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06/2018 - Mit neuen Augen sehen (Martin Tauss)
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Ungelesen , 03:32
Mit neuen Augen sehen

Über Mythen, Fakten und „Fake News“: Die jüngste Geschichte des Tabak und des Cannabis ist aufschlussreich für die Vision einer wissenschaftlich fundierten Politik.


| Von Martin Tauss

„The Times They Are A Changing“, sang Bob Dylan in den 1960er-Jahren. Wie recht er damit hatte, wenn man daran denkt, wie stark sich seit damals die Einstellung zum Rauchen gewandelt hat. So wie der Pop-Poet Dylan lässig an einer Zigarette zu ziehen, war zumindest bis in die 1980er-Jahre cool, chic und ganz selbstverständlich. Nach 1945 wurde die Zigarette politisch und kulturell mit der Siegermacht USA assoziiert, Zigarettenfirmen warben mit dem betörenden Duft von Freiheit und Demokratie. Diesen Zauber hat die Zigarette eingebüßt. Zu viele Erkrankungen gehen auf ihre Rechnung. Die EU-Gesundheitspolitik hat das Rauchen ins Visier genommen; die EU-Staaten orientieren sich an den jüngsten Erkenntnissen der Wissenschaft, die die verheerenden Folgen des Tabakkonsums aufgezeigt hat – gesundheitlich und ökonomisch. Alle Staaten?
Nein, ein kleines Land im Herzen Europas widersetzt sich dem aktuellen Trend. Seine neue Regierung hat das totale Rauchverbot, das ab Mai in Kraft treten hätte sollen, ausgehebelt. Die Wiener Ärztekammer pocht nun auf wissenschaftliche Argumente und hat mit der Krebshilfe Österreich ein Volksbegehren eingeleitet, um das Rauchverbot doch noch wie geplant umzusetzen. Ungeachtet der widerspenstigen Österreicher wird der Zug der Zeit aber ohnehin nicht mehr aufzuhalten sein: Das Tabakrauchen steht international auf der Abschussliste. Mit gutem Grund.

Wissenschaftliche Orientierung


Eine gegenläufige Bewegung ist indes bei einem anderen „Suchtmittel“ zu beobachten: Zur Zeit von Dylans früher Karriere war Cannabis die Droge von gesellschaftlichen Randgruppen und der antiautoritären Protestbewegung. Heute wird die Pflanze in der Medizin zunehmend als Arzneimittel entdeckt. Und kürzlich ließ sogar der Bund Deutscher Kriminalbeamter mit der Forderung aufhorchen, das Cannabis-Verbot aufzuheben und die Konsumenten der Droge zu entkriminalisieren. „Die Prohibition von Cannabis ist historisch betrachtet willkürlich erfolgt und bis heute weder intelligent noch zielführend“, so BDK-Vorsitzender André Schulz. Tatsächlich wurde die Bewertung von Cannabis historisch keineswegs von wissenschaftlichen Kriterien geprägt.

Rationale Politik

Es waren politische und wirtschaftliche Interessen, die den Hanf im 20. Jahrhundert zur „Horrordroge“ werden ließen. Die USA waren in der internationalen Drogenpolitik tonangebend, und dort führte Harry J. Anslinger, Leiter der US-Drogenbehörde, einen wahnwitzigen Feldzug gegen das Cannabis. Er argumentierte mit „Fake News“, berief sich auf Mythen, nicht auf Fakten – doch diese waren nachhaltig und warfen einen langen Schatten. Auch heute noch ist die Drogengesetzgebung ein Bereich, der „allseits von ideologisch geprägter Irrationalität“ geprägt ist, wie der Philosoph Thomas Metzinger konstatiert. Gemäß aktuellem Wissensstand ist Cannabis grosso modo ungefährlicher als die legalen Drogen Alkohol und Tabak. Das bedeutet freilich nicht, dass es sich um einen harmlosen Stoff handelt – auch für Risiken und Gefahren gibt es genügend Evidenz.
Womit wir schon beim richtigen Stichwort wären: „Evidenz“, in dem das lateinischen Wort „videre“ – sehen – steckt, meint so viel wie Augenscheinlichkeit, Offenkundigkeit. Durch klares Sehen verändern wir unser Bild der Welt. Nur ein wissenschaftlicher Blick kann Mythen entzaubern und Fakten offenbaren – nicht nur beim Tabak und beim Cannabis. In Zeiten, in denen „Fake News“ wieder fröhliche Urständ feiern, sind Wissenschafter gefordert, Evidenzen in die Öffentlichkeit zu tragen. Und Politiker, ihre Entscheidungen darauf zu basieren. Für hartgesottene Ideologen bleibt dann noch immer Raum genug. Doch sie wären gut beraten, ihre Überlegungen auch offen und transparent auszufalten – so wie in der Wissenschaft.

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