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46/2013 - Von neuen Schläuchen (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 12:31
Von neuen Schläuchen

Der vatikanische Fragebogen über Ehe und Familie macht den hohen Anspruch der Kirche deutlich, ruft aber schmerzlich die Diskrepanz zur Realität ins Bewusstsein.

Von Rudolf Mitlöhner

Die Ehe sei „die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften“, meinte der Philosoph Immanuel Kant („Die Metaphysik der Sitten; 1797). Das nimmt sich vergleichsweise prosaisch aus – man wird es vielleicht damit nicht bewenden lassen wollen, sich aber, von der Begrifflichkeit abgesehen, nicht weiter daran stoßen. Gewissermaßen am anderen Ende des Spektrums steht, was die katholische Kirche, gestützt auf die biblische Tradition, über die Ehe sagt. Diese gilt ihr als Abbild der Liebe Gottes und wird analog auch auf die Kirche („Braut Christi“) übertragen. So ist es in zahllosen kirchenoffiziellen Dokumenten zu lesen. Zyniker mögen sagen, hier liege die Latte so hoch, dass man bequem unten durch gehen könne.
Seit Jahrzehnten schon steht kaum etwas an der katholischen Kirche so in der Kritik, wie deren Sexualmoral (die im übrigen ja auch mit den Zulassungsbedingungen für das Priesteramt in Verbindung gebracht wird). Nun hat Papst Franziskus für Oktober 2014 eine Sonderbischofssynode über „Familie und Evangelisierung“ angekündigt und, damit nicht genug, angeregt, man möge doch das übliche Vorbereitungsdokument samt Fragen über den Kreis der Bischöfe hinaus möglichst breit diskutieren. Mit einem Wort: auch das Kirchenvolk soll mitreden.

Vorprogrammierte Enttäuschungen?

Das ist nun tatsächlich ein nachgerade revolutionär anmutendes Ansinnen und fügt dem Bild des Reformpapstes eine weitere Facette hinzu. Die Frage ist freilich, wie dieser Prozess gesteuert wird, die Eingaben kanalisiert werden. Dazu kommt, dass, global gesehen, die Probleme auch in diesem Bereich ziemlich unterschiedlich gelagert sind (Stichworte Polygamie, arrangierte Ehen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften). Sind da nicht Enttäuschungen – zumindest aus europäischer (westlicher) Sicht – vorprogrammiert? Dennoch ist das Unterfangen löblich, und man darf hoffen, dass es eine noch nicht absehbare Eigendynamik entwickelt. Es könnte und müsste vor allem dazu führen, diese katholische Sexualmoral samt ihrer Begrifflichkeit und ihren Bildern auf ihren Gehalt abzuklopfen, ihren Kern herauszuschälen, sich dabei aber auch ihrem Anspruch zu stellen – anstatt sie einfach nur wie eine Monstranz vor sich herzutragen (eine kleine Minderheit) oder aber als hoffnungslos überholt durchzuwinken (die überwiegende Mehrheit).

Rückführung zum Wesentlichen

Wenn man das Vorbereitungsdokument und insbesondere den Fragebogen im Bewusstsein liest, dass sich das quasi „an alle“, also eben nicht nur die Bischöfe, richtet, fällt einem noch deutlicher und, wenn man „mit der Kirche fühlt“ (sentire cum ecclesia), auch schmerzlicher die Diskrepanz zur Alltagsrealität der meisten Menschen auf. Die entscheidende Herausforderung für die Synode wird schlussendlich sein, die kirchliche Lehre nicht als restriktiv, sondern als befreiend, als Weg zu einem „Leben in Fülle“ zu vermitteln. Gelänge dies nicht, wäre sie gescheitert.
Dies bedeutet keineswegs, alles unterschiedslos gutzuheißen. Kardinal Walter Kasper, beileibe kein dogmatischer Hardliner, hat etwa in der zentralen Frage der geschiedenen Wiederverheirateten davor gewarnt, „mit billig verstandener Barmherzigkeit alles aus(zu)räumen“ – sehr wohl aber dafür plädiert, „auf sehr unterschiedliche Situationen pastoral unterschiedlich (zu) reagieren“; das gilt wohl auch für andere Themen. Ja, es braucht einen anderen Ton, eine zeitgemäße Sprache, die Tradiertes neu zum Leuchten bringen kann und eben auch manch mutige pastorale Wege, etwa bei den Wiederverheirateten. Damit ist freilich noch nicht beantwortet, wie sich modernen Wohlstandsgesellschaften ein Freiheitsbegriff vermitteln lässt, welcher Reduktion nicht als Restriktion, sondern als Rückführung zum Wesentlichen versteht.

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