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14/2018 - Facebook und Demokratie (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 03:50
Facebook und Demokratie

Der Datenskandal hat das Ansehen von Facebook, seit je unter Verdacht, endgültig in den Keller sinken lassen. Dennoch mutet manches an der Empörung seltsam an.

| Von Rudolf Mitlöhner

Seit einem Jahr ist die FURCHE in den sogenannten „Sozialen Medien“ – konkret auf Facebook, Twitter und Instagram – präsent. Das heißt, wir bespielen diese Kanäle und versuchen das, was FURCHE ausmacht in die digitale Welt hinein zu übersetzen. So wie das je auf ihre Art auch andere Medien, Unternehmen, Institutionen, Einzelpersonen tun. Insbesondere was Facebook anlangt, hat sich freilich in diesem Jahr einiges geändert. Das Ansehen des Online-Giganten aus Menlo Park, Kalifornien ist mit dem jüngsten Datenskandal (Daten von 50 Mio. Usern sollen missbräuchlich verwendet worden sein) endgültig im Keller. Wobei der Umgang von Facebook mit Userdaten seit jeher unter Generalverdacht steht, im Zusammenhang mit dem Brexit-Votum und den letzten US-Präsidentschaftswahlen wuchs sich das entsprechend aus.
Nun herrscht große Aufregung. Facebook-Chef Mark Zuckerberg gibt sich zerknirscht, aber es dürfte ihm wenig nützen. Facebook-Ausstiegshilfen werden angeboten, bisherige User kündigen öffentlich ihren Abschied von Facebook an, standhafte Verweigerer erklären, weshalb sie sich in ihrer Haltung nunmehr definitiv bestätigt sähen. Empörungsgestützte Bekenntnisfreudigkeit allerorten.

Zuckerberg und Nobel

Orchestriert wird das auf der Metaebene von grundsätzlichen demokratiepolitischen Erwägungen, welche durch Facebook gleich das Modell der westlichen liberalen Demokratie gefährdet sehen. Die Publizistin Sibylle Hamann etwa vergleicht in ihrer Presse-Kolumne Zuckerberg mit Alfred Nobel und stellt die Frage ob „Facebook das Dynamit“ sei, „das die demokratische Kultur der westlichen Welt kaputtsprengen kann“. Wie Nobel hält sie auch Zuckerberg ursprünglich edle Absichten zugute: Er habe der Welt „ein Instrument zur Aufklärung und Wissensverbreitung“ im Sinne einer Demokratisierung der Kommunikation geben wollen. Doch manifest geworden sei schließlich das „schier unendliche Manipulations-, Verhetzungs- und Zerstörungspotenzial“ der Plattform.
Hier wird ein grundlegendes Missverständnis sichtbar: dass nämlich Demokratisierung, generell Fortschritt ohne Schattenseiten zu haben sei. Natürlich: Der mutmaßliche Datenmissbrauch durch Facebook ist durch nichts zu rechtfertigen. Aber es mutet doch ein wenig seltsam an, dass gerade die, welche stets „Demokratisierung“ und ähnliches im Munde führen, nun an vorderster Front der Bedenkenträger stehen. In der Auseinandersetzung mit Facebook vermengt sich alles „Böse“ dieser Welt – Trump, Putin, Orbán, religiöse Rechte, Nationalismus, Abschottung, „illiberale Demokratie“ etc. – zu einem Amalgam, das die Alarmglocken schrillen lässt.

Frühe Echokammern

Offenkundig ist für manche die Erkenntnis neu und/oder schwer erträglich, dass Demokratisierung (nicht nur) der Kommunikation nicht unbedingt nur das hervorbringt, was den selbsternannten Protagonisten des politmedialen Diskurses als wünschenswert gilt.
Unbestritten bleibt freilich, dass die neue digitale Medienwelt neben all ihren Schattenseiten sehr wohl völlig neue Möglichkeiten des Austausches von Inhalten aller Art bedeutet. Schon die Kritik an den vermeintlichen „Filterblasen“ oder „Echokammern“ hat zu kurz gegriffen: Wer seine Timeline durchscrollt, wird mit inhaltlich wie qualitativ mit ganz unterschiedlichen Perspektiven konfrontiert. Der Krone-, Kurier- oder AZ-Leser der siebziger Jahre lebte dagegen tatsächlich in einer Echokammer: Der las nichts anderes, als diese seine Zeitung seines Vertrauens, die ihn verlässlich tagtäglich in seiner Weltsicht bestätigte. Und wenn er sich einmal doch ärgerte, setzte er sich an die Schreibmaschine und schrieb devot einen Leserbrief in der Hoffnung auf Veröffentlichung. Aber von Fake News sprach damals niemand …

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