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35/2017 - „Mexiko hat sich zu schnell geöffnet“
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Ungelesen , 09:14
„Mexiko hat sich zu schnell geöffnet“

Der Ökonom Bernhard Tröster meint, dass der drastische Liberalisierungskurs, der mit dem Nordamerikanischen Freihandelspakt einherging, in den USA Jobs gekostet hat, gleichzeitig aber
Mexikos Wirtschaft nicht aufholen konnte.


| Das Gespräch führte Ralf Leonhard

Bernhard Tröster, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), befasst sich vor allem mit Rohstoffen und internationalen Handelsabkommen. Ein Interview über NAFTA und die Probleme der Globalisierung.

DIE FURCHE: Mitte August haben in Washington die NAFTA-Neuverhandlungen begonnen. Wer sind bisher die Gewinner, wer die Verlierer?
Tröster: Es gibt verschiedene Untersuchungen, denen gemeinsam ist, dass NAFTA auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nur minimale Effekte gezeigt hat. Keine der Prognosen auf Wirtschaftswachstum hat sich erfüllt. Was sich verändert hat, sind Volumen und Struktur der Handelsströme. Die sind ein Indikator, dass sich die Produktionsstrukturen stark verändert haben. Es sind transnationale Wertschöpfungsketten entstanden, zum Beispiel in der Landwirtschaft oder in der Automobilindustrie.
DIE FURCHE: Was heißt Strukturwandel?
Tröster: Die Wertschöpfungsketten sind meist von großen Unternehmen beherrscht. Schätzungen gehen davon aus, dass 80 Prozent des internationalen Handels von multinationalen Unternehmen abgewickelt werden. Das gilt auch für die NAFTA-Region. Auf sektoraler Ebene kann man sich Verschiebungen am Agrarsektor anschauen. Mais und Bohnen waren in Mexiko für eine Übergangsfrist von 15 Jahren geschützt. Das ist 2009 ausgelaufen. Jetzt importiert Mexiko den Mais aus den USA. Mexikos ehemals kleinbäuerliche Strukturen waren der Konkurrenz mit den USA und Kanada nicht gewachsen.
DIE FURCHE: Trotzdem sagt die mexikanische Regierung, auch die Landwirtschaft hätte profitiert.
Tröster: Das stimmt für das gesamte Handelsvolumen, aber nicht für alle Produkte und Regionen. Mexiko liefert frisches Obst und Gemüse in die USA. Da sind neue Wertschöpfungsketten entstanden. Man muss sich allerdings ansehen, wie produziert wird und wohin die Gewinne fließen.
DIE FURCHE: Wenn man sich die Zahlen anschaut, ist Mexiko zum Industriestaat geworden. Stimmt das?
Tröster: Mit 13 Prozent der Beschäftigten im Agrarbereich ist Mexiko kein klassischer Industriestaat. Mexiko hat schon vor NAFTA eine Kehrtwende in der Wirtschaft eingeleitet. Bis 1986 war das Land eine geschlossene Volkswirtschaft mit Preisregulierungen und einer Vielzahl von Staatsunternehmen. Mitte der 1980er Jahre ist Mexiko dem GATT beigetreten und hat seither einen drastischen Liberalisierungskurs verfolgt, ...
DIE FURCHE: … der immer heftig umstritten war.
Tröster: Nicht zu Unrecht. Mitte der 1980er Jahre lag Mexiko beim BIP pro Kopf gleichauf mit Südkorea. Seit der Öffnung ist das BIP/pro Kopf in Mexiko um ein Drittel gewachsen. In Südkorea hat es sich verdreifacht. Das ist ein Unterschied um den Faktor zehn.
DIE FURCHE: Liegt das daran, dass Südkorea eine Wirtschaftspolitik verfolgt hat, während sich Mexiko einfach nur geöffnet hat?
Tröster: Das ist sicher ein Hauptgrund. Auch Südkorea hat sich geöffnet und setzt sehr aktiv auf Handel. Aber der Unterschied liegt in der Art der Politik vor Ort. Bestimmte Sektoren wurden gestärkt oder aufgebaut, die von der Handelsliberalisierung auch profitieren konnten. Jeder kennt heute Samsung oder die Automarken Hyundai und Kia. Handelsabkommen mit den USA und Europa wurden erst 2011/2012 geschlossen. Mexiko ist einen anderen Weg gegangen und hat sich sehr schnell geöffnet..
DIE FURCHE: Donald Trump ist ja der Meinung, die USA seien die großen Verlierer.
Tröster: Insgesamt stimmt das eher nicht, auch wenn es in einigen Regionen und Sektoren Verlierer gibt. Was das Prokopfeinkommen betrifft, hat Mexiko nicht aufgeholt. 1994 betrug es in Mexiko 22 Prozent des US-Niveaus. Heute nur mehr 19 Prozent. Es gab dort Industrialisierung, allerdings nur als verlängerte Werkbank der USA.
DIE FURCHE: Ein erklärtes Ziel von NAFTA war es, durch steigenden Wohlstand die Migration zu stoppen. Ist das gescheitert?
Tröster: Zwischen 1995 und 2008 sind über zwei Millionen Mexikaner in die USA ausgewandert, auch wegen des Strukturwandels in Mexiko und der enttäuschenden wirtschaftlichen Entwicklung. Seit 2008 gibt es eine Trendumkehr. Mehr Mexikaner gehen nach Mexiko zurück als umgekehrt. Das liegt aber eher an der wirtschaftlichen Lage in den USA infolge der Finanzkrise und strengeren Zuwanderungsgesetzen.
DIE FURCHE: Wozu dann die Mauer?
Tröster: Um Wahlen zu gewinnen. Es gibt ja nächstes Jahr bereits wieder die mid-term-elections in den USA. In Mexiko wird ein neuer Präsident gewählt. Das erzeugt auch einen gewissen Zeitdruck für die NAFTA-Verhandlungen. Wenn man Ergebnisse vorweisen will, müsste man vorher einen Abschluss haben. Mexiko und Kanada wollen auf viele Forderungen der USA nicht einsteigen. Man wird sehen, wie man ein Ergebnis findet, bei dem jeder sein Gesicht wahrt.
DIE FURCHE: Trump klagt über die Abwanderung von Jobs und das hohe Handelsbilanzdefizit mit Mexiko.
Tröster: Man schätzt, dass seit NAFTA 350.000 Jobs in der Autoindustrie der USA verloren gegangen sind. Gleichzeitig sind in Mexiko 400.000 Arbeitsplätze entstanden. NAFTA hat Produktionsverlagerungen in diesem Bereich sicherlich erleichtert.
DIE FURCHE: Die Automatisierung und China spielen da auch eine Rolle, …
Tröster: Deshalb ist es schwer vorstellbar, dass mit einer Neufassung oder Aufkündigung von NAFTA die Jobs wieder in die USA wandern. Trump müsste eine Reindustrialisierung aktiv gestalten.
DIE FURCHE: Die USA haben auch profitiert?
Tröster: Im Bereich der Dienstleistungen gibt es einen Handelsbilanzüberschuss. Die Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie hat profitiert und natürlich die Importwirtschaft. Gleichzeitig sitzen viele Investoren, die ihr Geld in die mexikanische Wirtschaft gesteckt haben, in den USA.
DIE FURCHE: Meist wird von den USA und Mexiko geredet. Wie ergeht es Kanada?
Tröster: Das Freihandelsabkommen hat auch dort gesamtwirtschaftlich sehr geringe Auswirkungen gehabt. Die großen Versprechungen haben sich auch in Kanada nicht bewahrheitet. Die kanadische Regierung will das System der Schiedsgerichte ändern.

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