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37/2015 - Ein neuer Mensch, eine neue Welt
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Ungelesen , 07:56
Ein neuer Mensch, eine neue Welt

Mehr als die Hälfte aller 50- bis 70-Jährigen engagieren sich hierzulande freiwillig. Ob als Flüchtlingsbetreuer, als Lesepatinnen oder als „Gesundheitsbuddies“ für Hochaltrige: „Learning by doing“ hilft hier nicht nur ihnen selbst, sondern auch den anderen.


| Von Doris Helmberger



Momentan ist Christa Halvax noch im Ferienmodus. Doch in zwei Wochen, wenn es in der nahen Mittelschule einen fixen Stundenplan gibt, wird die 65-jährige Wienerin wieder als Lesepatin im Einsatz sein – einmal die Woche, pünktlich um acht Uhr. Mit bloßem Leseübungen ist es bei ihren Kindern und Jugendlichen, die vorwiegend aus Migrantenfamilien stammen, freilich nicht getan: Halvax hilft ihnen auch bei Hausübungen oder lernt mit ihnen für die Schularbeit. Dass die meisten von ihren Eltern kaum unterstützt werden – und dass die Schule diese ungleichen Startbedingungen nicht ausgleichen kann –, hat sie selbst lernen müssen. „Wir entlassen Kinder aus den Schulen, die keine Chance haben“, klagt Halvax. Mit ihrem Engagement will sie beitragen, die Situation zumindest ein wenig zu entschärfen.
2008 ging die Office-Managerin einer großen Wirtschaftsprüfungskanzlei, die in ihrer Jugend eine Handelsakademie absolviert hatte, in Pension. Von Ruhestand konnte freilich keine Rede sein. „Ich habe mir schon vor 30 Jahren gesagt: In der Pension studiere ich“, erzählt die zweifache Mutter und Großmutter neben ihrem Mann Günter im Garten ihres Hauses am Stadtrand von Wien. Als sie erfuhr, dass die Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität ein Seniorenstudium für Psychotherapiewissenschaft anbot, wagte sie den Schritt. Gemeinsam mit 15 anderen reifen Semestern begann sie das zweijährige Curriculum. Neun Seniorenstudierende zogen es bis zum Ende durch.

Gesund fürs Leben

Im Gespräch mit ihren Kommilitoninnen hörte Halvax nicht nur vom Aufruf des Wiener Stadtschulrats, sich als Lesepatin einzubringen; sie stieß auch auf ein spannendes Projekt der Medizinuniversität Wien. Unter dem Motto „Gesund für’s Leben“ wurden in Kooperation mit dem Wiener Hilfswerk Freiwillige zwischen 50 und 70 Jahren gesucht. Sie sollten sich zwölf Wochen lang zu „Gesundheitsbuddies“ für Hochaltrige ausbilden lassen, diese dann zwei Mal pro Woche besuchen und sie mit einem Bewegungsprogramm und Informationen über richtige Ernährung unterstützen. Ein Setting, von dem beide profitieren sollten: Die oft gebrechlichen und mangelernährten Hochaltrigen, aber auch die Jüngeren, die neue Kompetenzen erwarben und sich mit dem Altwerden konfrontierten. Noch läuft die Auswertung, doch erste Zwischenergebnisse kann Projektleiter Thomas Dorner vom Institut für Sozialmedizin bereits präsentieren: „Im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne Sport- und Ernährungsprogramm haben sich die gebrechlichen Personen in einigen Parametern deutlich verbessert“, erklärt er. Handkraft und körperliches Aktivitätsniveau hätten zugenommen, die Sturzangst sei gesunken. Bei den Buddies hat sich in körperlicher Hinsicht nicht so viel getan – schließlich pflegten die meisten schon zuvor einen gesunden Lebensstil. „Aber ihr Glaube an ihre Selbstwirksamkeit ist gestiegen“, berichtet Martin Oberbauer, der im Wiener Hilfswerk die Freiwilligen koordiniert und die Buddies betreut hat. „Viele haben auch die alten Leute bewundert, wie sie mit ihrem Alter umgehen, ohne zu verzagen.“
Auch Christa Halvax hat viel dazugelernt. Zweimal wöchentlich hat sie den 92-Jährigen Herrn Johann besucht, dessen demenzbetroffene Ehefrau von einer 24-Stunden-Betreuerin begleitet wird. Auch nach Ende des Projekts schaut sie noch einmal wöchentlich vorbei. „Man bekommt eine andere Sicht der Dinge“, weiß die 65-Jährige. Mit Herrn Johann oder seiner Frau tauschen möchte sie trotzdem nicht: „Meine Perspektive ist, alles zu tun, damit diese Abhängigkeit möglichst spät eintritt – auch wenn man sie nicht verhindern kann.“

Engagiert und bildungshungrig

Aktiv bleiben: Dieses Ziel ist laut jüngstem Freiwilligenbericht der Hauptgrund für ältere Menschen, sich zu engagieren. Immerhin 55 Prozent der 50- bis 59-Jährigen spenden unentgeltlich ihre Energie und Zeit, auch bei den 60- bis 69-Jährigen sind es mit 53 Prozent noch mehr als im Durchschnitt (46 Prozent). Dieses „learning by doing“ oder „informelle Lernen“ unterscheidet sich vom „non-formalen“ Lernen in der klassischen Erwachsenenbildung vor allem durch den Realitätsbezug, weiß Martin Oberbauer: „In einem Kurs lernt man wie in einem Trockentraining, wie mit einem Surfbrett am Ufer. Erst beim tatsächlichen Tun steige ich ins Wasser und bin wirklich gefordert.“ Wobei sich Freiwilligkeit und die Bereitschaft zur Weiterbildung oft wechselseitig befruchten, wie der Sozialgerontologe Franz Kolland weiß (siehe unten): „Menschen, die vorher Kurse machen, engagieren sich später öfter freiwillig. Und jene, die sich freiwillig engagieren, sind stärker bildungsbeteiligt.“
Dass ständiges Lernen zum Leben gehört, ist für Christa Halvax jedenfalls klar. Das betrifft auch das Digitale. Während etwa nur 47 Prozent der über 55-jährigen Frauen Computer nutzen, ist das für sie eine Selbstverständlichkeit. „Die EDV habe ich in der Büro-Organisation immer schon gebraucht“, erklärt sie in ihrem Garten. Sogar der 92-jährige Herr Johann habe sich noch im Jänner einen Tablet-Computer zugelegt, um an seinen Memoiren zu arbeiten. „Er hat gegoogelt, wie viele Gemeinden Wien im Jahr 1936 hatte. Man lernt also wirklich nie aus.“



„Ältere lernen nicht schlechter, nur anders“


| Das Gespräch führte Doris Helmberger


Der Wiener Sozialgerontologe Franz Kolland über Weiterbildungslust, thematische Interessen und Lernfähigkeit älterer Menschen.


DIE FURCHE: Herr Professor Kolland, wie groß ist der Bildungshunger der Älteren in Österreich?
Franz Kolland: Im internationalen Vergleich leider nicht sehr groß. In Skandinavien nutzen über 50 Prozent der Menschen zwischen 50 und 65 Jahren Bildungseinrichtungen, bei uns sind es 31,2 Prozent. Bei den Über-65-Jährigen sinkt diese Rate dann noch weiter auf zehn Prozent. 70 Prozent in dieser Altersgruppe bilden sich immerhin informell im Alltag weiter, sie schauen etwa Universum-Magazin, besuchen Ausstellungen, lesen oder engagieren sich. 20 Prozent der Pensionisten sind aber völlig bildungsresistent, die sagen nur: Lasst mich in Ruhe!
DIE FURCHE: Für welche Themen interessieren sich Ältere in Bildungseinrichtungen am meisten?
Kolland: Die größte Nachfrage herrscht beim Thema Gesundheit – inklusive Fitness, Bewegung und Ernährung. Eine österreichische Besonderheit ist hier das Gedächtnistraining, das sich ab den 1980er-Jahren stark entwickelt hat. An nächster Stelle kommen die Fremdsprachen, dann die kunsthandwerklichen Dinge.
DIE FURCHE: Und Spiritualität?
Kolland: Auch das spielt eine Rolle, aber nicht in den vorderen Rängen. Ganz unten rangieren Politik und Wirtschaft. Was hingegen auch vorkommt, sind kulturelle Themen – vor allem im Seniorenstudium. Die beliebtesten Studienrichtungen sind ja Kunstgeschichte, Zeitgeschichte, Theaterwissenschaft, Numismatik und Philosophie. In den Naturwissenschaften werden Sie hingegen kaum jemand Älteren finden.
DIE FURCHE: Inwiefern lernen ältere Menschen eigentlich anders?
Kolland: Es geht ihnen beim Lernen nicht um Langfristigkeit, sondern vor allem um Unmittelbarkeit: Sie lernen etwa Photoshop, weil sie mit den Enkeln Bilder austauschen möchten. Zweitens bauen Ältere ihre Bildung immer auf Erfahrungsschätzen auf. Wenn Sie vor einem 60-Jährigen stehen, haben Sie noch gar nicht angefangen, und er kommt schon mit einer Geschichte daher …
DIE FURCHE: Das klingt mühsam …
Kolland: Ist es oft auch, ältere Studierende sind oft sehr anstrengend. Aber zugleich ist ihr Erfahrungshorizont auch für Jüngere oft nicht uninteressant. Nicht zuletzt gibt es bei Älteren auch einen höheren Beratungsbedarf in Bildungsprozessen. Aber wenn sie sich für etwas entschieden haben, steigen sie auch seltener aus. Zu sagen, dass Ältere schlechter lernen, ist also definitiv falsch. Sie lernen nur anders.
DIE FURCHE: Was bedeutet das für die Geragogik, also die Altenpädagogik, für die es an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems einen eigenen Masterlehrgang gibt? (vgl. www.kphvie.ac.at)
Kolland: Es bedeutet, dass man sich hier um mehr Ganzheitlichkeit, Sinnlichkeit und Alltagsnähe im Lernen bemüht. Der Bedarf an Geragoginnen und Geragogen wäre jedenfalls enorm. Doch leider ist es noch schwierig für sie, eine Anstellung zu finden. Es wäre höchste Zeit, dass sich das ändert.

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