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24/2018 - Österreich und seine Muslime: Das „WIR“ suchen
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Alt , 05:07
Österreich und seine Muslime: Das „WIR“ suchen

Das Verhältnis von Nichtmuslimen und Muslimen ist hierzulande sehr stark von „WIR und IHR“ und wenig von Gemeinsamkeit geprägt. Aus „Gastarbeitern“ wurden „Ausländer“ und dann „Muslime“.

| Von Mouhanad Khorchide


Die Reaktionen auf die jüngste Ankündigung der Regierung, aufgrund von Verstößen gegen das Islamgesetz sieben Moscheen zu schließen und einige Imame auszuweisen, sind für die Islamdebatte symptomatisch. Die einen interpretieren diese Aktion als pauschale Haltung der Islamfeindlichkeit Österreichs, und die anderen richten die Vorwürfe pauschal gegen den Islam und die Moscheen und meinen, dass die Integration der Muslime gescheitert ist.
Schaut man sich die Indikatoren der sogenannten strukturellen Integration (Arbeitsmarktpartizipation und Bildungsaufstieg) der Muslime in Österreich an, so stellt man fest, dass immer mehr Muslime in die Mittelschicht aufsteigen und somit besser integriert werden. Dies belegen auch neuere Studien zum Thema, wie die 2016 erschienene empirische Untersuchung „Muslimische Milieus im Wandel?“ der Soziologin Hilde Weiss. Die eigentliche Herausforderung der Einbindung der Muslime in die österreichische Gesellschaft liegt woanders, und zwar in der Frage der Identifikation der Muslime mit Österreich und der Identifikation der Österreicher mit den Muslimen als selbstverständlichem Teil einer gemeinsamen Gesellschaft. Eine Rhetorik der Spaltung in „Wir“ und „Ihr“ bestimmt heute den Diskurs stärker als noch vor einigen Jahren.

Ein Wandel in der Wahrnehmung

Lassen Sie uns schnell rekonstruieren: In den 1960er- und 1970er-Jahren sprach man von den Gastarbeitern, die unter anderem aus islamischen Ländern, vor allem aus der Türkei, nach Österreich kamen. Diese sprachen kaum bzw. schlecht Deutsch und waren nicht wirklich gut in der österreichischen Gesellschaft integriert, dennoch gehörten sie selbstverständlich dazu. Kaum jemand stellte deren Zugehörigkeit zu Österreich in Frage. Niemand kam bis in die 1990er-Jahre auf die Idee, die Frage zu stellen: „Gehört der Islam zu Österreich?“ Heute sprechen wir aber vermehrt von den Muslimen, um dieselben Gruppen der ehemaligen Gastarbeiter und deren Nachkommen zu bezeichnen.
Sie sind in unserer Wahrnehmung Repräsentanten des Islams: Sie sind Muslime. Dieser Wandel der Wahrnehmung führte zu einer Art „Islamisierung“ sozialer Probleme und Konflikte. „Warum sprechen Muslime schlechter Deutsch als Nichtmuslime bzw. warum schneiden sie schlechter ab im Bildungssystem?“, wird zum Beispiel gefragt.

Islam als ausgehöhlte Identität

Dies suggeriert, dass sie nur ihren Glauben wechseln müssten, damit sie die deutsche Sprache besser beherrschen und im Bildungssystem aufsteigen. Die Kategorie des „Muslimsein“ wird immer mehr als Problemzone wahrgenommen, die hinter allen Problemen steht. Daher gehen immer mehr Angehörige der Mehrheitsgesellschaft auf Distanz zu dieser Kategorie des „Muslimsein“. Über Zweidrittel der nichtmuslimischen Österreicher haben Angst vor dem Islam. Natürlich spielt gleichzeitig die geopolitische Entwicklung der letzten Jahrzehnte eine zentrale Rolle. Aus den Gastarbeitern wurden später Ausländer und danach Menschen mit „Migrationshintergrund“ – und spätestens seit dem 11. September Muslime.
Der 11. September markiert einen entscheidenden Umbruch, der zu einem starken Perspektivenwechsel geführt hat. In den letzten Jahren rief das Aufkommen vom „IS“, und vor allem dessen Anschläge in Europa, die negative Assoziation in das kollektive Gedächtnis vieler Europäer: Islam ist gleichzusetzen mit Gewalt und Aggression.
Diese seit dem 11. September stark gewordene Fremdzuschreibung: „Ihr seid die Muslime“ wurde immer mehr zur Eigenzuschreibung vieler gerade junger Muslime, die hier geboren und aufgewachsen sind: „Wir sind die Muslime“, allerdings in Ab- und Ausgrenzung zum „Westen“. Die religiöse Kategorie des „Muslimsein“ als Identifikationsfläche löst immer mehr die nationalen Kategorien ab. Denn letztere versagen immer öfter. Man denke zum Beispiel an die regelmäßig aufkommende Debatte: „Gehört der Islam zu Europa oder doch nicht?“
Diese Frage kommt bei vielen Muslimen, die hier geboren und aufgewachsen sind, so an, als würde man hinterfragen, ob sie selbst dazugehören oder nicht. Viele junge Muslime sagen mir: „Unsere Heimat Österreich hinterfragt, ob wir dazugehören; das verletzt uns.“ Viele finden dann ihre Zuflucht bei religiösen Identitäten: „Dann bin ich halt ein Muslim, das kann mir keiner wegnehmen.“
Dabei geht es aber weniger um den Islam als spirituelle oder ethische Quelle, sondern als identitäre Kategorie als Ersatz für nationale Kategorien. Man kann hier von einer Politisierung der islamischen Identität sprechen. Denn diese dient nicht so sehr der Begründung einer religiösen Haltung als vielmehr dazu, eine kollektive Zugehörigkeit zu konstruieren, die in Konkurrenz zum „Westen“ steht. Diese Form der Politisierung der islamischen Identität birgt allerdings die Gefahr in sich, sich primär über die Ab- und Ausgrenzung von der Gesellschaft zu konstruieren. Es kann soweit gehen, wie bei salafistischen Gruppierungen, dass in der österreichischen Gesellschaft ein Feindbild konstruiert wird, um sich selbst einen Inhalt zu geben.
Dieses Phänomen ausgehöhlter Identitäten, die auf Feindbilder im „Anderen“ angewiesen sind, um sich selbst über diese Ab- und Ausgrenzung zu definieren, ist auch ein Phänomen, auf das wir in der Mehrheitsgesellschaft stoßen. Vor Kurzem diskutierte ein Anhänger der rechtspopulistischen AfD in Deutschland mit mir über die Frage der Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland. Er meinte: „Wir müssen unsere christlich abendländische Identität vor dem Islam schützen und retten.“ Auf meine Frage hin, was er unter christlich abendländisch verstehe, sagte er nach einer langen Denkpause: „Wir essen hier Schnitzel und trinken Bier!“ Dies erinnerte mich an die Antwort mancher Muslime, wenn man sie fragt, was sie zu einem Muslim macht: „Ich esse kein Schweinfleisch und trinke keinen Alkohol.“ Unsere Gesellschaft ist heute stark geprägt von solchen ausgehöhlten Identitäten, die nur imstande sind zu sagen, was sie nicht sind, aber nicht wirklich wissen, was sie aktiv zu dem macht, was sie zu sein meinen.
Daher spielt die Konstruktion kollektiver Feindbilder (der Islam, der Westen) eine immer stärkere Rolle. Dies macht Phänomene wie den Salafismus oder den Rechtspopulismus attraktiv. Dadurch wird die Gesellschaft allerdings für Polarisierung anfälliger. Wir müssen uns daher stärker mit der Frage: „Wer sind wir und was macht uns eigentlich aus?“ beschäftigen, denn nur dann, wenn ich weiß, wer ich bin, habe ich keine Hemmung, mich dem „Anderen“ zu öffnen, ohne Angst vor Verlust des Eigenen zu haben.

Die Rolle der muslimischen Gemeinden

Unbehagen vor dem Islam gibt es am stärksten dort, wo kaum Begegnungen mit Muslimen stattfinden. Das heißt, wir benötigen mehr Räume der Begegnung, die Moscheegemeinden benötigen mehr Transparenz, mehr Öffnung Richtung Gesellschaft. Viele Menschen fragen sich zu Recht: „Was wird in den Moscheen gepredigt? Was wird dort den Kindern beigebracht?“ Darüber ist wenig bekannt: Hier sind die Moscheegemeinden herausgefordert, sich mehr zu öffnen.
Dass der größte muslimische Verband „ATIB“ in den letzten Monaten mehrfach zu Irritationen beigetragen hat, hat meines Erachtens dem Vertrauensverhältnis zu den muslimischen Moscheegemeinden stark geschadet und das nicht zu Unrecht. Diese hausgemachten Probleme müssen vor allem von den Muslimen selbst erkannt und in einem innerislamischen Diskurs ernsthaft und ehrlich angegangen werden.
Der wachsende Diskurs eines politischen Islams ignoriert jedoch hausgemachte Probleme, da dieser Diskurs nur daran interessiert ist, die Muslime in eine Opferecke und den Westen in eine Täterrolle zu schieben.
Anders als der Salafismus und der Extremismus entwickelt sich der politische Islam subtil und trägt oft eine intellektuelle Weste, die schwer durchschaubar ist. Der politische Islam entwickelt sich in den letzten Jahren zu der eigentlichen Herausforderung der Integration der Muslime in Europa und löst langsam die polarisierende Rolle eines geschwächten Salafismus ab.
Pauschale Urteile und populistische Diskurse beherrschen die Islamdebatte in Österreich. Dabei werden die eigentlichen Fragen kaum gestellt. Also nicht: Gehört der Islam zu Österreich? Sondern: Welcher Islam gehört eigentlich zu Österreich? Der salafistische genauso wenig wie der politische Islam. Zu welchem Islam gehört Österreich?
Sicher nicht zu den zwei letztgenannten. Welche sozialen Maßnahmen müssen gefördert werden, um die Muslime stärker in die österreichische Gesellschaft einzubinden?

Schulen und andere Bildungsinstitutionen

Die anfangs zitierte Studie „Muslimische Milieus im Wandel?“ kommt zum Ergebnis, dass Bildungsaufstiege von Muslim(inn)en positive Folgen für Akkulturation und Werteintegration haben. Die Rolle der Schule und der weiterbildenden Maßnahmen muss daher viel stärker diskutiert und gefördert werden als bislang. Dies gilt auch für eine aktive aufklärende Bildungs- und Antidiskriminierungspolitik, die sich sowohl an Schüler wie auch an Erwachsene richtet.
Nur eine intensivere aufklärerische Öffentlichkeitsarbeit wie ein politisch bildender Unterricht in allen österreichischen Schulformen kann Vorurteilsneigungen und Pauschalisierungen entgegenwirken, denn empfundene Diskriminierung und Abwertung mindern bzw. hemmen die Chancen des Wertewandels und der Akkulturation junger Musliminnen und Muslime. Man muss daher ernsthaft über die Einführung von nationalen und lokalen Maßnahmen gegen Rassismus und Diskriminierung nachdenken, um langfristig gleiche Chancen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gewährleisten.


| Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster |

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