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02/2011 - Eine Frage der Bio-Ethik (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 15:46
Eine Frage der Bio-Ethik

Die Diskussion um einen Gesetzesentwurf zur Änderung im Schadenersatzrecht zeigt die üblichen Frontlinien, wie wir sie aus einschlägigen Debatten kennen. Sind das nur noch Rückzugsgefechte von Lebensschützern?

Von Rudolf Mitlöhner

Nicht selten hat man bei weltanschaulichen Debatten den Eindruck, es handle sich bloß um Rückzugsgefechte jener, welche die als „konservativ“ punzierte Position einnehmen. Insbesondere gilt dies für bioethische Fragen, also solche, die den Anfang und das Ende des Lebens betreffen. Kaum etwas anderes ist – wie sollte es auch sonst sein? – ideologisch dermaßen hoch aufgeladen.
Je „heißer“ aber ein Thema ist, desto schwieriger ist es, kühlen Kopf zu bewahren – und desto notwendiger ist es gleichzeitig. Mit der zusätzlichen emotionalen Überfrachtung eines ohnedies schon naturgemäß emotional überfrachteten Themenkomplexes ist niemandem gedient.

Kind als „Schadensfall“

All dies gilt einmal mehr für die eben laufende Diskussion um einen Gesetzesentwurf zur Änderung im Schadenersatzrecht, demzufolge die Geburt eines behinderten Kindes keine Forderung nach Schadenersatz zur Folge haben soll. Die Frontlinien in der Kontroverse verlaufen wie erwartet, einschließlich der bei bioethischen Fragen schon bekannten ungewohnten Allianzen von linken Fortschrittsskeptikern und rechten Wertebewahrern (oder auch umgekehrt), denen rechte Wissenschaftsgläubige und linke Aufklärer (oder auch umgekehrt) gegenüberstehen.
Die einen freuen sich, dass künftig kein Kind mehr als „Schadensfall“ diskriminiert werden kann; die anderen befürchten einen Rückfall in Bevormundung und Schicksals*ergebenheit. Als symptomatisch für den hohen Schwierigkeitsgrad dieser ideologischen Gratwanderung konnte man einen Gastkommentar des Medizinethikers und (evangelischen) Theologen Ulrich Körtner in der Presse lesen. Körtner argumentierte dort – in sich schlüssig – gegen den Gesetzesentwurf des Justizministeriums, um am Schluss in einer gedanklichen Volte zu bekennen, er teile dennoch „das Unbehagen derer, die sich gegen die Logik des geltenden Schadenersatzrechtes sträuben. Man stelle sich Eltern vor, die ihrem Kind erklären: ‚Wir bekommen Geld für dich, weil wir dich aufgrund einer Fehldiagnose nicht abtreiben konnten.‘“ Um dann – hohe Kunst der Dialektik – doch noch unter Verweis auf die Ambivalenz des Fortschritts die Kurve im ursprünglichen Sinn zu kratzen und rhetorisch zu fragen: „Aber wer hätte uns ein widerspruchsfreies Leben versprochen?“
Eben – niemand. Und natürlich ist auch der vorliegende Gesetzesentwurf nicht widerspruchsfrei und würde, sollte er Realität werden, neue Fragen und Probleme aufwerfen. Das haben Gesetze so an sich: Sie sollen möglichst eindeutig sein und können daher der sachlich immer gebotenen und wünschenswerten Differenzierung nur bedingt Rechnung tragen. Deswegen sind ja auch Recht und Ethik zwar nicht losgelöst vonein*ander zu betrachten, aber dennoch nicht deckungsgleich. Gerade auf dem Terrain der Bio-Ethik (sic!) ist es offensichtlich, dass es hier letztlich auf die Ethik ankommen wird, genauer: darauf, welche Ethik sich durchsetzt. Rein rechtlich gesehen sind tatsächlich nur noch Rückzugsgefechte zu führen, mag es auch da und dort gelingen, etwas legistisch festzuzurren, wie jetzt möglicherweise beim Schadenersatz. Doch die Sogwirkung des technologisch-medi*zinischen Fortschritts ist dermaßen stark, dass das Recht immer nur hinterherhinken kann. Zurückgeworfen sind wir daher auf die Frage: Wie wollen wir leben?

Frage des Menschenbilds

Wer also das – dem christlichen Menschenbild entsprechende – Verständnis von der Würde und Schutzwürdigkeit des Lebens vom Anfang bis zum Ende bewahrt wissen will, wird vor allem sein ganz persönliches Handeln danach auszurichten sowie dafür zu werben und einzutreten haben: von der Pränataldiagnostik bis zur Euthanasie. Auch dabei wird man freilich, das sei nicht verschwiegen, an Grenzen und Widersprüche stoßen. Von Gesetzes wegen aber kann und wird es nur so etwas wie eine ethische Grundsicherung geben. Um das darüber Hinausgehende werden wir uns künftig – wie auch in anderen Bereichen – mehr denn je selbst kümmern müssen.

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