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46/2007 - Gesellschaft macht Schule (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 12:48
Gesellschaft macht Schule

Wieso der Vizekanzler mit seinem Lehrerbrief in ein Wespennest gestochen hat.

Von Rudolf Mitlöhner

Wilhelm Molterer hat Recht: An dem Bild von Schule mit ihren Problemen und Herausforderungen, wie er es in seinem Brief an die Lehrerinnen und Lehrer skizziert hat, gibt es nichts auszusetzen. Jeder, der einigermaßen wach beobachtet, was sich in diesem Bereich tut, weiß, „dass der Schulalltag … nicht immer einfach ist“, dass es „immer häufiger … Schülerinnen und Schüler (gibt), die durch ihr Verhalten das Zusammenleben an der Schule schwieriger machen“ – und dass das alles „weniger mit der Organisationsform der Schule zu tun“ hat, als „viel mehr mit geänderten Lebens*umständen“. Der Brief muss überdies wie Balsam auf Lehrerseelen wirken: Wann hat das letzte Mal ein Spitzenpolitiker in dieser Weise Verständnis für ihre pädagogischen Sorgen und Nöte sowie Anerkennung und Wertschätzung für ihre Arbeit zum Ausdruck gebracht? Auch das ist grundsätzlich gut so, denn Lehrer stehen nun einmal an Schlüsselstellen der Gesellschaft, weil sie junge Menschen in entscheidenden Lebensjahren begleiten und ihnen Orientierung geben sollen.
Natürlich ist es in einer funktionierenden Regierung etwas, sagen wir: befremdlich, dass sich ein Minister brieflich an eine Berufsgruppe wendet, für die er ressortmäßig gar nicht zuständig ist. Und selbst wenn man in Rechnung stellt, dass der Brief mit „Mag. Wilhelm Molterer, Vizekanzler“ gezeichnet ist und der Vizekanzler sich ja auch irgendwie für das größere Ganze zuständig fühlen soll, kommt man nicht umhin, in der Aktion eine parteipolitische Finte zu erkennen. Aber was ist schon eine funktionierende Regierung und wer sagt denn, dass wir eine solche haben? Eben. (Im übrigen hinkt auch der Vergleich mit Vranitzkys Pensionistenbrief, denn der damalige Kanzler hatte, knapp vor einer Wahl, bewusst die Unwahrheit gesagt, im berechtigten Kalkül, dass man mit Pensionisten Wahlen gewinnen kann – was für Lehrer wohl eher nicht gilt …)
Besser hätte es sich also gemacht, wäre ein solcher Brief, regierungsintern akkordiert, von der Unterrichtsministerin gekommen (auch Elisabeth Gehrer hätte ja seinerzeit zur Feder greifen können …). Aber die gewiss unerquicklichen parteipolitischen Aspekte sollten nicht den Blick auf die wichtigere inhaltliche Dimension verstellen.

Wie immer, wenn es um Kinder und Jugendliche geht, bündeln sich auch beim Thema „Schule“ wie unter einem Brennglas die Schwachstellen und Defizite unserer Gesellschaft. Das verleiht der Debatte ihre Brisanz, deswegen wird sie uns auch noch lange begleiten. Ein fundamentales Missverständnis liegt nun aber darin, zu meinen, Schule könnte ihrerseits all die*se Defizite beheben. Vielmehr liegt in eben solcher Überfrachtung der Schule ihr zentrales Problem, zumal diese Ansprüche kontrastiert werden von Erwartungen, dass Schule möglichst nicht „stören“ dürfe: kein falsches Wort eines Lehrers, keine schlechten Noten, generell überhaupt möglichst wenig Anstrengungen und Verpflichtungen – und die Kurzurlaube unterm Jahr müssen auch drinnen sein, das Berufs- und Gesellschaftsleben ist ja hart genug, nicht wahr. Das alles gilt, notabene, gerade für die sogenannten „besseren Kreise“, die ihre Kinder gerne an Eliteschulen schicken.
Ob man all dem mit einem „Eltern-Lehrer-Vertrag“ begegnen kann, wie es Molterer im Kurier (nicht in seinem Brief) vorgeschlagen hat, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Auch wenn er nicht, wie ihm die SPÖ unterstellt, von Strafen gesprochen hat, haftet der Idee ein seltsamer Hautgout an. Das ändert nichts daran, dass Dinge wie Pünktlichkeit, Erledigung der Hausaufgaben, Mitbringen der für den Unterricht notwendigen Materialien eigentlich selbstverständlich sein sollten, es aber eben nicht sind. Hier ist die Schule, sind die Lehrer auf die Väter und Mütter als Partner angewiesen – anders wird es nicht funktionieren. Das aber setzt wiederum eine Akzeptanz von Schule, eine Einbettung in die Gesellschaft voraus, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend geschwunden ist und auch gezielt untergraben wurde. Da ist zunächst einmal ein gutes Stück Bewusstseinsarbeit mit dem Ziel eines Umdenkprozesses zu leisten. Politiker, Lehrer, Eltern vor!

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