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01/2014 - Eine taumelnde Welt (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 11:31
Eine taumelnde Welt

Auch in der aktuellen (Welt-)Lage macht sich das Vorgefühl der Unausweichlichkeit breit. Ein Plädoyer für die Freiheit, die zurzeit am meisten bedroht erscheint.

Von Otto Friedrich


Noch vor dem Jahreswechsel gingen beim ORF zwei Dokumentationen zum „taumelnden Kontinent“ on air, die sich mit Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs auseinandersetzten. Das Schicksaljahr 1914 ist schon jetzt einer der gewichtigsten „Jahresregenten“ für 2014, man darf sich diesbezüglich auf einiges gefasst machen. Jedenfalls, so ein Blick von heute auf jene Tage, erwiesen sich Politiken und Gesellschaften so in jeweilige Umstände verstrickt, dass die Katastrophe des Großen Kriegs unvermeidbar schien. Und leider, man muss es 100 Jahre später aufs Tapet bringen, verfestigt sich auch in der aktuellen (Welt-)Lage das Vorgefühl der Unausweichlichkeit.
Bei aller Verkürzung, die einer globalen Betrachtung innewohnt, konstatiert man dennoch, dass es die Freiheit ist, die zurzeit am meisten bedroht erscheint. Nach den unterschiedlichen Erfahrungen des Totalitarismus im 20. Jahrhundert – Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus – war zumindest für einen Teil der Welt ein Augenblick Freiheit angebrochen; die Menschenrechte, an denen sich eine „freie“ Welt bis heute orientiert, sollten eine Art Kodifizierung von Freiheit darstellen.

China, Putins Russland, Orwell-Apokalypse in den USA …

Doch der Augenblick der Freiheit könnte vorbei sein – zumindest ist der Totalitarismus längst nicht aus der Weltgeschichte verschwunden. Im Gegenteil: Demnächst wird China die globale Wirtschaftsmacht Nummer eins sein – ohne Meinungsfreiheit. Unter Wladimir Putins autoritärer Herrschaft in Russland lugt das Erbe von Väterchen Stalin hervor. Und auf der anderen Seite des Atlantiks (oder, je nach Blickwinkel, des Pazifiks) hat die Orwell-Apokalypse längst begonnen: Es mag historisch paradox sein, dass ausgerechnet der erste Schwarze an der US-Spitze, also eine Personifikation der Befreiung der einstigen Sklaven, der totalen Überwachung von Abermillionen Bürgern nicht Einhalt gebieten kann oder will. Auch das ist ein Merkmal totalitärer Herrschaft, nämlich im Dienst einer guten Sache (diesfalls dem Schutz vor Terrorismus) zu agieren.
Im alten Europa ist Freiheit gleichermaßen in Gefahr. Denn Freiheit bedeutet beileibe nicht automatisch die Verbesserung von Lebensumständen. Und wenn diese nicht eintritt, dann hat die totalitäre Versuchung neue Chancen – etwa in der Spielart des Faschismus. Von Griechenland bis Ungarn sind die diesbezüglichen Warnzeichen nicht mehr zu übersehen.

… das alte Europa, die Religionen

Vor diesen Entwicklungen sind auch die Religionen, die historisch ja selten Horte der Freiheit waren, nicht gefeit. Man denkt da zuerst an den Islam, der nicht zuletzt in devastierten Gesellschaften – von Afghanistan bis Syrien, von Irak bis Libyen, von den Ländern des arabischen Frühlings bis zu den Auseinandersetzungen in Zentralafrika – seine totalitäre Seite hervorkehrt und Minderheiten, nicht zuletzt christliche, in ihrer Existenz bedroht. Aber selbst wenn es da weniger gewalttätig zugeht, stehen auch Spielarten des Christentums unter Totalitarismusver*dacht. Das Agieren der orthodoxen Kirchenleitung in Russland lässt ebenso die Alarmglocken schrillen wie das Auftreten der Tea Party in den USA.
Von Aufbruch ist zurzeit kaum die Rede. Ob der taumelnden Welt könnte man leicht in Resignation verfallen. Aber man sollte ja die Geschichte als Lehrmeisterin verstehen. Die vermeintliche Unausweichlichkeit der Entwicklungen anno 1914 führte in die Katastrophe, die 1939 die nächste Katastrophe nach sich zog. Das weiß der Zeitgenosse von heute.
Solches Wissen muss auch Ansporn sein, gegen die Bedrohungen der Zeit anzukämpfen. Und dabei zuvorderst dagegen, dass die Freiheit zur Disposition steht. Denn Gerechtigkeit und Frieden sind ohne Freiheit nicht zu haben. Und: Diese Aufgabe stellt sich im Kleinen wie im Großen. Man hat allerdings nicht den Eindruck, dass in den kleinen Leben wie in der hohen Politik dies oben auf der Agenda steht.

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