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37/2018 - Einfach einmal zuhören! (Doris Helmberger)
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Alt , 06:28
Einfach einmal zuhören!

Das Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ könnte ein Anlass sein, endlich den Schul-Tatsachen ins Auge zu sehen und nach Lösungen zu suchen. Man muss es nur wollen.


| Von Doris Helmberger

Es hätte schon genug Diskussionsstoff gegeben – jetzt, wo die Betriebstemperatur im Bildungswesen langsam wieder steigt. Man hätte weiter über die „Deutschförderklassen“ streiten können; oder über die Sprachförderpläne für die Kindergärten; oder darüber, ob die neuen Schulschwänz-Sanktionen tatsächlich etwas bringen – oder das ständige Urgieren ärztlicher Atteste die Bürokratie nur auf die Spitze treibt.
All das hätte man zum Schulstart thematisieren können, doch dann kam Susanna Wiesingers Streitschrift auf den Markt: „Kulturkampf im Klassenzimmer. Wie der Islam die Schule verändert“. Die erfahrene Mittelschul-Lehrerin legt darin zahllose Beispiele dafür vor, wie ethnische und (pseudo-)religiöse Konflikte den Unterricht an ihrer „Brennpunktschule“ in Wien-Favoriten torpedieren. Sie erzählt von Jugendlichen, die über den Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo gejubelt haben, von Schülern, die Lehrinhalte als haram (also religiös verboten) verweigern, von übermüdeten Kindern im Ramadan und von Burschen, die einem muslimischen Mädchen ihr Sommerkleid zu zerschneiden drohen, weil sie sich „wie eine Christin“ kleide. „Wir sind ohnmächtig“, schreibt Wiesinger in ihrem Buch. „Und oft denke ich: Die haben gewonnen, und wir haben verloren. In Wirklichkeit aber haben die Kinder verloren.“

Wachsende Wut auf untätige Behörden

Dieser letzte Satz ist es, der die Pädagogin und ehemalige sozialdemokratische Lehrergewerkschafterin von notorischen Provokateuren wie Thilo Sarrazin unterscheidet (s. Seite 13). Man nimmt ihr die Sorge um ihre Schüler ab, aus ihr speist sich Wiesingers Wut auf Stadtschulrat und Gewerkschaftskollegen, die aus Angst, ins rechte Eck gestellt zu werden, Fehlentwicklungen nicht offen genug thematisiert und nicht offensiv genug bekämpft haben. Dass ihr Buch und sie selbst parteipolitisch instrumentalisiert werden, nimmt Wiesinger in Kauf. Zu groß ist ihr Frust darüber, jahrelang auf taube Ohren gestoßen zu sein. Das alles muss ein Ende haben. Dass Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) nun in einer Studie erheben lassen will, wie singulär oder weit verbreitet Wiesingers Beobachtungen in Österreichs Schulen sind, ist folglich zu begrüßen.

Regelmäßiger „Jour fixe“ statt inszenierte „Runde Tische“

Wesentlich ist freilich, auf Basis dieser Daten nicht weiterhin „Stückwerkdiskussionen“ zu führen, wie es der Soziologe Ke-nan Güngör nennt, sondern endlich das große Ganze in den Blick zu nehmen. Dazu braucht es allerdings mehr als inszenierte „Runde Tische“ nach jedem neuen Skandal. Es bräuchte institutionalisierte Treffen, einen regelmäßigen „Jour fixe“, bei dem sich alle Involvierten über aktuelle und anstehende Herausforderungen (Stichwort: Ramadan) austauschen und an Lösungen arbeiten: Schulbehörden, Sozialarbeiter, Direktoren, Lehrkräfte – und ja, auch das Schulamt der Islamischen Glaubensgemeinschaft. So heftig Susanne Wiesinger die islamischen Religionslehrer kritisiert, so unverzichtbar sind sie und ihre Inspektoren, um muslimischen Schülern und Eltern klar zu machen, dass Schulvorgaben einzuhalten sind. Man sollte sie stärker involvieren und in die Pflicht nehmen, statt weiter lustvoll den Konfrontationskurs zu zelebrieren.
In einigermaßen offenen Gesprächen könnte freilich auch deutlich werden, dass es nebst neuer ethnisch-religiöser Konflikte auch zahllose andere Probleme gibt, die von Behörden und Politik seit langem ignoriert werden. Das starre Korsett der „Deutschförderklassen“, das jeder Schulautonomie Hohn spricht und bewährte Lösungen außer Kraft setzt, ist nur das jüngste Beispiel dafür. Deutlich älter ist die skandalöse Unterdotierung der Kindergärten: Sie bekommen jetzt zwar einen Wertekatalog und noch mehr Sprachtests verordnet, können die Kinder in übergroßen Gruppen aber gar nicht adäquat fördern.
All diese pädagogischen Kämpfe ließen sich zumindest entschärfen. Man muss es nur wollen – und die Ohren öffnen.

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