ro ro

Themen-Optionen Ansicht

18/2018 - „Karl Marx war nie tot“
  #1  
Ungelesen , 02:51
„Karl Marx war nie tot“

Sozialethiker Möhring-Hesse würdigt den Jubilar als Begründer der kritischen Sozialanalyse –
und kommentiert seine Bedeutung für das Christentum und die Moderne.


| Das Gespräch führte Gert Felder

Am 5. Mai feiert die Welt den 200. Geburtstag von Karl Marx. Doch gibt es an diesem Tag überhaupt etwas zu feiern? Matthias Möhring-Hesse, Lehrstuhlinhaber für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen im Gespräch.

DIE FURCHE: Herr Professor, in wenigen Tagen feiern wir den 200. Geburtstag von Karl Marx. Haben wir überhaupt Grund, ihn zu feiern?
Matthias Möhring-Hesse: Selbstverständlich, denn er ist einer der größten Denker, den wir in Deutschland, den wir in Europa hatten. Dieser Jubilar kann allemal mithalten mit den Jubilaren, die wir in den vergangenen Jahren so gefeiert haben.
DIE FURCHE: Hintergrund meiner Frage war: Millionen von Menschen wurden und werden im Namen von Marx verfolgt, verhaftet und umgebracht. Kann man Marx dafür verantwortlich machen?
Möhring-Hesse: Nein, kann man nicht. Im Namen von Jesus Christus wurden im Laufe der Geschichte viele Menschen gefoltert, umgebracht und gepeinigt. Und selbstverständlich ist das kein Grund, dass wir uns nicht jeden Sonntag in seinem Namen versammeln dürfen. Dass sich der vermeintlich „wissenschaftliche Sozialismus“ auf Marx berufen hat und sich im Namen von dessen Wahrheit über jede Menschlichkeit erhoben hat, dafür gibt es zwar bei Marx selbst Anknüpfungspunkte. Gleichwohl hat er sich diese Wirkung nicht ausgedacht – und schon gar nicht lässt sich sein Werk darauf reduzieren.
DIE FURCHE: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 schien der Kommunismus besiegt, Marx galt vielen als tot. Haben Sie den Eindruck, dass er in unseren Tagen wiederentdeckt wird?
Möhring-Hesse: Marx war nie tot. Er ist der Theoretiker der kapitalistisch verfassten Wirtschaft und der darauf aufsitzenden Gesellschaft. Wer sie verstehen will, auch warum etwas vielleicht gesiegt haben mag und mit welchen Verwerfungen wir es heutzutage zu tun haben, der denkt mit und im Anschluss an Marx. Aus meiner Sicht ist Marx heute nicht aktueller als vor 20 Jahren, sondern vor 20 Jahren wie heutzutage verstehen wir mit ihm den Kapitalismus besser als ohne ihn.
DIE FURCHE: Von christlicher Seite sind dem Marxismus totalitäre Züge vorgeworfen worden. Endet die klassenlose Gesellschaft zwangsläufig in der Diktatur?
Möhring-Hesse: Marx ist kein Visionär der klassenlosen Gesellschaft und hat keine dementsprechende Utopie entworfen. Für mich ist er der Erfinder dessen, was wir heute als systematische Sozialwissenschaften betreiben. Dass die kirchlichen Obrigkeiten Marx oft so heftig kritisieren, hat vor allem damit zu tun, dass die Arbeiterbewegung der Kirche die Arbeiter abspenstig machte.
DIE FURCHE: Wie marxistisch war und ist die Befreiungstheologie, die unter Papst Johannes Paul II. offiziell abgelehnt wurde?
Möhring-Hesse: Zunächst einmal ist die Befreiungstheologie eine Theologie. Als Theologie hat sie sich zur Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Lateinamerika der marxistischen Dependenztheorie bedient, die die Abhängigkeit der Entwicklungs- von den Industrieländern analysiert. Warum auch nicht? Sofern diese Analyse gut ist, ist sie gut. Die Kritiker der Befreiungstheologie haben daraus jedoch eine Waffe gegen sie gemacht und sich damit den im Christentum verbreiteten Anti-Marxismus zunutze gemacht. Oswald von Nell-Breuning, der wohl bekannteste Vertreter der katholischen Soziallehre, hat die Befreiungstheologie in den 80er-Jahren ausdrücklich in Schutz genommen und vor antimarxistischen Sandkastenspielen gewarnt.
DIE FURCHE: In seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ übt Papst Franziskus umfassend Kritik am weltweiten Kapitalismus. „Diese Wirtschaft tötet“, lautet ein berühmter Satz.
Möhring-Hesse: Papst Franziskus spricht in diesem Schreiben, auch später in seiner Enzyklika „Laudato si“, von der Wirtschaft, nie aber vom Kapitalismus. Andere Päpste vor ihm waren entschiedene Kapitalismuskritiker und sprachen den Kapitalismus dazu auch mit dem Begriff an. Papst Franziskus bleibt mehr an der Oberfläche. Indem er mehr von dem, was man sieht, und zudem in Metaphern spricht, ermöglicht er eine Verständigung unter verschiedenen Parteiungen. Die, die ansonsten nicht übereinstimmen, können darin übereinstimmen: Ja, der Papst hat recht. Aber richtig ist auch: Wenn Papst Franziskus von „dieser Wirtschaft“ spricht, können wir die nur als „kapitalistische Wirtschaft“ verstehen.
DIE FURCHE: Für Marx ist die Religion „Opium des Volkes“ und „Stoßseufzer der bedrängten Kreatur“.
Möhring-Hesse: Marx ist religionskritisch, aber kein Religionskritiker. Seine Religionskritik ist bei seinen linkshegelianischen Freunden abgeschaut und interessiert ihn nicht sonderlich. Religion gibt es bei den Herrschenden und bei den Beherrschten – und sie dient den Herrschenden als Moment ihrer Herrschaft. Gerade deswegen ist sie aber auf Seiten der Beherrschten immer auch ein Seufzer über Ausbeutung und Unterdrückung und ein Moment von Protest und Widerstand. Gleichwohl: Marx ist kein Religionsfreund; er hat keinen positiven Bezug zu irgendeiner Religion und sich nicht intensiv genug mit Religion befasst. Er hat vor allem das Christentum als Teil der Unrechtsverhältnisse erlebt.
DIE FURCHE: Was hat es mit den Begriffen „Entfremdung“ und „Ausbeutung“ bei Marx auf sich?
Möhring-Hesse: Nach Auffassung des frühen Marx werden die, die unter den Bedingungen der Lohnarbeit arbeiten, sich selbst, den anderen und den Gegenständen ihrer Arbeit sowie ihrer Natur fremd. Das ist eine eher romantische Vorstellung und geht kritisch gegen jede Form von Arbeitsteilung. Der frühe Marx jedenfalls konnte nicht sehen, dass gerade durch Arbeitsteilung Menschen zu sich und zu anderen kommen können. „Ausbeutung“ – das ist beim späten Marx hingegen ein wesentliches Element des Lohnarbeitsverhältnisses: Die Arbeitnehmer erhalten nicht das Ergebnis ihrer Arbeit; das steckt das Unternehmen ein und macht es zu seinem Gewinn. Diese „Ausbeutung“ hatte übrigens auch die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. an der Lohnarbeit entdeckt.
DIE FURCHE: Trifft der Begriff „Ausbeutung“ auf die heutigen Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Weltgegenden zu?
Möhring-Hesse: Wie wir das nennen, ist zweitrangig. Aber das, was Marx mit „Ausbeutung“ begriffen hat, ist für die Lohnarbeit in Deutschland, Österreich und in Bangladesch konstitutiv. Menschen sind nach wie vor gezwungen, unter der Regie der Kapitaleigner, die heutzutage weit weg sein können, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, und das Ergebnis ihrer Arbeit abzugeben. Das Herrschaftsverhältnis zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten verschwindet heute oft als erlebbarer Tatbestand. Durch die Subjektivierung der Arbeit werden viele zu Kontrolleuren ihrer eigenen Arbeit: Das macht das Ausbeutungsverhältnis aber nicht besser.
DIE FURCHE: Klimawandel, Flüchtlingsbewegungen, Globalisierung und Digitalisierung führen derzeit zu großen Verwerfungen. Hat der Kapitalismus, auch in Form der Sozialen Marktwirtschaft, überhaupt noch eine Zukunft?
Möhring-Hesse: Derzeit rutschen wir tatsächlich von einer Krise des Kapitalismus in die nächste, so dass man womöglich besser von einer einzigen Krise sprechen sollte, aus der es keinen Ausweg gibt. So gesehen sind wir Zeitzeugen einer grundlegenden Krise der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die nicht mehr zu einem einigermaßen stabilen und für die Menschen erträglichen Zustand kommt. Einige nennen das das „Ende des Kapitalismus“. Einen Zustand für „danach“ kannte weder Marx, noch kennt ihn heute jemand.
DIE FURCHE: Auch die katholische Soziallehre nicht?
Möhring-Hesse: Auch die katholische Soziallehre geht von der Grundoption aus, dass man durch staatliche und gesellschaftliche Ordnungen die kapitalistischen Ökonomien bändigen kann. Diesem Grundansatz sind alle westlichen Gesellschaften in unterschiedlicher Weise gefolgt. Das Problem ist nur: Die großen „Player“ der kapitalistischen Ökonomien entziehen sich diesen Ordnungen, ohne dass die Gesellschaften in der Lage wären, sie einzufangen und auf die Einhaltung ihrer Ordnungen zu verpflichten. Eine der Folgen davon ist der Raubbau am Planeten, eine andere die Zunahme der Ungleichheit.
DIE FURCHE: Was bleibt letztlich von Karl Marx?
Möhring-Hesse: Es gibt kaum eine Theorie, die so wirkmächtig war wie die von Karl Marx. Er hat uns mit seiner systematischen und kritischen Sozialanalyse die Fähigkeit vermittelt, die Verhältnisse nicht als vorgegeben, sondern als veränderbar zu begreifen. Insofern hat er die Welt verändert. Was wir aus diesem Wissen machen, steht nicht in seiner Verantwortung, sondern in unserer.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  20:58:36 07.17.2005