ro ro

Themen-Optionen Ansicht

31/2010 - Die verpassten Chancen (Claus Reitan)
  #1  
Ungelesen , 13:24
Die verpassten Chancen

Alles spricht dafür, Österreich für Zuwanderung zu öffnen: Prinzipien, Werte, Geschichte, Zahlen und Prognosen. Kaum etwas rechtfertigt es, die Rot-Weiß-Rot-Card dem Interessenausgleich der Sozialpartner zu überlassen.


Von Claus Reitan

Der Bundespräsident ist ein nobler Mensch, befleißigt sich jedenfalls einer noblen Ausdrucksweise. Anlässlich der Eröffnung der Bregenzer Festspiele sagte Heinz Fischer, der Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen falle uns offenbar „ganz und gar nicht leicht“. Das ist wahrlich vornehm ausgedrückt, in der Sache jedoch frühestens die zweite Wahrheit. Die erste hätte wohl zu lauten, dass uns in der von Xenophobie und aggressiver Ängstlichkeit geprägten Zuwanderungsdebatte der Umgang mit Einsichten und Tatsachen nicht leicht fällt. Dass wir uns historischen Fakten, Zahlen und der Realität verweigern.
Das ist die Ursache dafür, dass offenbar zu vielen der Umgang mit Menschen anderer Kulturen so schwer fällt. Diesen Ursachen hat sich Österreich zu stellen und die Konsequenzen zu ziehen. Dies nicht zuletzt, um die gegenwärtige Blockade in der Zuwanderungspolitik aufzubrechen, ehe deren Kollateral- und Flurschäden das Bild desaströser Demografie prägen und fernen Generationen nur mehr von ungenutzten Chancen künden.

Nur Offenheit führt zu einer Hochblüte

Einmal mehr stehen das Emotionale und Irrationale der Vernunft, der Einsicht und dem Anstand im Weg. Es wird sich nie vollständig klären lassen, warum der Herr Karl in so vielen Österreichern stets jemanden braucht, zu dem er hinauf-, und einen, auf den er hinunterblicken kann. Es ist dies schon ein vom Grundgedanken der Gleichwertigkeit der Menschen sehr weit entferntes Weltbild, welches stets ein vertrautes Objekt zur Vergötterung und ein als fremd empfundenes zur Verachtung benötigt. Die abgelaufenen Jahrhunderte einer vertikal strukturierten Gesellschaft lassen erst allmählich eine horizontal angelegte der Gleichen entstehen, in der sich dann auch der gänzlich Andere auf Augenhöhe bewegt. Dabei würde uns schon die Geschichte zeigen, dass nur so Zusammenleben gelingen kann.
Menschen wandern. Alle Versuche, homogene, ethnisch, gar rassisch reine Gesellschaften zu schaffen, mündeten in Pogrom und in Völkermord. Alle anderen Versuche hingegen, die Vielfalt in Toleranz und die Gleichwertigkeit trotz Andersartigkeit leben zu lassen, lösten Hochblüten aus. Wirtschaftlich und handwerklich, künstlerisch und kulturell, geistig und politisch. Doch wenn denn schon weder ein christlich-aufgeklärtes Welt- und Menschenbild noch historische Erfahrungen eine zeitgemäße Zuwanderungsdebatte herzustellen vermögen, dann sollen ihr zumindest die Kennziffern der Gegenwart den Weg pflastern.
Ohne Einwanderer schrumpft die Bevölkerung Österreichs. Bis 2075 von rund 8,4 auf 5,7 Millionen Menschen. So ist es. Zudem: Durch die Barrieren für Zuwanderung sind dem Land qualifizierte Arbeitskräfte verloren gegangen. Die kommen nicht mehr zurück. Es wollen auch nicht allzu viele hierher. Für die erlaubte Zuwanderungsquote von rund 8000 Schlüsselarbeitskräften wurden erst 2300 Plätze vergeben. Es wollen, was belegt ist, wenige herkommen, und es wollen nicht alle bleiben. Die Zahl ausländischer Studenten hat sich seit 2005 auf 8500 verdreifacht. Als Absolventen verlassen viele das Land auch, weil sie mehr Hürden als Möglichkeiten vorfinden.

Das wird kein Ticket für eine große Zukunft

Anstatt den großen Wurf zu wagen, der uns den Umgang mit Menschen anderer Kulturen erleichterte, wird die konkrete Formulierung der im Regierungsprogramm vorgesehenen „verantwortungsvollen Zuwanderungspolitik“ den Sozialpartnern überlassen. Die Kleinmütigkeit der Regierung findet in der Engstirnigkeit von Standesvertretern ihre Entsprechung. Die Rot-Weiß-Rot-Card wird so niemals das Ticket zur großen Zukunft willkommener Neulinge in Österreich werden. Ganz im Gegenteil. Sie wird der kleinste gemeinsame Nenner aus dem Bedarf und der Abwehr neuer Arbeitnehmer bleiben. Der Kompromiss über die Kontingente wird verhindern, worum es wirklich ginge: Chancen für Menschen zu schaffen, die dann ohnedies jenem Land nutzen, welches sie gewährt.
  #2  
Ungelesen , 12:36
Musikant Musikant ist offline
 
Registriert seit: 18.04.2009
Beiträge: 43
Konstruktives

Erstens: Durch Österreich verläuft eine Art geheimer Kulturgrenze, die etwa von Amstetten über Liezen nach Villach verläuft. Nur östlich dieser Grenze braucht der Österreicher „stets jemanden, auf den er hinauf- und einen, auf den er hinunterblicken kann“. Ein Oberösterreicher verbindet mit Hierarchie ein Hilfsmittel für eine effizientere Arbeitsweise, aber keinen Ausdruck menschlicher Wertunterschiede. Für einen Tiroler ist Anerkennung von Autoritäten Ausdruck seiner patriotischen Loyalität gegenüber dem eigenen Volk, wobei zugegeben auch in Tirol hinuntergeblickt wird, vor allem auf die allerhöchsten Autoritäten in Wien. Lediglich im Osten Österreichs, und da vor allem in Wien, bekommt ein ganz gewöhnlicher Bürger plötzlich eine völlig andere Ausstrahlung, wenn er als Beamter hinter einem Schalter zu sitzen kommt, von dem aus er andere „abschasseln“ kann – eine Oben-Unten-Ordnung als Selbstzweck. Wien ist so groß, dass man mitten in Wien befindlich nur Wien sieht. Dass von diesem Blickwinkel aus mit der Autorität des zentralen Ortes die eigene Mentalität stets als die gesamtösterreichische ausgegeben wird, tut dem Land überhaupt nicht gut, und droht über Suggestion erst zu einer Realität zu werden.

Zweitens: Warum fühlt sich ein Zuwanderer in Amerika sofort als amerikanischer Patriot, ungeachtet des kulturellen Hintergrundes, den er mitbringt, und zu dem er weiterhin steht? Weil er schon vor seiner Einwanderung ein positives Bild von Amerika hatte, das ihm von Amerikanern vermittelt wurde. Dass Zuwanderer nach Österreich sich teilweise illoyal verhalten, mag stimmen. Aber wer vermittelt ihnen überhaupt, was es heißt, Österreicher zu sein? Nach Hitler ist der Stolz auf das eigene Land gewissermaßen nicht mehr erlaubt. Daher gestaltet sich Kritik an Österreich meist nicht besonders konstruktiv, sondern bloß zeitgeistig schick. Das alles ist keine geeignete Basis für die Integration von Zuwanderern! Und die schmerzliche Lücke im kulturellen Identitätsgefühl der Eingeborenen ist dann schnell gefüllt mit Ausländerfeindlichkeit, gemäß der Negativ-Definition „Ein echter Österreicher ist, wer die illoyalen Ausländer nicht mag“. Was an den österreichischen Rechtsparteien so abstoßend wirkt, das ist ja genau diese gefährliche Inhaltslosigkeit ihres Patriotismus und nicht, dass sie das Thema der nationalen Identität überhaupt auf den Tisch legen.

Drittens: Dass „das Emotionale und Irrationale der Vernunft, der Einsicht und dem Anstand im Weg“ stehen, ist nicht einfach zu beklagen, sondern eine Herausforderung, in die Tiefen des Unbewussten hinabzusteigen, um die Emotionen jenen Gesetzen gemäß gestalten zu können, die Freud entdeckt hat – so wie ein Flugzeugtechniker die Gesetze der Schwerkraft nicht beklagt, sondern sie beachten muss, um die Schwerkraft – scheinbar - zu überwinden.
Dass Österreich das erste Opfer Hitlers war, ist von einem unreflektierten Mythos zu einem Tabu geworden. Es ist ein großer Unterschied, ob ich mich an diese These klammere, um die persistierenden Verräter in den eigenen Reihen, deren Übermacht mein Trauma verursacht hat, nicht sehen zu müssen und so nolens volens ihrem Einfluss weiterhin unterliege – oder ob ich mich an dieser Tatsache aufrichte, um mich umso wirkungsvoller von diesen Verrätern abgrenzen und die geistigen Schäden beseitigen zu können. Hitler bekam in Österreich auf demokratischem Weg nie die Mehrheit und ist aus diesem Grund gewaltsam einmarschiert. Daher eignen sich die noch so vielen ehemaligen österreichischen Nazis und deren geistige Erben nicht als Basis für das österreichische Wir-Gefühl, auch nicht in Form des Bedauerns. Dass Berlin nach dem Krieg zu 80%, Wien aber nur zu 20% zerstört war, könnte als Bild dafür dienen, dass Deutschland seine Identität mehr oder weniger aus dem Nichts wieder konstruieren muss, während Österreich durchaus auf vorher Dagewesenem aufbauen kann. Und dieses vorher Dagewesene, das ist im kleingekammerten Österreich eben in jeder Region etwas anderes. Das ist in Wien das „Bella gerant alii“ und in Tirol das kulturelle Selbstbewusstsein aus dem Freiheitskampf. Das ist in der Steiermark das Erbe des Erzherzog Johann und die heute von Weiz ausgehenden Initiativen im Sinn von „global denken – regional handeln“ usw. Wenn wir uns wieder erlauben, auf uns stolz zu sein, dann wird jede Region die Zuwanderer bekommen, die zu ihr passen, und die ihre Kultur weiterentwickeln und zu einem neuen Höhepunkt führen können.

Elisabeth Ertl

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  03:13:38 07.21.2005