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36/2011 - 11. September 2011 (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:01
l 11. September 2011

Zehn Jahre nach den Terroranschlägen von New York und Washington: Das Datum 11. September 2001 markiert im individuellen wie kollektiven Bewusstsein eine der deutlichsten Zäsuren der jüngeren Geschichte. Was ist geblieben?

Von Rudolf Mitlöhner

Nichts ist mehr so, wie es vorher war; der Tag, der alles änderte: Phrasen wie diese sind wohlfeil, wenn es darum geht der Ereignisse des 11. September 2001 zu gedenken. Es offenbart auch unsere Sprachlosigkeit angesichts solcher Zäsuren, für das Unbegreifliche haben wir keine passenden Begriffe. Haben wir 9/11 denn nicht begriffen? Nein, weil sich rohe Gewalt, Wahn, Fanatismus per definitionem (ratio*nalem) Begreifen entziehen; was es gibt, sind Versuche der Annäherung.
Abgesehen davon: Stimmt es überhaupt, dass dieser Tag „alles“ geändert hat? Oder ist Nine-Eleven nicht – auch – eine Chiffre, ein Interpretament für Entwicklungen, die sich in ähnlicher Weise auch ohne diese Terroranschläge* vollzogen hätten?

Aus den Fugen

„Die Zeit ist aus den Fugen“, schreibt Paul Schulmeister, angelehnt an Shakespeares „Hamlet“, in der Presse – und bringt damit die diffuse Grundbefindlichkeit vieler Menschen auf den Punkt. Aber wäre die Zeit, die Welt nicht auch ohne Nine-Eleven aus den Fugen? Gewiss, solche Fragen mögen müßig erscheinen – und vor allem möchte man mit der Frage dagegenhalten, ob und wann denn die Welt je nicht aus den Fugen, also stabil, in sich ruhend gewesen wäre. Doch aufgrund der technologischen und ökonomischen Sublimierungen, der globalen Vernetzungen ist das strukturelle Aus-den-Fugen-Sein der Welt heute von anderer Qualität als im Mittelalter oder auch vor hundert Jahren, jedenfalls in der subjektiven Wahrnehmung.
Was wir erleben, ist ein zunehmender Hang zur Hysterisierung und Polarisierung, zum Alarmismus und Irrationalismus. Gleichzeitig hat sich daneben – paradoxerweise? – eine müde-saturierte Gleichgültigkeit breitgemacht; vieles scheint an den Menschen vorbeizugehen, sie verfolgen das ihnen unmittelbar Zugängliche, ihre täglichen Geschäfte und Beschäftigungen. Wenn man es positiv sehen will, ließe sich das auch als eine Art radikaler Pragmatismus bezeichnen. Oder durchschauen die Menschen einfach nur die Hohlheit des öffentlichen Diskurses, die ins Leere laufenden insenierten Aufgeregtheiten?
Vieles, was unsere verrückte Welt kennzeichnet, das verschobene Koordinatensys*tem in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, lässt sich mit dem magischen Datum des 11. September 2001 in Verbindung bringen, zweifellos. Doch man kann wohl auch sagen, dass sich seit jenem Tag Dinge dramatisch zugespitzt haben, denen wir uns so oder so nicht hätten entziehen können: weil eine moderne, pluralistische, in jeder Hinsicht fragmentierte und segmentierte Welt per se eine krisenanfällige ist, was wiederum übersteigerte Wahrnehmungen, Ängste, Bedürfnisse nach Absicherungen und Sicherheiten aller Art evoziert.
Im Gefolge von 9/11 habe der Westen sukzessive jene Prinzipien aufgegeben oder aufgeweicht, die er durch den fundamentalistischen Terror zu Recht angegriffen gesehen habe. In der Verteidigung seiner Werte habe er demnach ebenjene Werte zumindest teilweise verraten – was ein später Sieg der Terroristen sei. So kann man es seit Jahren oft hören. Der Befund ist nicht falsch. Nur dass diese Werte nie so festgefügt, geordnet und sicher waren, wie es jetzt im Rückgriff auf den Status vor 9/11 den Anschein haben mag. Die westlichen Werte – individuelle Freiheit, Würde und Verantwortung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft – waren nie in Stein gemeißelt.

Ungesichertes Gelände

Sie standen und stehen immer zur Disposition, wollen stets neu behauptet, verteidigt und bewahrheitet werden. Das ist ein fortlaufender Prozess moderner Gesellschaften, die sich eben diesen Werten verdanken und verschrieben haben. Damit begibt man sich auf ungesichertes Gelände, Absturzgefahren eingeschlossen. Die eigentliche Versuchung besteht darin, sich auf dieses Gelände erst gar nicht mehr zu begeben: Weil da in den letzten Jahren einiges schief gelaufen ist oder zu sein scheint – von Irakkrieg bis Wirtschaftskrise –, neigen wir dazu, so hat es zunehmend den Anschein, das Kind mit dem Bade auszuschütten und unsere Werte selbst preiszugeben.

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