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25/2018 - In Zeiten der Schreihälse (Otto Friedrich)
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Alt , 06:51
In Zeiten der Schreihälse

Die Liste derer, die sich am öffentlichen Gebrüll beteiligen, scheint lang: Plädoyer für das Wahrnehmen leiser Töne, die eine Auseinandersetzung erst zum Diskurs machen.


| Von Otto Friedrich

Ja, es ist die Zeit der Schreihälse. Die Zeit spätpubertärer und testosterongesteuerter Politik. Vom Verhaltensauffälligen im Weißen Haus prasseln blindwütige Botschaften nieder, und die virilen Machthaber an der Moskwa, in Ankara oder Manila, ja selbst bayerische Möchtegern-Originale fühlen sich obenauf: Die Liste derer, die sich am öffentlichen Gebrüll beteiligen (das Wort Diskurs ist da längst ad acta gelegt), scheint lang.
Dazu kommen smarte Junge, die ihre Botschaften in eine Teflonsprache einwickeln – und dennoch altbekannter Machtpolitik frönen. Kürzlich hat der Jungkanzler das Schlagwort der „Achse der Willigen“ erfunden, um seine Restriktionspolitik wider Migranten in eine sprachliche Hülse zu kleiden. Nicht nur, dass dabei das unselige Andenken an die Achse Berlin-Rom aufkam – die Ortsbezeichnungen fielen bekanntlich auch hier. Sondern – das wissen auch die Spätgeborenen: Vor 15 Jahren schmiedete ein US-Präsident eine „Koalition der Willigen“, die bekanntlich mit Fake News (altmodisch: Lügen) den Einmarsch im Irak rechtfertigte.
Ein letztlich planloses Unterfangen, dessen Verheerungen im Mittleren und Nahen Osten bis heute zu besichtigen sind, welche nebstbei als eine gravierende Ursache für das Anschwellen der Flüchtlingsströme gelten müssen. Aber ein Innehalten oder eine Rückschau auf diese Ereignisse und Mechanismen findet in der globalen Schreihals-Fraktion nicht statt.

Schönborn: „Asyl darf nicht zum Schimpfwort werden.“

Wer eine Diagnose der aktuellen Zeitläufte versucht, kommt nicht umhin, bei der Sprache, die ja immer auch ein Indikator für die Verrohung des Diskurses ist, anzusetzen. Die lauten Auswürfe haben Konjunktur. Und auch die alle Ecken und Kanten wegspülenden Mittel einer – wie hierzulande regierungsamtlich verordnet – „Message Control“ verneinen jede kontroverse politische Diskussion: Diese gibt vor, dass es auf komplexe Probleme einfache Antworten gibt.
Leise Töne geraten in diesem Geschrei der Tage schnell unter die Wahrnehmungsschwelle. Dabei wäre es wichtig, gerade sie zu Gehör zu bringen. Kardinal Christoph Schönborn, in der politischen Debatte gewiss ein solch Leiser, hat genau das im Interview mit Österreich, jenem Tagblatt, das gemeinhin für Krawall steht, eingemahnt: „Was gefährlich ist, ist eher die Sprache.“ Und da verlangt der Kardinal auch von der Regierung Behutsamkeit: „Wenn Worte gewalttätig werden, ist das der erste Schritt zur Gewalttätigkeit.“ Schönborn hatte zuvor auch gemeint: „Asyl darf nicht zum Schimpfwort werden.“

Der leisen Mahner Sisyphus-Arbeit

Die leisen Mahner, die Wortklauber um eine gerechte Sprache gibt es, wenn man sie hören will, in allen Schreiduellen der öffentlichen Auseinandersetzung. Ein Altvorderer der CSU, der 87-jährige ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier, hat dies dieser Tage Seehofer, Söder & Co. ans Herz gelegt: Er vermisse in der CSU die „christliche Sprache“ von „Adenauer, Schuman, De Gasperi …“, klagte der Nestor der Christsozialen, der den Umtrieben seiner Partei letzte Woche auch mit einem „Seid ihr alle verrückt geworden?“ übertitelten Brief in die Parade fuhr.
Hierzulande ließ dieser Tage Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit einer exemplarischen Europa-Rede, in der er leise, aber glasklar die Probleme der Zeit auf den Punkt bringt, aufhorchen. Van der Bellen meinte da, die Freiheit sei weniger dadurch gefährdet, dass sie jemand „mit einem Handstreich“ beseitige, sondern vor allem durch die „Salamitaktik, in der schrittweise, scheibchenweise, eine Kleinigkeit nach der anderen abgezwackt wird. Es fällt nicht weiter auf, aber am Ende stehen wir vor einem Scherbenhaufen“. Und Van der Bellen weiß gleichfalls, dass es gilt „die Erosion der Sprache zu beachten … ‚Im Anfang war das Wort.‘ …“ Es mag eine Sisyphus-Arbeit sein: Aber es bleibt den leisen Mahnern nichts anderes übrig, als beharrlich den Schreihälsen das Wasser abzugraben.

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