Schulausstattung gleichen manche unserer Klassenräume bildungsindustriellen Legebatterien. Die Standardfrage, warum Finnland bei PISA so gut abgeschnitten habe, löste bei meinen finnischen Gesprächspartnern zunächst Verlegenheit aus. „Ja, PISA, worum ging es da genau? Warten Sie kurz …“, vertröstete mich die Professorenrunde an der Universität Turku. Der herbeigerufene Vizerektor wusste dann: „Wissen Sie, wir nahmen das nicht so genau. Uns waren andere Dinge wichtiger: die persönliche Entwicklung der Kinder, da forschen wir.“ Und was er verlegen ansetzte, klang schließlich enthusiastisch: „Die Qualität des Unterrichts, der Lehrer, der Lehrmittel, der Schuleinrichtung, darum geht es uns besonders …“ Eine Gesellschaft, die sich für Kinder und Jugend so wertschätzend (und nachhaltig) Zeit nimmt, ihre Kernfragen angeht und auch löst, anstatt abgehoben über Strukturentscheidungen zu streiten, hat Chancen, nachhaltig Bildungszukunft bereitzustellen. Doch selbst Finnland kämpft mit Problemen, mit der Verdrängung der handlungsorientierten Fächer, mit der gnadenlosen Beeinflussung der Jugendlichen durch die hereindrängenden Verlockungen des Massenkonsums in der sensiblen Phase ihres Berufseinstiegs.

Der Autor ist Professor für Musikdidaktik, arbeitet in der Lehrerbildung in Linz und leitet die Internationale Gesellschaft für Polyästhetische Erziehung mit Sitz an der Universität Mozarteum in Salzburg.

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