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43/2014 - Wie Prüflinge in der Arena
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Ungelesen , 09:55
Wie Prüflinge in der Arena

Quereinsteiger werden von Parteikollegen und Journalisten schärfer beobachtet als jene, die sich in den Parteiinstitutionen hochdienen. Über Sternstunden, Naivität und Frustration von Politik-Neulingen.

| Von Elisabeth Gamperl

Judith Schwentner kam sich vor wie bei ihrer Matura. Als sie im Sommer 2008 bei der Landesversammlung der Grünen in Graz auf der Bühne stand, hatte sie das Gefühl, sie würde als Schülerin ihren prüfenden Lehrern gegenüber stehen. Von allen Seiten richteten sich Fragen an die 39-jährige Slawistin und Germanistin. Sie, der Prüfling, stand Rede und Antwort. „Ich war aber nicht wirklich vorbereitet auf das, was da auf mich zukommt.“ An jenem Samstag im August rang sie um den zweiten Listenplatz; nach dem Spitzenkandidaten Werner Kogler. Und schlussendlich überzeugte sie in der Kampfabstimmung gegen eine Parteikollegin. Noch ein paar Tage zuvor hatte Schwentner als Chefredakteurin bei der Grazer Straßenzeitung Megaphon gearbeitet. Während sie dort als Beobachterin das Handeln der Politiker analysiert hatte, war sie nun als Quereinsteigerin plötz-lich selbst aktiver Teil der politischen Liga. „Die Grünen wollten ein neues Gesicht und gaben mir eine Chance“, sagt Schwentner, doch wie das Innenleben einer Partei funktioniert, habe sie überrascht. „Ich bin an die ganze Sache schon ein wenig naiv rangegangen.“

Entzauberte Quereinsteiger

Es gibt keine Berufsgruppe, die unbeliebter ist: Politiker gelten als feig, machthungrig und willenlos der Parteilinie verpflichtet. Daneben werden Quereinsteiger oft als Allheilsbringer verkauft. Schließlich haben sie sich in nicht-politischen Berufsgruppen etabliert und bringen Fachwissen aus ihren Branchen mit. Doch nicht allzu oft entzaubert der Politikalltag die Vorstellung vom Job. Und so manche Neo-Politikkarrieren enden schneller, als sie begonnen haben. Der austro-kanadische Unternehmer Frank Stronach versuchte sich 2013 etwa nur drei Monate als Parlamentarier. Die Ärztin Andrea Kdolsky (ÖVP) machte in ihrer Amtszeit von 2007 bis 2008 mehr mit schrillen Auftritten von sich reden als als Gesundheits- und Familienministerin.
Welche Herausforderungen auf politische Quereinsteiger zukommen, thematisierte jüngst die Ex-SPD-Politikerin Susanne Gaschke in ihrem Buch „Volles Risiko“ (siehe unten). Nicht einmal ein Jahr hielt sich die ehemalige deutsche Zeit-Redakteurin als Oberbürgermeisterin in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel. Sie trat 2013 zurück. Begonnen hatte alles mit einem Streit über die Angemessenheit eines Steuererlasses. Es endete mit einer politischen Treibjagd. Eigentlich wollte sich die ehemalige Journalistin über einen offenen, direkten Politikstil definieren und „endlich selbst gestalten“, wie sie schreibt; stattdessen folgte eine Rücktrittserklärung unter Tränen. Von „testosterongesteuerter Politik- und Medientypen“ sprach sie und beschreibt, dass es Quereinsteiger, vor allem Frauen, in der Politik schwer haben. Ihre eigenen Leute gingen in Deckung, die politischen Gegner rieben sich die Hände. Denn Politikneulinge dürften sich laut Gaschke keine Fehltritte leisten und werden von Journalisten und Parteifreunden schärfer beobachtet als jene, die sich in den Parteiinstitutionen hochdienen.

Mediale Dynamiken, politische Seilschaften

Unter strenger Beobachtung stand auch Eugen Freund am Anfang seiner Politikkarriere. Der ehemalige ORF-ZIB-Moderator war SPÖ-Spitzenkandidat für die EU-Wahl im Mai 2014 und wurde mit unbedachten Aussagen von Medien und anfangs auch innerhalb der eigenen Partei kritisiert. Die Situation zeigte, dass sich oft selbst erfahrene politische Beobachter mit den Mechanismen im Inneren der Politik schwer tun. „Journalisten haben mich aufs Korn genommen. Vielleicht wollten sie sich von mir abgrenzen oder waren neidisch“, sagt Freund zur FURCHE. Freund zog nach der Wahl ins EU-Parlament ein. Bereut habe er seinen Schritt in die Politik gegangen zu sein, im Nachhinein nicht. Man braucht als Politiker ein gutes Team im Hintergrund – darüber sind sich Freund und Schwentner einig. Als Anfänger müsse man sich laut Schwentner an die Seilschaften und Dynamiken innerhalb einer Partei erst gewöhnen und sich klarmachen, dass man ständig in Konkurrenz zu Kollegen steht. Außerdem sei der Rollenwechsel von einer privaten zu einer öffentlichen Person ein Schritt, dessen Konsequenzen man erst mitbekommt: „Menschen wenden sich von dir ab, weil sie dich als Teil des politischen Establishments sehen – als jemanden, der auch ein Stück von der Macht haben möchte“, so Schwentner.
Michaela Steinacker sitzt seit 2013 für die ÖVP im Parlament und arbeitet seit Jahrzehnten als Managerin. Die berufliche Verbindung von Politik und Wirtschaft sieht sie als Vorteil: „Da ich auch in der Privatwirtschaft tätig bin, habe ich das Ohr sehr nah am Bürger und beurteile Sachverhalte nicht ausschließlich als Politikerin.“ Die Juristin arbeitete unter anderem bei Raiffeisen und war Geschäftsführerin der ÖBB-Immobilien-Management GmbH. Sie ist es gewohnt, mit Zahlen, Trendanalysen und Bilanzen zu arbeiten. In der Politik zählen aber nicht nur Fakten, sagt sie, sondern Grundsätze und Ideologien: „Man muss kreativ sein und Kompromisse finden.“ Und vor allem brauche man viel Geduld. „Die politischen Mühlen gehen langsamer. Da darf man sich keine Illusionen machen.“

Nur mit Sanctus der Familie

Ein entscheidender Punkt ist die Zustimmung der Familie für den Rollenwechsel. Steinacker wartete bewusst darauf, dass ihre Kinder groß wurden, bevor sie zur Nationalratswahl antrat; Schwentner ließ ihren Ehemann und ihre zwei Kinder bei der Entscheidung mitreden: „Du veränderst dein gesamtes Leben, wenn du in die Politik gehst. Dass musst du auch deiner Familie klarmachen.“ Mittlerweile sei die Grünen-Politikerin besser auf ihre Reden und Auftritte vorbereitet. Trotz Stress und frustrierender Stunden habe es Schwentner nie bereut, den Schritt in die Politik gewagt zu haben. „Man hat zwar oft das Gefühl zu scheitern“, sagt die Sozialsprecherin, doch es gäbe auch Sternstunden. Politische Arbeit bedeute immer wieder nachzuhaken und auf Missstände hinzuweisen. „Denn wenn ich es als Politiker nicht mache, wer dann?“


Volles Risiko
Von Susanne Gaschke. DVA-Verlag 2014.
253 Seiten, geb., € 20,60

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