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18/2018 - Das Zeichen der Ohnmacht (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 03:07
Das Zeichen der Ohnmacht

Der bayerische Beschluss, in den Amtsstuben des Freistaates Kreuze aufzuhängen, ist anachronistisch. Und auch ganz und gar nicht in die Zukunft gerichtet.

| Von Otto Friedrich

Die Aufregung um die erste publicityträchtige Aktivität des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ist in Deutschland naturgemäß beträchtlicher als bei uns. Dennoch bietet der Münchener Regierungserlass, dass in allen bayerischen Amtsgebäuden Kreuze angebracht werden müssen, natürlich auch hierzulande Diskussionsstoff.
Wobei dem Beobachter von außen schon auffällt: Wenn Söder den Christen in seinem politischen Machtbereich mehr Geltung verschaffen wollte, dann ist der Schuss nach hinten losgegangen. Denn jedenfalls die offiziellen Kirchenvertreter beider Konfessionen, angefangen beim Münchener Kardinal Reinhard Marx, mochten dem Kreuzanbringungsansinnen wenig abgewinnen. Sogar Hans Maier, einer der großen alten Männer des deutschen Katholizismus, der 1970–86 selber bayerischer Kultusminister war, zeigte sich „unangenehm“ berührt, weil der Beschluss „nicht aus den Gemeinden, sondern ‚von oben‘“ komme, und er „einseitig auf das Kreuz als Zeichen ‚unserer kulturellen Identität in Bayern‘“ abhebe.
In ein ähnliches Horn stießen theologische Kritiker – besonders pointiert der Salzburger Dogmatiker Hans-Joachim Sander in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, wo er meinte, das Kreuz wende sich gegen Söder, der das Symbol menschlicher Ohnmacht als „Zeichen staatlicher Macht, ja sogar als persönlichen Macht-Gestus“ missbraucht habe.

Zwischen Kulturchristentum und religiösen Überzeugungen

Die hier angedeutete Debatte zeigt einmal mehr Konfliktlinien in der Gesellschaft, die in diesem Fall etwa zwischen „Kulturchristen“ und religiös Überzeugten verlaufen. Es war unübersehbar, dass Söder zunächst mit der kulturellen Symbolik des Kreuzes argumentierte – und erst, als der Aufschrei gar groß war, konzedierte, dass es doch um die religiöse Dimension gehe. Abgesehen davon, dass man natürlich auch darüber diskutieren sollte, ob das Kreuz tatsächlich das Symbol für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sei, wie dies Söder & Co. insinuierten, so liegt dem bayerischen Kreuzbeschluss doch auch ein kapitaler Denkfehler zugrunde.
Denn es gibt schlicht und einfach keine kulturelle Dimension des Christentums ohne die religiöse. Doch hier hat sich einiges nachhaltig verändert. Zum einen ist die Zeit des christlichen Triumphalismus endgültig vorbei. Der „Aufstieg“ des Christentums zur Staatsmacht, im Westen als „Konstantinische Wende“ bekannt, war einmal. Das ist in der religiösen Zeitdiagnostik längst Common sense. Der Söder’sche Vorstoß wirkt auch aus dieser Perspektive anachronistisch.

Verlorene Plausibilität des Christentums in der Gesellschaft

Zum anderen ist Europas „religiöses“ Problem bestenfalls in zweiter Linie das Erstarken des Islam in seinen Breiten. Als eigentliche Herausforderung erweist sich, dass das Christentum insgesamt rasant an Plausibilität in der Gesellschaft verloren hat. Das ist eine Wunde und tut der Gesellschaft insgesamt sicher nicht gut. Dies hat zum Teil aber auch damit zu tun, dass sich das Christentum zunehmend aus der Identifikation mit politischer Macht löst und gelöst hat. Schon aus all diesen Gründen wirkt Söders Ansinnen wie ein Rückzugsgefecht, als ob die genannten Abbrüche mit Kreuzes-Aufhängungen umzukehren wären.
Und natürlich verwahrt man sich als Religiöser gegen jede machtpolitische Vereinnahmung des Kreuzes. Denn für Christen ist das Kreuz Aufweis der größten Entäußerung. Ein Zeichen des (mit)leidenden Gottes, ein Zeichen der Ohnmacht in Solidarität mit den Ohnmächtigen aller Zeiten. Die Theologie der letzten 50 Jahre hat dies herausgearbeitet (durchaus in Abkehr von manchen Entwicklungen zuvor) – das wurde in der katholischen Kirche bis hin zu den Päpsten, natürlich auch von Franziskus, so gesehen. Insofern kann der Beschluss, den der Protestant Markus Söder herbeigeführt hat, nur als „retro“ bezeichnet werden. Also gewiss nicht in die Zukunft gerichtet.

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