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24/2014 - Das alte Regime kappen (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 11:22
Das alte Regime kappen

Franziskus, Bischof von Rom, steht für neue Verhaltensweisen und Umstrukturierung an der katholischen Kirchenspitze. Mehr Tempo ist dabei durchaus wünschenswert.


Von Otto Friedrich


Zwei päpstliche Aktivitäten der letzten Tage ließen einmal mehr aufhorchen: In der prekären Nahostlage christliche Hoffnung wider alle Hoffnung walten zu lassen und Protagonisten beider Lager zum Gebet der jeweils eigenen Religion für den Frieden in der Region zu versammeln, ist Symbolpolitik erster Güte. Dafür schätzt die Welt diesen Papst. Zu Recht.
Die andere bemerkenswerte Aktivität war bereits kurz vor Pfingsten dem vatikanischen Presse-Bulletin zu entnehmen: Franziskus tauschte den rein italienischen Vorstand der vatikanischen Finanzaufsicht durch ein international besetztes Gremium aus. Das klingt weniger spektakulär, als es ist: Denn hier wurde eine Seilschaft gekappt. Das war dringend notwendig, zumal die Gerüchte um Verstrickungen der Mafia in Geldgeschäfte an der Kirchenspitze nicht verstummen. Auch wenn man von ferne nicht abschätzen kann, was an den Mutmaßungen dran ist: Franziskus ist gut beraten, jeden Anschein kirchlicher Verbindung zur organisierten Kriminalität auszumerzen.
Beide Beispiele zeigen, dass dieser Papst tatsächlich darangegangen ist, das verkrustete wie höfische System Vatikan umzustrukturieren. Hierzulande hat das dieser Tage Wolfgang Bergmann, Geschäftsführer des Standard, in einem Gastkommentar für seine Zeitung auf den Punkt gebracht, indem er die Vorgänge mit der Glasnost und Perestroika der Ära Gorbatschow, die bekanntlich zum Ende des Sowjetsystems führten, verglich.

Was Franziskus alles (noch?) nicht angegangen ist

Bergmann war vor dem Wechsel ins Zeitungsgeschäft Kommunikationschef von Kardinal Christoph Schönborn. Er weiß also, wovon er redet. Und er weist in seinem Kommentar auch darauf hin, was Franziskus alles (noch?) nicht angegangen ist, ohne das aber der Umbau („Perestroika“!) nicht gelingen kann.
Bei genauem Hinsehen fällt einiges auf, das jedenfalls in dem Tempo wie das Revirement in der Finanzaufsicht zu reformieren wäre. Insbesondere zeigen Aktivitäten der Gaubenskongregation und ihres Leiters, Neo-Kardinal Gerhard Ludwig Müller, wie sehr längst überständiges Kirchenregime noch versucht wird.
Zwar machen da Kundige auch schon Akzentverschiebungen aus: Bei der jüngsten Ernennung neuer Kardinäle nannte Franziskus nach dem neuen Kardinal-Staatssekretär den Generalsekretär der Bischofssynode als zweiten – und erst dann Glaubenswächter Müller. Vatikanisten interpretierten das so: Der Papst stelle die Bischofssynode über die Glaubenskongregation.

Erstarrung bei Glaubenswächtern, aber auch bei „Reformerin“

Doch gleichzeitig agiert Müller wie in uralten Zeiten: Die Leitung der US-amerikanischen Ordensfrauen wird gemaßregelt und soll sogar die Referentinnenlisten bei ihren Kongressen Rom zur Genehmigung vorlegen. Der indische Jesuitentheologe Michael Amadoss darf nicht mehr öffentlich reden, sein Verfahren vor der Glaubenskongregation ist geheim, er weiß nicht, wer ihn anklagt und was ihm vorgeworfen wird. Das ist eine flagrante Verletzung der Menschenwürde und auch bar jedweder zeitgemäßen Verfahrensform (die FURCHE berichtete).
Und der österreichische Fall? Man kann und soll den Anlass der Exkommunikation des Ehepaars Heizer kritisieren: Die Eucharistie darf nicht zum „Kampfmittel“ um Kirchenreform werden. Andererseits ist schon zu fragen, warum bei den Piusbrüdern, die vergleichbare Kirchendelikte (unerlaubte Bischofs- und Priesterweihen …) zu verantworten haben, die Exkommunikation zurückgenommen wurde, obwohl sie nicht einen Millimeter zurückgewichen sind.
Man wundert sich aber auch, dass sich Martha Heizer dieser Tage als Vorsitzende der Reformbewegung „Wir sind Kirche“ bestätigen ließ. Ihr persönlicher Kampf ist das eine. Aber der Sache von „Wir sind Kirche“ wäre mehr gedient, hätte sie ihre Funktion ruhend gestellt. Erstarrung auf der Seite der Glaubenswächter hilft der katholischen Kirche nicht. Aber dieselbe Haltung sollte man auch einer „Reformerin“ nicht nachsehen.

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