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15/2018 - Nur noch Klassen-Kampf? Acht Protokolle
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Ungelesen , 01:17
Nur noch Klassen-Kampf? Acht Protokolle

Was erleben Lehrerinnen an Neuen Mittelschulen in Wien – oder am Land? Was erzählen Gymnasialprofessoren? Und wovon berichten Supervisorinnen, Sozialarbeiterinnen und Eltern? DIE FURCHE hat nachgefragt.


| Von Doris Helmberger

Dass das Unterrichten herausfordernder wird, ist seit Jahren bekannt. Mit Namen und Gesicht von den eigenen Schwierigkeiten zu berichten, haben aber bislang nicht viele Lehrerinnen und Lehrer gewagt. Nun sind einige mit teils schockierenden Berichten an die Öffentlichkeit gegangen. Hat man die Situation – insbesondere an Wiener „Brennpunktschulen“ – in der Vergangenheit geschönt?
Womit haben Pädagoginnen und Pädagogen, Direktoren, Unterstützungspersonen, aber auch Eltern österreichweit am meisten zu kämpfen? Und was würden sie sich im Sinne der Kinder am dringendsten wünschen? DIE FURCHE hat acht ausgewählte Personen um möglichst authentische Berichte gebeten. Manche konnten das mit vollem Namen tun, andere erzählten aus Angst vor Konsequenzen anonym. Auch das ist ein typisches Phänomen in Österreichs Schulen 2018.



1„Diese Angst, dass etwas öffentlich wird“
Elfriede Bauer, ehemalige Direktorin einer Wiener Volksschule, jetzt Supervisorin und Coach

Das größte Problem ist, dass es im Schulbereich keine Feedback-Kultur gibt. Es gibt eine große Angst, dass Probleme öffentlich werden, und wenn es so weit kommt, fühlt man sich sofort angegriffen. Mir fehlt hier die Ehrlichkeit. Bildungsministerium und Stadtschulrat sprechen gern von „Leuchtturmschulen“, aber sie sind sich zu wenig bewusst, wie groß die Anforderungen wirklich sind und was nicht funktioniert. Natürlich ist jede Schule und Lehrperson anders, aber besonders herausfordernd ist es in der Volksschule, dort ist man mit 25 Kindern mit unterschiedlichsten Lernschwierigkeiten, familiären Problemen wie Scheidungen oder Krankheiten und nun dieser hohen Anzahl von Migrantenkindern den ganzen Vormittag allein. Das ist nicht zu schaffen. Es ist deshalb besonders wichtig, die Unterrichtstätigkeit mit all den herausfordernden Situationen zu reflektieren und supervidieren zu lassen. Wenn es den Lehrern gut geht, geht es auch den Kindern gut – aber vielen Lehrern und Kindern geht es leider nicht gut. Es gibt hohe Burnout-Raten und viel Erschöpfung, die zu Alkoholismus und Tablettenabhängigkeit führen können. Auch Team-
arbeit wird zu wenig genützt. Dabei ist die Zusammenarbeit mit Schulsozialarbeit, Beratungs- und Förderlehrern, von denen es viel mehr bräuchte, besonders wichtig. Doch das Einzelkämpfertum dominiert: Die Klassentür geht zu, und nichts soll nach draußen dringen.


2 „Ich liebe Kinder, aber ich kann nicht mehr“
Eine Lehrerin an einer NMS im 3. Wiener Bezirk

Ich arbeite seit 40 Jahren als Lehrerin und habe es immer gern gemacht, aber in den letzten zwei, drei Jahren sind die Bedingungen dramatisch schlechter geworden. Es kommen nur noch Kinder zu uns, die ganz viele Bedürfnisse haben: Kinder, die entweder einen ausgewiesenen Sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF) haben – bzw. die wegen der finanziellen Deckelung in diesem Bereich zwar keinen SPF haben, aber trotzdem verhaltensauffällig sind; oder Kinder, die traumatisiert sind – Albaner, Tschetschenen oder Afghanen, die auch nicht alphabetisiert wurden. Ich habe aber keine mehr, die in der Volksschule Zweier und Dreier gehabt haben und die anderen nach oben mitziehen, auch kroatische oder polnische Kinder gibt es nicht mehr. Inklusion ist bei dieser fehlenden Durchmischung nicht möglich, das ist Augenauswischerei, prognostiziertes Versagen! Man müsste die NMS auflösen und wirklich Gesamtschulen einführen – oder wir bräuchten eine Sonderschulbetreuung und für jede Klasse einen Sozialarbeiter. Doch man hört, dass der Schul-Sozialarbeiter nächstes Jahr eingespart werden muss, auch das mobile interkulturelle Team ist verschwunden. Dabei gibt es auch starke religiöse und ethnische Konflikte – vor allem über Ehre und Vaterland, kaum über das Kopftuch –, aber der Dialog mit dem islamischen Religionslehrer ist auch unmöglich, weil er in der Schule nicht eingebettet ist. Insgesamt herrscht bei uns Depression pur. Früher habe ich mit den Schülern gern Projekte gemacht, aber das geht nicht mehr. Und wenn ihnen etwas nicht passt, sagen sie: „Ich werde Sie töten, ich bringe Sie um!“ Mein Direktor müsste mich schützen, aber ich fühle mich ungeschützt. Ich bin eine gute Lehrerin, weil ich Kinder liebe, aber ich kann nicht mehr.


3 „Man müsste schon viel früher beginnen“
Eine Lehrerin in einer Wiener Mehrstufenklasse

Unsere Schule ist sicher nicht typisch für eine Wiener NMS, weil wir in Mehrstufenklassen unterrichten und viele Eltern ihre Kinder ganz bewusst zu uns geben. Die Zusammensetzung der Schüler entspricht aber ungefähr jener im Bezirk. In meiner Klasse hat die Hälfte der Kinder Migrationshintergrund, wir sind auch integrativ, aber zusammen mit den Integrationslehrern funktioniert es sehr gut. Nur bei den Deutschkursen gibt es zu wenig Ressourcen – wie in ganz Wien. Vor allem ältere Kinder bräuchten intensivere Kurse, aber zugleich halte ich es für fatal, wenn sie ab Herbst 20 Stunden in eigenen „Deutschförderklassen“ sitzen, dadurch unglaublich viel vom Regelunterricht versäumen und kaum mehr Kontakt zu Gleichaltrigen haben. Als Verfechterin der Ganztagsschule wäre ich dafür, diese Kinder am Nachmittag intensiv sprachlich zu fördern. Es gibt zwar von der Stadt Wien die „Förderung 2.0“ am Nachmittag, aber diese Kurse müssten verpflichtend sein. Sanktionen sind aber auch schwierig, wie die Geldstrafe am Ende des Fünf-Stufen-Plans beim Schulschwänzen zeigt: Teilweise sind die Eltern uneinsichtig, oft selbst verzweifelt. Da ist schon vorher viel schiefgelaufen. Man müsste viel früher beginnen und die Volksschulen aufrüsten, wir brauchen Menschen, die in die Familien gehen, wenn es Probleme gibt. Und insgesamt müsste die Durchmischung an den Schulen besser sein. Dass sich die AHS völlig raushalten, halte ich für unfair.


4 „Die Eltern stimmen eben mit den Füßen ab“
Ein Lehrer an einem Wiener Gymnasium

Wir haben an Österreichs Schulen eine „Klassengesellschaft“ – auch wenn das nicht gern publik gemacht wird. Natürlich haben wir an unserem öffentlichen Gymnasium auch Kinder mit Migrationshintergrund, nur sind das meist Akademikerfamilien aus Syrien, dem Iran oder China und keine Familien aus Anatolien oder Afghanistan. Die meisten Eltern aus bildungsfernen Schichten probieren es gar nicht bei uns. Andererseits gibt es private NMS, an denen das Bild vermittelt wird: Wir verlangen zwar nicht so viel, aber dafür haben wir nette Familien, in denen man deutsch spricht. Die Eltern stimmen eben mit den Füßen ab und versuchen, ihrem Kind Vorteile zu verschaffen. Man kann das unfair finden, aber die Frage ist, wie man das ändern soll. Dass bildungsaffine Eltern freiwillig ihre Kinder in eine öffentliche, städtische NMS schicken, wird es nicht spielen. Und wenn man sie dazu zwingt, wird es einen Aufschrei geben, weil es die freie Schulwahl gibt. Die beste Variante ist, „Brennpunktschulen“ mit mehr Ressourcen auszustatten. Sie zu kürzen, wie die Regierung plant, ist unsinnig. Was Aufnahmeverfahren an Gymnasien betrifft, so ist die Orientierung an Bildungsstandardtests das kleinere Übel, weil es „Notenwahrheit“ in Volksschulen häufig nicht gibt. Das Gegenargument lautet, dass punktuelle Tests die Belastung noch vergrößern. Faktum ist, dass derzeit weniger die Leistung als das Elternhaus die Schulwahl entscheidet.


5 „Ich hätte gern wieder Leistungsgruppen“
Eine NMS-Lehrerin in einer oö. Landgemeinde

Ich habe drei verschiedene Sys*teme erlebt: das alte mit A- und B-Zug, die Leistungsgruppen und jetzt die Neue Mittelschule. Das ers*te System habe ich als relativ unfair empfunden: Wenn jemand schlecht in Mathematik war, hat es ihm nicht geholfen, wenn er gut in Deutsch war – er war trotzdem im B-Zug. Mit den Leistungsgruppen war ich aber relativ glücklich. Wobei das nächste Gymnasium über 30 Kilometer von uns entfernt ist, wir hatten also auch Erstgruppisten, die man wirklich fordern konnte. Mit den Drittgruppisten konnte man dafür lebenspraktische Dinge tun: von der Berufs*orientierung bis zum richtigen Telefonieren. Sie haben hier auch positive Erfahrungen machen können und waren nicht nur „die Dummen“. Nun sind wir eine NMS, in meiner 1. Klasse (25 Schüler und Schülerinnen) habe ich eine bunte Palette: hoch bis schwach begabte Kinder, einen Asylwerber, einige verhaltenskreative Kinder und zwei Kinder an der Grenze zum „Sonderpädagogischen Förderbedarf“, denen aber in der Volksschule kein SPF ausgestellt wurde – und in der Hauptschule ist das kaum möglich. Diese beiden Kinder, es sind hiesige aus bildungsfernen Familien, können sich sprachlich kaum ausdrücken. Vor allem bedrückt mich aber, dass sie sich gar nichts mehr zutrauen. Wir sind zwar zwei Lehrerinnen in der Klasse, aber vom Gesetz her ist es gar nicht gewünscht, dass wir die Kinder nach Leistung aufteilen – und neben den anderen Schülern können wir sie nicht entsprechend unterstützen. Die Grundidee ist mir schon klar: Es soll keine Abwertung geben. Aber das ist eine Frage der Haltung, außerdem gibt es Abwertung auch in inklusiven Gruppen. Je älter die Kinder werden, desto offensichtlicher wird jedenfalls, dass die lernschwachen Kinder an ihre Grenzen stoßen und die anderen unterfordert sind. Das ist ein Einheitsbrei! Natürlich kann man sagen: Dann machen Sie methodisch etwas falsch, aber so viel Selbstbewusstsein habe ich nach 38 Jahren schon, dass das Problem hier auch woanders liegen könnte.


6 „Ein Apartheid-System erzeugt riesige Probleme“
Klaus Tasch, Direktor der NMS/BG/BRG Klusemannstraße in Graz

Bei uns läuft es sehr gut, das kann man an den Bildungsstandards ablesen, aber es ist auch ein angenehmens Auskommen. Das hat wesentlich damit zu tun, dass wir durch die Gymnasium-Langform am Standort, die zur Matura führt, eine sehr gute Durchmischung haben. 20 bis 25 Prozent der Kinder haben Migrationshintergrund, da kann man gut integrieren. An Grazer Standorten, die diesen Vorteil nicht haben, ist die Herausforderung größer, aber Gewaltexzesse sind mir auch hier keine bekannt. Das NMS-Konzept funktioniert dann gut, wenn die ganze Bandbreite an Leistungen sozial abgedeckt wird und es eine stabile Peergroup gibt. Wenn man die Heterogenität amputiert und ein Teil in die AHS geht, schafft man eine Restsituation, die schwer zu bewältigen ist. Da kann das pädagogische Konzept noch so gut sein. Zum geplanten NMS-Umbau durch die neue Regierung kann man noch nicht viel sagen, aber schade fände ich, wenn man einen ideologischen und keinen pragmatischen Zugang wählt. Warum muss es unbedingt zwei Schulformen geben? Die Gesamtschule mag illusorisch sein, aber wenn man sich wirklich differenziert mit den Bildungsstandardergebnissen auseinandersetzte, wird man sehen, dass es derzeit nur um soziale Trennung und nicht um Leistung geht. Man kann natürlich in einem solchen Apartheid-System leben wollen – aber man muss wissen, dass es über die Hintertür ganz große Probleme erzeugt und wir mehr und mehr Menschen haben, die abgehängt sind und das nicht auf sich sitzen lassen.


7 „Die Sonderschulen gehören wieder aufgesperrt“
Eine Mutter eines geistig schwerst behinderten Sohnes aus der Steiermark

Mein Sohn ist 15 Jahre alt und geht in ein Sonderpädagogisches Zentrum (SPZ), wo er in einer Gruppe mit fünf anderen betreut wird. Eine Hilfskraft ist ständig da, sie wickelt ihn, isst mit ihm und geht mit ihm raus, wenn er nur noch Lärm macht. Es gibt Kinder in der Gruppe, die Kulturtechniken lernen, aber er kann mit Sprache nichts anfangen, was er braucht, ist basale Förderung. In seiner kleinen Gruppe geht es gut, und wir Eltern müssen nicht ständig zum Problemlösen in die Schule kommen. Umso größer war die Aufregung, als es geheißen hat, das Zentrum wird zugesperrt. Es gibt insgesamt eine große Unsicherheit darüber, wie es weitergeht: ob die Regierung dabei bleibt, dass die Sonderschulen wieder gestärkt werden sollen, bzw. ob der Paragraph 27a des Schulorganisationsgesetzes tatsächlich am 1. September fällt. Wenn dem so ist, dürfen die Zentren keine SPF-Gutachten mehr erstellen, sondern nur noch die Schulaufsicht. Meine Sorge ist, dass man dadurch die Sonderschulen durch die Hintertür ausdünnen will. Man versucht, verhaltensauffällige und lernbehinderte Kinder in die Regelschule zu bekommen. In der Volksschule geht das vielleicht, aber in der Pubertät merken sie, dass sie da nicht reinpassen, und auch die Eltern spüren den Druck, dass die anderen Eltern gern eine ruhige Klasse hätten. Ich wünsche mir deshalb, dass die Sonderschulen weiterbestehen und jene, die zuletzt leise zugesperrt wurden, wieder öffnen.


8„Leben erfordert Übernahme von Verantwortung“
Andrea Walenta, Schulsozialarbeiterin an der inklusiven Lernwerkstatt Donaustadt/Wien

Unsere Schule ist eine inklusive Wiener Mittelschule, genauer ein „Zentrum für inklusive Pädagogik“. Kinder mit speziellen Bedürfnissen finden hier neben jenen aus behüteten Familien genauso ihren Platz wie Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen oder mit Migrationsbiografie. Die reformpädagogischen Arbeitsansätze, die unser Leitbild prägen, und ein hoher Personalschlüssel ermöglichen individuelles Eingehen auf unterschiedliche Ausgangssituationen der Schüler. Dennoch ist ein hohes Engagement und Begeisterung für zeitgemäße Schulentwicklung von Seiten der Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter nötig. Aber auch die Eltern spielen eine große Rolle. Als Schulsozialarbeiterin biete ich ihnen Begleitung und Beratung sowohl im Umgang mit ihren Kindern als auch in ökonomisch belasteten Situationen. Es ist wichtig, der Bildungseinrichtung personelle Ressourcen zuzusichern, ebenso wie die Qualität der Ausbildung des pädagogischen Personals auf hohem Niveau zu halten. Darüber hinaus benötigt die Beziehungsarbeit auch viel Selbstreflexion beim Lehrpersonal. Durch Projekte wie Schulparlament oder Peermediation übernehmen Schüler Verantwortung und erleben Selbstwirksamkeit.



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  09:22:50 07.20.2005