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33/2018 - Spielräume für die Wir-Gesellschaft
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Alt , 07:14
Spielräume für die Wir-Gesellschaft

Wie kann der Bürger wieder besser in politische und gesellschaftliche Prozesse eingebunden werden? Antworten aus der Zukunftsforschung.

| Von Christian Schuldt

Im Übergang von der modernen Gesellschaft zur „Netzwerkgesellschaft“ (Dirk Baecker) wird immer deutlicher: Gesellschaft ist kein „großes Ganzes“, sondern ein dynamischer Zusammenhang des Unterschiedlichen – der weniger denn je zentral steuerbar ist. Exemplarisch veranschaulichen dies die sozialen Medien. Online-Plattformen sind die neuen Knotenpunkte gesellschaftlicher Partizipation, aber zugleich Schauplatz populistischer Parallelwelten, die den Kontakt zum Rest der Gesellschaft verlieren. Droht unsere Gesellschaft zu zerfallen?
Die Studie „Next Germany“ (Zukunftsinstitut 2017) zeigte deutlich, dass die Vorstellungen über eine lebenswerte Welt heute gespaltener denn je sind. Dieser Split der Kulturen ist zugleich ein Kampf um gesellschaftliche Deutungshoheit. Auf der einen Seite steht die „linke“ Erzählung von der offenen, multikulturellen Weltgesellschaft und ihren kreativen Individuen. Auf der anderen Seite die „rechte“ Erzählung vom geschlossenen, „identitären“ Nationalstaat und einer kollektiven Solidarität. Beide Narrative scheitern daran, dass sie die enorme Komplexität der heutigen Gesellschaft tendenziell ausblenden.

Neue Deutung von Komplexität

Was eine gespaltene Gesellschaft deshalb umso dringlicher braucht, ist eine neue, überzeugende, begeisternde Deutung von Komplexität – jenseits der traditionellen politischen Schemata. Eine Vision, die ihre Strahlkraft nicht aus der Distanz zur Realität bezieht, sondern aus einem Pragmatismus, der auf die Zukunft zielt, aber im Hier und Jetzt verankert ist. Für das politische System und für die etablierten Parteien bedeutet das: Die Ära des „Muddling through“, des Klein-Klein-Durchwurstelns, ist vorbei. Die Zeit ist reif für größere Pläne und Zumutungen, für Parteien, die sich den Bürgern ehrlich zuwenden, um die Verhältnisse zu redefinieren, in denen Erregungs- und Wutkulturen gedeihen. Ohne Angst vor Komplexitätssteigerung, ohne Scheu vor direktem Kontakt und Dialog.
Denn entscheidend für eine Überwindung der Spaltung sind konkrete, praktische Projekte und Räume, die Begegnungen ermöglichen und neue Identitätsangebote schaffen. Das erfordert aber auch neue materielle Rahmenbedingungen, die es Menschen überhaupt erst ermöglichen, frei und freiwillig zu agieren. Erst ein Mindestmaß an sozialer und finanzieller Absicherung kann echte Spielräume für zukunftsweisendes Handeln eröffnen. Ansonsten wird das gefördert, was die heutige Spaltung der Gesellschaft vergrößert: die angstgetriebene Flucht zu reaktionären Ideen und Organisationen.
Von staatlicher Seite verlangt diese Situation das Bekenntnis, bürgerliches Engagement mit konkreten Maßnahmen zu unterstützen. Durch Rahmenbedingungen, die es Menschen ermöglichen, sich selbst zu ermächtigen – eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. Diesen Umstand gilt es auch bei der Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen im Blick zu behalten. Die soziale Kraft, die eine zukunftsfähige Gesellschaft dringend braucht, kann nur freigesetzt werden innerhalb abgesicherter Handlungsspielräume. Erst recht in einer vernetzten Gesellschaft, die kein Problem damit hat, wenn Menschen sich nicht beteiligen, sondern sich in Echokammern verschanzen.
Die gegenwärtige „populistische Revolte“ hat immerhin einen positiven Effekt: Sie bringt zumindest Teile der ausgegrenzten, weniger privilegierten und weniger engagierten Schichten zurück auf das politische Spielfeld – und ruft etablierte Parteien und Regierungen dazu auf, politische Räume argumentativ zurückzuerobern. Das westliche Demokratiemodell ist in Zeiten von Globalisierung und Hyperkomplexität chronisch überfordert. Die Unfähigkeit, konstruktiv und kreativ mit Ungewissheit umzugehen, lähmt das politische System – und bedroht klassische demokratische Entscheidungsprozesse. Was aber könnte die in Bedrängnis geratene Demokratie stärken und zukunftsfähiger machen?
Eine Option wäre die Auslagerung langfristiger, komplexer Themen an Fachinstitutionen wie Think Tanks, Universitäten oder NGOs. Eine solche „Smart Governance“ auf Basis dezentral-transparenter Expertise würde die Politik dazu bringen, Probleme nicht nur zu reparieren, sondern zu antizipieren, die Dinge in die Hand zu nehmen, in engerem Kontakt mit den Bürgern. Als ernst zu nehmender Akteur, der Kontrolle dort ausübt, wo es wirklich notwendig ist. Auch die Idee einer „Monitorial Citizenship“, eines kontinuierlichen zivilgesellschaftlichen Monitorings von Regierungsaktivitäten, würde helfen, das Misstrauen in politische Institutionen zu kanalisieren und zu reduzieren: Als neuer Weg zwischen Wahl und Protest könnte sie das Interesse an „Civics“ und das Vertrauen in Institutionen stärken.
Bürgerdemokratische Modelle, etwa in der Schweiz oder in Baden-Württemberg, zeigen: Eine stärkere Bürgerbeteiligung erhöht die Akzeptanz politischer Entscheidungen und die Zustimmung zur Demokratie. Mehr Teilhabe macht die Bürger zufriedener und sozial engagierter, stärkt die Wirtschaft und senkt die Staatsverschuldung. In der Ära der Digitalisierung erscheint diese Richtung plausibel für die Vision eines zukunftsfähigen Staates. Es geht darum, die Bürger zu ermächtigen – und die Vorstellung zu verabschieden, der Staat sei mehr als die Menschen, die in ihm leben.

Die Politik soll lernen

Die Politik kann dabei viel lernen von agil operierenden Organisationen. Angesichts komplexer, schwer standardisierbarer Arbeitsabläufe und Ergebnisse werden Formen selbstorganisierter, eigenverantwortlicher Zusammenarbeit elementar. Übertragen auf die politische Ebene hieße das: Rückbesinnung auf die eigentliche Funktion der Demokratie, auf das Versprechen, wirklich allen Bürgern eine Stimme zu geben. Das bloße Abgeben und Zusammenzählen von Stimmen stiftet noch kein spürbares soziales Band. Ein Mehr an Bürgerbeteiligung könnte dagegen progressive Wir-Kulturen fördern – und die Politik (wieder) anschlussfähiger machen.
Weitere Potenziale für mehr soziale Verbundenheit eröffnet eine global-ökonomische Perspektive. Heute begünstigt die weltweite Verbreitung kapitalistischer Wirtschaftsmuster und Denkhaltungen – der Imperativ des Immer-weiter-wachsen-Müssens – die Bedingungen für soziale Widersprüche und Ungleichheiten. Neue Alternativen bietet hier die Idee einer „Postwachstumsökonomie“, die sich vom Wachstumszwang befreit, neue Wertschöpfungsarchitekturen fördert und eine nachhaltige Balance schafft: zwischen Demokratie und Marktwirtschaft, zwischen Menschheit und Umwelt – und zwischen Mensch und Mensch.
Gerade in globalisierten Zeiten spielen dabei lokale Bezüge eine immer wichtigere Rolle. Der Trend zur „Glokalisierung“ bietet hier eine zukunftsweisende Haltung. Sie ist weltoffen, richtet aber den Blick auf überschaubare, kleine Einheiten – „think gobal, act local“. In einer unüberschaubaren, hypervernetzten und krisenanfälligen Welt stiftet diese Perspektive Identität und Sicherheit durch kleinräumige Lösungen und lokale Innovationsansätze.
„Dritte Wege“ wie die Glokalisierung stärken die systemische Resilienz der Gesellschaft, die eigendynamische Anpassungsfähigkeit an fluide Umweltbedingungen. Sie könnten der rote Faden sein für eine neue Komplexitätserzählung, die in Tuchfühlung ist mit der Lebensrealität der Menschen – und einen machtvollen Gegenentwurf bietet zu den Dystopien der Populisten. Die Signale dafür sind schon heute sichtbar. Überall entstehen neue selbstorganisierte und gemeinnützige Projekte, neue Formen der Selbstverantwortung, die auch zunehmend von Unternehmen unterstützt werden. Es ist an der Zeit, die Entstehung dieser Wir-Gesellschaft auch politisch zu stärken.

| Der Autor ist Soziologe und arbeitet als Autor, Referent und Redakteur beim Zukunftsinstitut von Harry Gatterer und Matthias Horx. |

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