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10/2018 - Ein ganz unschuldiger Land(s)mann
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Alt 23.07.2005, 01:01
Ein ganz unschuldiger Land(s)mann

Der Eröffnungsfilm der Diagonale und eine Biografie thematisieren den Justizskandal
um den NS-Verbrecher Franz Murer anno 1963.


| Von Otto Friedrich

In Wahrheit erbrachte dieser Freispruch den überzeugenden […] Beweis, dass in Österreich auch die letzten Reste nationalsozialistischen Gedankenguts ausgemerzt sind. Denn wie die Tatsache, dass ein einstiger Nazihäuptling […], dass der Herr über das Wilnaer Ghetto, den eine formalistische Judikatur ohnehin nur des 17-fachen Mordes anklagen konnte und eine Reihe von Zeugen, von Überlebenden seines höllischen Regimes, als den Herrn und Mörder erkannt hat – wie wäre die Tatsache, dass er von österreichischen Geschworenen für schuldlos befunden wurde, anders zu erklären als damit, dass die guten Leute sich unter jenem höllischen Regime eben nichts mehr vorstellen können, ja wohl gar nicht mehr wissen, dass es so etwas wie den Todespferch eines Ghettos und willkürlich drauflosmordende Nazihäuptlinge jemals gab, und wenn ja, warum.
Mit diesen eindrücklich galligen Worten qualifizierte vor 55 Jahren Friedrich Torberg in der Zeitschrift Forum den falschen Wahrspruch im Prozess gegen Franz Murer.
Was da zwischen dem 10. und dem 19. Juni 1963 bei der Schwurgerichtsverhandlung in Graz geschah, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der österreichischen Nachkriegs-Justizgeschichte: Franz Murer, geachteter Landwirt im obersteirischen Gaishorn und verdienter Funktionär des ÖVP-Bauernbundes, war von seiner Vergangenheit eingeholt worden. Dass die jüdische Bevölkerung im damaligen Wilna, der heutigen litauischen Hauptstadt Vilnius, zwischen 1941 und 1943 von 80.000 auf 700 sank, geschah unter der Verantwortung von Franz Murer, der als Stellvertreter des deutschen Gebietskommissars für die jüdischen Angelegenheiten zuständig war.
Nicht nur die Beteiligung am Massenmord an Zehntausenden Juden im Wald von Ponary bei Vilnius legt die historische Forschung Murer zur Last. Auch zahlreiche persönliche Mordtaten im Ghetto von Wilna sowie Willkür und grenzenloser Sadismus Murers sind bezeugt. Nach dem Krieg kehrte dieser in die Steiermark zurück, wurde dann an die Sowjetunion ausgeliefert, die ihm 1948 in Vilnius den Prozess machte, wo er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Im Zuge des Staatsvertrags kam Murer 1955 zurück nach Österreich, wurde aber – entgegen den Vereinbarungen des Staatsvertrags – von der Justiz nicht weiter verfolgt.

Der Mörder als geachteter Bauer

Simon Wiesenthal entdeckte eher zufällig, dass Murer seit damals in Gaishorn lebte; er erreichte erst 1962, dass Murer nun auch in Österreich der Prozess gemacht wurde. Das Verfahren, bei dem zahlreiche Zeugen die Beteiligung von Murer an 17 konkreten Tötungen an Juden bestätigten, führte aber in allen Punkten zum Freispruch. Murer verließ, bejubelt und gefeiert, das Gericht als freier Mann und lebte bis zu seinem Tode 1994 gerichtlich nicht mehr behelligt auf seinem Hof.
Der österreichische Regisseur Christian Frosch hat mit dem Gerichtssaaldrama „Murer – Anatomie eines Prozesses“ diese Ereignisse des Juni 1963 eindringlich und beklemmend auf die Leinwand gebracht. Der Eröffnungsfilm der Diagonale stellt unpolemisch, aber überhaupt nichts beschönigend dar, wie das juridische Prozedere im Verein mit einer latenten bis offenen antisemitischen Stimmung nicht imstande ist, die Verbrechen aufzuarbeiten und deren Täter ihrer Strafe zuzuführen.
Unglaublich, aber wahr, wie sehr in den zehn Prozesstagen die von der Staatsanwaltschaft beigebrachten Zeugen, die etwa schildern, wie das eigene Kind von Murer vor ihren Augen ermordet wurde, im Gerichtssaal desavouiert werden. Und wie die Verteidigung von Franz Murer – er habe davon nichts gewusst, er sei an den Untaten nicht beteiligt gewesen, die Zeugen müssten einer Verwechslung aufgesessen sein – letztendlich greift. Frosch und sein Ensemble muten die Ereignisse von 1963 dem Zuschauer von 2018 schonungslos zu. Und der Zeitgenosse von heute nimmt einmal mehr zur Kenntnis, wie ein Geflecht aus großkoalitionären Politinteressen die Agrarfunktionäre der ÖVP und den SPÖ-Justizminister Christian Broda zusammenschweißt in dem Bemühen, die Lebenslüge vom ersten Opfer Hitlerdeutschlands, die vorherrschende Doktrin des Nachkriegsösterreich, ja nicht in Zweifel ziehen zu lassen.
Wesentlich leistet dies im Film die Darstellung von Karl Fischer, dem die Rolle des teilnahmslos armen Murer geradezu gespenstisch meisterhaft gelingt. Aber auch die jüdischen Zeugen, die da auf Deutsch, Jiddisch oder Iwrit daherstammeln, was ihnen in Wilna angetan wurde, vermitteln Ahnungen von den unglaublichen Verbrechen, die an den Opfern aus dem „Jerusalem des Nordens“, wie Wilna einst genannt wurde, verübt wurden. Karl Markovics ist in der Rolle von Simon Wiesenthal zu sehen. Die Crux der Verhandlung wird in der Darstellung des Staatsanwalts Schuhmann (Roland Jaeger) und von Murers Anwalt Böck (Alexander E. Fennon) greifbar: Schuhmann leistet sich viele prozedurale Schnitzer, die Böck gnadenlos für seinen Mandanten ausnutzt.
Schließlich erweisen sich die Geschworenen als zu nahe am damaligen Geschehen – einer der großen Fehler in der Anlage des Prozesses war, dass er in Graz und nicht in Wien stattfand: Natürlich läuft bei diesem Film auch die Erinnerung an Sidney Lumets Klassiker „Die 12 Geschworenen“ mit, doch in „Murer“ setzt sich kein einzelner der Laienrichter gegen die voreingenommene Mehrheit der anderen durch. Im Gegenteil.
Ein schmerzhafter, aber umso notwendigerer Film, ein österreichischer Beitrag zum österreichischen Gedenkjahr 2018, der auch deswegen so beklemmend ist, weil gerade in aktuellen Politdebatten – etwa zu den Burschenschaften – jene Denk- und Verhaltensmuster, die da rund um den Prozess sichtbar sind, gespenstisch wiedererstehen.

Biografie des schrecklichen Protagonisten

Der Sachbuchautor Johannes Sachslehner hat über Franz Murer ein gleichfalls wichtiges Buch verfasst, das als Vorauslektüre oder als Nachlese zum Film unbedingt zu empfehlen ist. In „Rosen für den Mörder. Die zwei Leben des NS-Täters Franz Murer“ legt Sachslehner die Biografie des schrecklichen Protagonisten vor, in dem auch die his*torischen Erkenntnisse über Murers Rolle rund um das Ghetto von Wilna penibel aufgelistet sind. Auch Sachslehner stellt den Murer-Prozess 1963 dar, der Film hat dem Buch naturgemäß die dramatische Eindringlichkeit voraus; diese wird im Buch aber mehr als wettgemacht durch die Gesamtschau auf ein Leben, das – wiewohl extrem –, aber doch „österreichisch“ genannt werden kann. Und das ist in diesem Zusammenhang kein freundliches Attribut.
Die FURCHE hat in jenen Juniwochen des Jahres 1963 übrigens mit keiner Zeile über den Murer-Prozess berichtet – das ist erstaunlich, denn sowohl Sachslehner als auch der Film zeigen, dass es in Wien sehr wohl auch kritische Pressestimmen gab, und der damalige Chefredakteur Kurt Skalnik wie auch Friedrich Heer, der Polyhistor und Vordenker der FURCHE, waren ausgewiesene Gegner einer NS-Verharmlosung. Aber der Tod von Papst Johannes XXIII. am 3. Juni 1963 (der im Film befremdlicherweise in die Prozesswoche hinein terminisiert wird) und das darauffolgende Konklave stellten die Befassung mit dem Justizskandal offenbar hintan.
Friedrich Heer, der in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die NS-Judenverfolgung in zwei epochalen Monografien thematisierte, nennt erst in der zweiten, „Der Glaube des Adolf Hitler“ aus dem Jahr 1968, explizit Franz Murer. Und zwar in zwei Fußnoten.


Murer – Anatomie eines Prozesses
A/L 2018. Regie Christian Frosch.
Mit Karl Fischer, Alexander E. Fennon,
Roland Jäger, Karl Markovics.
Filmladen. 137 Min.
Ab 16.3. im Kino.

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