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30/2018 - Erfahrungen aus dem Osten wahrnehmen
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Alt , 05:48
Erfahrungen aus dem Osten wahrnehmen

„Angst ums Abendland?“ lautet Thomas Arnolds Vorlesungsreihe bei den Salzburger Hochschulwochen. Der Theologe erläutert die Unterschiede der Entwicklungen im Osten und Westen Deutschlands.

| Das Gespräch führte Otto Friedrich


Mit den Pegida-Demons*trationen 2014 wurde Rechtspopulismus auch in Deutschland eine politisch relevante Erscheinung. Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie Dresden, erläutert, warum der Kampf ums Abendland in Ostdeutschland begann.

DIE FURCHE: Rechtspopulismus in Deutschland hat sich politisch relevant erstmals in der Pegida-Bewegung im Osten des Landes Ende 2014 manifestiert, die schon im Namen die Angst ums Abendland thematisiert.
Thomas Arnold: Ich denke, dass sich da Österreich und Ostdeutschland unterscheiden. Als in Dresden die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, wofür die Abkürzung Pegida steht, auf die Straße gegangen sind, haben sie nicht unbedingt das Abendland explizit vor Augen gehabt. Jedenfalls war es nicht erste Motivation, das Christliche daran zu erhalten. Stattdessen waren die Themen sehr mannigfaltig: Jeder, der mit etwas nicht einverstanden war, konnte dort etwas finden. Mit der Flüchtlingskrise fand sich jedoch ein Anlass, sodass in den Höchstzeiten dort 20.000 Leute mitgegangen sind. Ich halte es für falsch, die*se vorschnell alle als Rechtsextreme zu bezeichnen. Auch wenn sich heute die Bewegung radikalisiert hat und keine Bedeutung mehr hat, darf nicht vergessen werden, dass der Frust vieler Menschen, die dort demonstriert haben, immer noch nicht gelöst ist. Dies* geht über die Frage der Migration hinaus.
DIE FURCHE: Hat diese Entwicklung auch mit der spezifischen Situation in den neuen Bundesländern zu tun?
Arnold: Ja. Die Menschen hier haben auch 2015 gefragt: Wie gestalte ich mein Leben in einer Demokratie, in einer freiheitlichen Ordnung? Diese Fragen gehen mit Erfahrungen einher, die vorher durch den Transformationsprozess der letzten Dekaden durch*ein*andergekommen sind. Die große Herausforderung für die Politik ist, dies wahrzunehmen.
Wir haben zu Recht in den letzten Jahrzehnten auf die Erfahrungen vor 1989 geschaut.
Aber jetzt ist es auch Zeit, das zu sehen, was nach 1989 durcheinandergekommen ist.
DIE FURCHE: Aber im Osten leben wesentlich weniger Muslime und Flüchtlinge als im Rest Deutschlands. Wieso entzünden sich Angst und Protest dann an diesen Themen?
Arnold: Ausländer mit Migrationshintergrund gibt es im Osten tatsächlich wenige. Trotzdem haben die Entwicklungen dazu geführt, dass die Leute sich gerade bei diesem Thema empört haben. Ein Grund dafür ist, dass sie von den Bildern in Medien verschreckt wurden. Wenn in Sachsen ein Mensch mit Migrationshintergrund zwar nirgendwo in Erscheinung tritt, aber immer als der dargestellt wird, der für Schandtaten verantwortlich ist, kommt Angst auf. Man kann die Medien auch dafür kritisieren, dass sie die Pegida falsch analysiert haben.
DIE FURCHE: Und die Religion hat da keine Rolle gespielt?
Arnold: Im ganzen Osten Deutschlands gibt es etwa 20 Prozent Christen, katholisch sind gar nur drei bis vier Prozent. Das heißt, Religion ist nicht mehr wirklich gesellschaftlich verankert. Die Vertrautheit mit Gott und eine Vorstellung von Gott sind weitgehend fremd. Aber je fremder Religion ist, umso schlechter wissen die Leute damit umzugehen, wenn plötzlich Religion – etwa mit Kopftuch – wieder in die Öffentlichkeit tritt.
DIE FURCHE:Das heißt also, dass die Religionsferne zu dieser Polarisation wesentlich beigetragen hat?
Arnold: Wir wären falsch beraten, wenn wir die Religionsferne als den Grund sehen würden, der zum Erfolg von AfD und Pegida geführt hat. Aber sie ist ein Aspekt, wenn plötzlich nicht nur eine unbekannte Kultur in die Gesellschaft kommt, sondern auch eine Religion, die sich auch noch öffentlich äußert – anders als in den 40 Jahren in der DDR, wo Religion ins Private gedrängt wurde. Jetzt ist plötzlich eine Religion da, die verlangt, im urbanen Raum sichtbar zu sein – und zwar mit unvertrauten Symbolen. Ich kann Ihnen Beispiele nennen, wo im Osten ein Kind fragt: „Was ist denn das für ein Holzbalken, der da übereinandergeschlagen ist und vorne hängt?“, und seine Mutter nicht erklären kann, was diese Holzbalken bedeuten. Man sollte meinen, diese Symbole seien in unserem Kulturkreis selbstverständlich. Aber dieser Generation sind sie nicht mehr vertraut. Kommen dann ganz andere Symbole dazu, ist die Frustration umso größer.
DIE FURCHE: Was hält die Gesellschaft in den neuen Bundesländern dann zusammen?
Arnold: Die Erfurter Pastoraltheologin Maria Widl hat die These aufgestellt und erläutert, wie die DDR es geschafft hat, als Religionsanalogie Bindung stark herauszuheben. Danach hat sich der Zusammenhalt in der Familie, also im Kleinsten verfestigt. Interessanterweise haben sich gerade die katholische und die anderen christlichen Kirchen in der DDR-Zeit familienanalog strukturiert.
DIE FURCHE: Kann man also sagen: Wenn es keine traditionell Religiösen mehr gibt, dann wären Elemente, die die Gesellschaft zusammenhalten, familiäre Strukturen?
Arnold: Ja. Ich habe dennoch nicht den Eindruck, dass Sachsen auseinanderbricht, aber es gibt Risse – auch im Kleinen. Seit 2015 berichten mir viele Bekannte, dass sie auch mit besten Freunden in Fragen etwa der Migration plötzlich auseinandergehen. Dieser Riss zieht sich auch durch Familien. Die große Herausforderung etwa für Sachsen ist, hier am gesellschaftlichen Zusammenhalt zu arbeiten.
DIE FURCHE:Ähnliches hört man aus Bayern, Österreich, dem Westen: In der Migrationsfrage können Leute, die vorher ein Herz und eine Seele waren, nicht mehr miteinander. Das wäre dann ein gemeinsames Problem …
Arnold: … aber für Ostdeutschland kommt noch die Erfahrung von 40 Jahren DDR hinzu, was dazu führt, dass Verständnis und Akzeptanz für diese Fragen deutlich schwerer zu erreichen sind als im Westen. Ich würde das aber nicht nur in den neuen Bundesländern verorten, sondern auch in den *Visegrád-Staaten. Die Europäische Union ist in Westeuropa gewachsen, viele Werte und Fundamente wurden im Gesetzesleben und in den Strukturen umgesetzt, nach 1989 wurden sie in den ost- und mitteleuropäischen Ländern übernommen, aber das Herzstück des Ganzen, das Friedensprojekt, ist nicht angekommen.
DIE FURCHE: Sie sprechen von Transformationserfahrungen der Menschen im Osten seit 1989. Erwachsen aus diesen Erfahrungen auch Chancen für neues Miteinander?
Arnold: Ich glaube schon. Die eine große Chance ist, dass wir als Teil der Bundesrepublik in den westeuropäischen Kontext eingebettet sind, da auch Strukturen übernommen und Austausch haben. Auf der anderen Seite haben wir ähnliche Erfahrungen wie die anderen Staaten im Machtbereich der Sowjetunion. Da besteht für uns die Chance darin, dass wir eine Art Brücke für das Verständnis zwischen Ost und West sein können.
DIE FURCHE:Gibt es eine Rolle für die Kirchen dabei?
Arnold: Das hängt davon ab, ob und wie wir mit unserer Erfahrungsweise in gesellschaftspolitische Diskurse eindringen und etwa wie wir die Dialogkultur, die sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat, auf gesellschaftliche Prozesse übertragen können. Ich meine da den Dialogbegriff, der sich nach dem II. Vatikanum entfaltet hat, wo es ganz deutlich darum geht, den Anderen anzunehmen und auf ihn zu hören. Auf der anderen Seite muss ich aber auch versuchen, den Anderen mit Argumenten zu überzeugen. Der Theologe Frank Richter, ein maßgeblicher Akteur der Friedlichen Revolution in Dresden 1989, hat vor Kurzem ein Buch geschrieben mit dem Titel „Hört endlich zu“: Für ihn sind Stärke und Größe, die von Europa ausgehen, ein offenes Ohr füreinander zu haben, Probleme ernst zu nehmen und dann miteinander in einen Dialog zu kommen – sowohl zwischenmenschlich, als auch zwischen Politik und Bürgern. Das ist etwas, was wir aus dem Religiösen lernen können. Das andere, was wir aus den Erfahrungen der Menschen im Osten lernen können, ist, dass ein System- und Wertewandel für die Ostdeutschen eben kein erfahrungsleerer Gang, sondern in der eigenen Biografie schon tief verankert ist.
DIE FURCHE: Was sind da wesentliche Unterschiede zwischen Ost und West?
Arnold: Ganz entscheidend sind die Narrative, die wir in der öffentlichen Wahrnehmung erzählen. Vor Kurzem meinte Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, in einem Vortrag, der Katholikentag in Essen 1968 sei für den Katholizismus in ganz Deutschland prägend gewesen. Natürlich hat er recht – aber eben zuvorderst für Westdeutschland. Wer erzählt aber die Narrative jenes Jahres, die für den Osten eine Rolle spielten – den Prager Frühling, die Sehnsucht nach Freiheit? Ich plädiere dafür, dass wir europäisch lernen, diese Narrative aus Ost- und Mitteleuropa stärker zu hören. Vielleicht ist so auch eine Annäherung an Entwicklungen in Ungarn oder Polen möglich.
DIE FURCHE: Das Sprichwort sagt, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Gesellschaft und Politik scheinen sich zurzeit aber nicht daran auszurichten.
Arnold: Das ein guter Rat. Auf gesellschaftlicher Ebene muss ich aber sagen: Angst ist ja ein Gefühl – und die sind notwendig, um Dinge anzustoßen. Wir haben viele Jahre in Politik und Recht erlebt, wie das Miteinander deutlich weniger von Emotionen geprägt war. Wir dürfen aber Emotionen in Politik und Gesellschaft zulassen. Es darf auch Streit geben, wir müssen nicht alle eine einheitliche Meinung haben. Die Frage ist 1., wie reden wir miteinander, 2., sind wir überein in diesem Punkt oder nicht, und 3., wie gestalten wir das alles nicht ausgrenzend. Von da aus können wir mit Emotionen den Verstand anstoßen und Dinge bewegen. Das kann tatsächlich etwas zum Besseren bringen. Wenn die Gesellschaft Angst hat, dann ist es notwendig, zuerst diese Angst zu analysieren und Lösungen gemeinsam zu entwickeln. Selten sind es Masterpläne. Stattdessen müssen diese Lösungen eine Hoffnungsperspektive enthalten, die realistisch ist und weder andere Generationen noch andere Völker ausgrenzt. Das ist zutiefst christlich. Was sonst, wenn nicht Hoffnung, ist die Botschaft von Christen, mit der wir versuchen, Angst aufzulösen oder zumindest zu mildern? Ja, Angst ist ein schlechter Berater. Aber ich glaube, aus dieser Perspektive ist Hoffnung der beste Berater fürs Leben!

(Mitarbeit: Sarah Kröll)

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  21:43:06 07.13.2005