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40/2012 - Experiment Sündenbock (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 14:45
l Experiment Sündenbock

Weil wir keine Antworten auf die Krise finden, haben wir Versuchsanordnungen gestartet, die einen großen Nachteil haben: Ihr Ergebnis wurde schon vor Beginn fixiert und darf nicht mehr hinterfragt werden: Das erste Opfer ist Griechenland.

Von Oliver Tanzer

Im Idealfall ist ein Experiment dazu da, so Immanuel Kant, die Natur zu befragen, um Fortschritt zu erreichen. Insoferne sind Versuche von Beginn der Geschichte an die Motoren des Fortschritts, beginnend mit der Erfindung der Steinaxt bis hin zum modernen iPad.
Darüber wie das Experiment die Zukunft befruchten könnte, haben Wissenschafter, Philosophen und Künstler in den vergangenen Tagen bei der GLOBArt-Academy in Krems diskutiert und gearbeitet. Menschengerechte Zukunftsstädte wurden da entworfen, die Schwarmintelligenz wurde erfolgreich getestet, neue Wege des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens vorgestellt. Und irgendwo schimmerte da und dort eine neue Welt durch, nachhaltig, gerecht und verantwortlich.
Zurück in der Realität aber erlebt der Bürger das Experiment nicht ganz so produktiv und sanft wie ehedem Kant, sondern eher –wie Carl Friedrich von Weizsäcker es ausdrückte – als „Verhör der Natur durch den Menschen“.

Im Griechenland-Labor

Besonders augenfällig wird das an den ökonomischen und politischen Versuchsanordnungen gegen die Krise. Diese Experimente zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen ein fixes Ziel vorgegeben wird, das nicht hinterfragt werden darf. Man verhört also die Realität nach den eigenen Vorstellungen und hofft sie möge gestehen. Allein: Sie tut es nicht. Werfen wir etwa einen Blick auf Europas Austeritäts-Labor Griechenland. Dort führt die wissenschaftliche Versicherung, durch gnadenloses Sparen Wachstum und Stabilität zu schaffen, zur Auflösung des Staates: minus 20 Prozent bei den Budgetausgaben, 22 Prozent Arbeitslosenrate, zusammenbrechende Gesundheitsversorgung, Niedergang des Sozialstaates. Das hat nicht nur Unruhen sondern auch den Ersatz staatlicher durch parastaatliche und paramilitärische Strukturen zur Folge, wie etwa den Rollkommandos der Volksgenossen von der „goldenen Morgendämmerung“.
Athenische Polizisten schicken seit Neuestem Landsleute, die sich über Immigranten beschweren, direkt zu den Stützpunkten der Rechtsradikalen. Die würden das Problem schon lösen. So kommt es, dass in der vielzitierten „Wiege des Abendlandes“ Ausländer gejagt und manche von ihnen ermordet werden. War das im Sinne des Erfinders der Sparpolitik? Und warum werden Experimente nicht abgebrochen, wenn die Ergebnisse derart eindeutig sind?
Weil es, wie der tschechische Ökonom Tomas Seldacek sagt, für uns reiche Europäer gut ist, einen Ort wie Griechenland zu haben, wo die Situation noch viel schlechter ist als bei uns? Einen Ort, dessen Bewohnern man Verschwendungssucht und Korruption zuschreiben kann? Und die man also aus der Sicht des europäischen Nordens bestrafen darf? Daraus ergibt sich eine ganz andere Frage: Wieviel Anteil haben unterbewusste Schuld-Zuweisungen und Projektionen an unserem scheinbar objektiven Sparprogrammen und den Dingen, die wir moralisch damit verbinden? Sind die Nationen Südeuropas nicht einfach willkommene Sündenböcke für unsere eigenen Defizite?

Und wir selbst?

Sind wir nicht selbst Teil eines Systems der absoluten Verschwendung von Geld und Ressourcen? Probanden eines gesellschaftlichen Wachstums-Experiments, das täglich den „Shop until You drop“ einfordert – zum Schaden des Restes der Welt?
Bisher half die schöpferische Kraft des Menschen, sich ökonomischen Zwangslagen durch Fortschritt zu entziehen. Aber die Herausforderung des Jahres 2012 ist eine andere: Es geht um ein neues Denken, das erkennt, dass es Luxus und Bequemlichkeit ohne Ressourcenverschwendung nicht gibt. Dass es ein neues Modell der Wertschöpfung geben muss, das den Mehrwert in gerechtere soziale Bahnen lenkt. Dass das „Experiment Moderne“ darin besteht, der Versuchung des „Immer mehr“ zu widerstehen. Der Weg dahin kann durch einfache Worte beschrieben werden, politisch wie gesellschaftlich: Es ist genug. Nicht nur in Griechenland.

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