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40/2016 - Verdichtete Kampfzone (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 10:05
Verdichtete Kampfzone

Europa wird nicht am Islam zugrunde gehen. Es leidet vielmehr an einem Mangel an Weltanschauungen und Visionen – und an den Irrtümern der Untergangspropheten.

| Von Oliver Tanzer


Manche Reden haben etwas Soghaftes an sich. Rhetorische Elementarteilchen blitzen und funkeln und ziehen die Zuhörer in den Bann. Und wenn der Redner Michel Houellebecq heißt, dann wird auch schnell eine kulturelle Kampfzone ausgerufen, die Linken samt den politisch Korrekten geohrfeigt, die Diktatur der Märkte gegeißelt. Der Redner vergießt dazu noch literweise historisches Blut (Kopfabschlagen in der Französischen Revolution), mixt es mit dem aktuellen Wahnsinn des IS und überbäckt das Ganze schließlich mit dem Islam an sich. Ergebnis: Unterwerfung. Houellebecq hat in diesem Sinne in seiner Rede bei der Verleihung des Schirrmacher-Preises der FAZ den „Selbstmord Europas“ prophezeiht.
Das allein wäre unerheblich, würden der Analyse des Starautors nicht so viele zustimmen. Houellebecq steht für eine ganze Kritikergemeinde, die den Untergang des Abendlandes voraussagt: Identität und Kultur Europas gingen verloren, das Fremde, das Islamische nehme überhand. Diese Diagnose trifft kommunal gesehen in großstädtischen Bezirken zu, regional gesehen nur in Ausnahmefällen und kontinental betrachtet überhaupt nicht.

Die europäische Selbstentfremdung

Tatsächlich hat Europa nichts von seinen Werten an eine angebliche „Überfremdung“ verloren, sondern an eine Selbstentfremdung. Es hat wichtige Teile seines Ichs entfernt: Das betrifft vor allem Weltanschauungen in all ihrer Bandbreite, seien sie nun rechts, links oder liberal. Alle diese heute als „Ideologien“ verpönten Lehren hatten philosophisch und politisch untermauerte Visionen. Die Kommunisten genauso wie die Christen und auch die freien Marktwirtschafter.
Im Grunde glichen einander diese Visionen: Sie alle meinten, dass der Mensch „paradiesfähig“ sei. Dass es einen Endzustand gebe, der alle Not aufhebt und alle Gegensätze. Und diese Idee von etwas Größerem schuf Glauben, Bewusstsein und Selbstbewusstsein. Heimat, wenn man so will. Heute scheinen diese Gedankengebäude in Trümmern zu liegen. Die Idee der Gesellschaft hängt an einer Ideologie light, die ohne Fahnen, Aufmärsche und Prozessionen auszukommen vorgibt.

Vorwärts in die Steinzeit

Aber nun vermissen wir an Europa Visionen, die Glauben schaffen. Und es vermisst diese Visionen selbst. Geradezu verzweifelt sucht es nach einer Substanz, die mehr ist als das konkrete Faktum des Wirtschaftlichen. Man sucht ein Narrativ, eine Vision, eine „Finalität“. In diesem Vakuum halten sich nun die Kritiker wie Houellebecq auf und machen ihr Geld mit der Beschreibung eben dieser Leere. Als wäre das nicht schon platt genug, werfen sie in ihrem Gejammer aber auch Errungenschaften, wie logische Argumentation, die Vermeidung von Trugschlüssen und die Prüfung auf Plausibilität des Behaupteten über Bord.
Deshalb macht diese Kritik keinen Unterschied mehr zwischen einer Religion und einer Terrororganisation. Sie mischt Bürgerrechte mit Rassismus und gießt aus Paranoia die Forderung nach Gesetzen, die den Grundgesetzen widersprechen. Sie misst die Macht einer Kultur an der Geburtenrate. Und sie beweint schließlich in einem gefälligen Zucken ihrer Triebe die Ausrottung der europäischen Männlichkeit.
Das psychopathologische Schauspiel à la Houellebecq endet aber nicht in der Kastration, vielmehr in der Impotenz der Kritik: Sie befördert weiter nichts als die Abwertung des Fremden und des Eigenen. Im Stillen beneidet sie die anderen um ihre Blutbäder und ihre Destruktivität. Und sie beneidet die eigene Geschichte um ihre Blutbäder und hält Blutbäder für Zeichen kultischer Stärke, ein Rest von Steinzeit im Hier und Jetzt.
Wenn es stimmt, dass die Zukunft aus den Wünschen der Gegenwart geboren wird, dann ist das aber die Gefahr: Das eigentliche Thema der Poeten der Kampfzone ist nicht der „Selbstmord Europas“, sondern die „Anstiftung zum Mord“ an seiner Idee.


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