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38/2017 - Polsterschlachten in Metropolis
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Ungelesen , 09:25
Polsterschlachten in Metropolis

Unsere Zukunft wird sich in größeren Städten abspielen. Dennoch: Die Unüberschaubarkeit der neuen Ballungsräume muss man nicht fürchten.


| Von Stephan A. Jansen

Starten wir steil: Städte sind die bewegliche Stätte der Globalisierung. Nationalisten wirken dagegen wie die alten Kreisverkehre des 20. Jahrhunderts. Aber es sind die Städte, die die Gesellschaft in Bewegung halten. Es sind magnetische Metropolen als Nahwelten, die wahrhaftige Sozialrauminnovationen hervorbringen können. Sie können aus der Unordnung der verdichteten Unterschiedlichkeit neue dynamische Ordnungen transformieren, die wiederum Unordnung und Diversität ermöglichen – als Anregungsarena für Kreativität.
Städte sind Stätten der gesellschaftlichen Transformationsfelder, die uns global beschäftigen: Energie und Klima, Landwirtschaft und Wasser, Mobilität, Sicherheit, Bildung, Gesundheit und Demografie. Städte sind vergesellschaftende Mikrokosmen des Machbaren in unordentlichen und unverständlichen Makrostrukturen von Recht, Politik, Wirtschaft, Religion, Natur, Wissenschaft. Wem diese Verbindung gelingt, der wirkt magnetisch.

Das Narrativ der Stadt

Großstädte wurden schon immer kritisiert, ob vom Philosophen Georg Simmel oder von Walter Benjamin. „The city is dead“ war der geplante Aufschrei des Planungstheoretikers John Friedmann 2002. Die Verlustgeschichten der verdichteten Städte wurden von Soziologen wie Richard Sennett oder Architekten wie Rem Koolhaas erzählt: die Transformation von Städten in Shopping Malls als soziale und ästhetische Erosion. Die Ordnung des Konsum-Kapitalismus erzeugte in Städten eine Sehnsucht nach Unordnung – nach Hafen- und Industriegebieten, nach Streetfood, Schmuddelecken und Picknick-Decken, nach urbaner Körperlichkeit und Kultur.
Und heute reden wir über Global, Connected, Smart oder Intelligence Cities. Zieht eine neue – technologietrunkene – Urbanität auf? Was ist da los? Städte sind seit den 1970er-Jahren zu einem interdisziplinären Stadtgespräch der Wissenschaften geworden. Meist kritisch; ob Gentrifizierung, Gender Studies oder negative externe Effekte des Wachstums oder der Schrumpfung von Städten.
Nun kommt frischer Wind in die Diskussion. Zwischen all den Gegenwinden bei Infrastrukturmaßnahmen (von Landebahnen, Bahnhöfen wie U-Bahnen) zeichnet sich eine Umstellung ab: von Protests auf „Pro Test“. Und damit ein Versuch der Antworten auf die Frage: Wie schafft man aus den Makrostrukturen der sich ausdifferenzierenden Gesellschaft einen Mikrokosmos als verdichtete Unterschiedlichkeit der gelingenden Innovation durch Re-Integration?
Metropolen und kluge Stadtverbünde als Metropol-Regionen sind Zeitpioniere in einem „Laboratorium des Fortschritts“: innovativer Ort der Entwicklung, Erprobung und Repräsentation pluraler Identitäten. Interessant sind dabei neben neuen Formen der Arbeit, der Freizeit, der Familie, der Mobilität vor allem auch die der Entscheidungsordnungen, also auch bürgerschaftlichen wie politischen Governance. Wir sehen aus der Zivilgesellschaftsforschung Belege für einen neuen Typus von Sozialrauminnovationen durch intersektorale Zusammenarbeit – also zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft.
Waren einmal Rom, Babylon, Alexandria und Byzanz die einflussreichen Metropolen der Welt, sind es heute New York, Peking, Tokio und das Perflussdelta mit nunmehr 50 Millionen Einwohnern zwischen Guangzhou und Hongkong. London und Paris sind als einzige europäische Metropolen in dieser Liga verblieben.
Aktuell weisen die Prognosen der UNO auf einen Anstieg des in Städten lebenden Teils der Weltbevölkerung von derzeit 54 Prozent auf 66,4 Prozent 2050 hin. Das ist die Verstädterung der Welt. Zwei Migrationsströme – boheme Digitalvagabunden einerseits und erzwungene Flüchtlinge andererseits – stellen die Herausforderung einer Ankunftsstadt dar, die der kanadische Journalist Doug Saunders 2012 kulturoptimistisch forderte.
Allerdings ist Bevölkerungswachstum seit jeher auch verantwortlich für Unordnung und Unbill. Der Politökonom nennt das „negative externe Effekte“ – für Umwelt, Gesundheit und Infrastruktur- und Gemeinschaftsgüter-Übernutzung. Diese public bads sollen durch public goods – meist städtischer und nicht nationaler Herkunft – gelindert werden. Scheitert die Idee der Arrival City, dann wird sie zum sozialen Brennpunkt mit den Folgen der Kriminalität und des Extremismus. Blüht sie auf, wird sie zur Geburtsstätte der neuen Mittelschicht, der stabilen Wirtschaft und des sozialen Friedens einer Stadt – mit steigender Tendenz in den nächsten Generationen.

Zukunftsszenarien

Es bildet sich eine eigene Urban-Tech-Szene heraus, die sowohl von den Immobilien-, Mobilitäts-, Technologie- wie auch von Energie- und Mobilitäts-Anbietern und nicht zuletzt von öffentlich geförderten Regierungsprogrammen angeheizt wird. Optimismus der Big-Data-optimierten Smart Cities ist bei den Beratungshäusern spürbar.
Die Städte erleben derzeit künstlerische wie körperliche Aneignungspraxen, wie es nur eine digitale Transformation möglich machten konnte: Parkuhr mit Häkel-Mützchen, Verkehrspoller mit Ringelschals, Schaukeln an Bushaltestellen, Verkehrsinseln mit Sofas, Spitzkohl am Rand des Bürgersteigs. Die Stadt wird am frühen Morgen zur Cross-Fit-Arena, zum Schauplatz von Public Sweating und Public Viewing mit Flashmobs – von Polkatanzen vor Botschaften bis zu Polsterschlachten in Köln. Generell haben es Automobil-Hersteller-Länder schwerer und brauchen Zivilgesellschaft und Kunst: Der PARKing Day, 2005 von einem Designbüro in San Francisco gestartet, wandelt nun in über 100 Städten Parkplatzflächen zu Park-Flächen um (mit Münzeinwurf!) – Rollrasen, Gartenbank, Bäumen in Kübeln. Seit Jahren dienen weiterhin die sogenannten „Crosswalks“ (Zebrastreifen an gefährlichen Orten zum Aufsprühen) und das „Wayfinding“ (das Aufstellen von selbstgemachten Verkehrsschildern) ebenso wie Geocashing und zahlreiche Apps zu Frühwarnsystemen der Verkehrsplanung und Sicherheit. Diese neuen Unordnungen im Verkehr schaffen Daten für kluge Stadtentwickler für klügere neue Ordnungen. Bis hin zur Erlaubnis für Radfahrer, rote Ampeln zu überfahren.
Drei ordnende Strategien sind für magnetische Metropolen erkennbar: Zunächst die High-Tech-Strategie des autonomen Fahrens mit der Trennung von Besitz und Fahrbetrieb. Zweitens die digitale Vernetzungs-Strategie: intermodal vernetzte Dienstleistung über mehrere Verkehrsträger. Drittens, die Low-Tech-Strategie: öffentlicher Nahverkehr mit intelligenten Individualverkehrsträgern – vom Segway über Scooter, Skateboard, Leih- bzw. eigene Fahrräder. Wer technisch-digitale Intelligenz, politisch-regulative Normierungs-Intelligenz (Infrastruktur) und menschlich-körperliche Sozialintelligenz verbindet, der wirkt anziehend. Umgekehrt wirkt es abstoßend.
So ergibt sich aus scheinbarem Chaos ein rationales Bild: Magnetische Metropolen werden anziehend, weil man seine persönliche Wirksamkeit in den Mikrokosmen der Makrostrukturen wahrnehmen kann. Intelligente Städte sind nicht die technologisch avancierten, sondern diejenigen, die aus kollektiver und intersektoraler Energie soziale Innovationen erzeugen – also aus Unordnung Ordnungen schaffen, die wieder Unordnungen ermöglichen.


| Der Autor ist Leiter des Center for Philanthropy & Civil Society. Er ist einer der Hauptvortragenden der Globart Academy 2017 zum Thema „Ordnung – Unordnung“. |

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  03:35:42 07.17.2005