ro ro

Themen-Optionen Ansicht

37/2017 - „Es ist nicht genug, charismatisch zu sein“
  #1  
Ungelesen 13.09.2017, 08:44
„Es ist nicht genug, charismatisch zu sein“

Viele Lehrkräfte fühlen sich ohnmächtig. Sie merken, wie ihre Autorität schwindet – nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei den Eltern und in der gesamten Gesellschaft. Über „Neue Autorität“ in der Schule und die Notwendigkeit des Miteinanders.

| Von Doris Helmberger

Man stelle sich vor: Ein Neue Mittelschule in Wien, achte Schulstufe. Die meisten 14-Jährigen in der Klasse machen einigermaßen mit, nur ein Bursch tanzt aus der Reihe. Es ist nicht nur so, dass er etwas unaufmerksam wäre – er signalisiert seine Abneigung mit jeder Faser seines Körpers. Die ganze Unterrichtszeit lang sitzt er mit dem Rücken zu den Lehrkräften, seine Kommunikation beschränkt sich auf Beschimpfungen und verbale Aggressionen. „Schleich dich“ ist noch das gelindeste, was ihm gegenüber den Pädagogen entfährt. Anfangs sind die gegenseitigen Aufschaukelungen für die gesamte Klasse noch ein amüsantes Spektakel. Doch zunehmend geht der Bursch auch den Gleichaltrigen auf den Geist. Schließlich werden die Eltern an die Schule zitiert, auch das Jugendamt wird eingeschaltet, doch der (arbeitslose) Vater zeigt sich nicht kooperativ. Am Ende greift der Direktor zum letzten Mittel – der Suspendierung: Der Bursch muss die Schule verlassen, seine Chancen auf einen positiven Abschluss sind minimal.
Es war kurz vor Schulbeginn, als eine Teamlehrerin des Burschen diesen Fall einer Gruppe von Berufskolleginnen erzählte.
23 Lehrerinnen und zwei Lehrer waren an die Kirchliche Pädagogische Hochschule Krems gekommen, um dort ein Fortbildungsseminar über „Neue Autorität und Schule“ zu besuchen. Der schmissige Titel der Veranstaltung: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Geduld.“

Erwachsene als Anker – auch in der Klasse

Es ist ein Zitat des israelischen Psychologen Haim Omer, der in den 1980er-Jahren das Konzept der „Neuen Autorität“ entwickelt hat. Omers Vorstellungen grenzten sich nicht nur von der alten Pädagogik ab, der es um das Durchsetzen von Vorgaben und das Einhalten von Regeln ging, sondern auch von der „antiautoritären Erziehung“: Diese, schrieb Omer im Klassiker „Stärke statt Macht“, musste schon deshalb scheitern, weil in völliger Freiheit aufwachsende Kinder sich nur schwer in Gruppen einordnen könnten und auch weniger Selbstwert entwickeln würden. Kinder bräuchten eben Halt, um wachsen zu können, so Omer. In seiner Arbeit mit Familien erkannte er zudem, dass es wenig Sinn hatte, die Kinder ändern zu wollen – sondern dass es wesentlich war, die Erwachsenen zu stärken.
Ein Ansatz, den das „Wiener Institut für Neue Autorität in Erziehung und Gesellschaft“ (WINAG) mit Fortbildungsseminaren wie jenem in Krems verstärkt auch in die Schulen tragen will. Schließlich ist das Thema Autorität eines der brennendsten für die meisten Lehrerinnen und Lehrer. „Viele fühlen sich hilflos und ohnmächtig“, erzählt Brigitte Gartner-Denk, die das Kremser Seminar gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen vom WINAG geleitet hat und als Beratungslehrerin Volksschul- und Mittelschullehrkräfte begleitet. „Nur selten gibt es Lehrer, die sagen: Ich bin voll in meiner Kraft. Viele sind am Rande des Burnouts“, erzählt Denk.
Auch Polizisten oder Pfarrer machen heute die Erfahrung, dass ihre „institutionelle Autorität“ geschwunden ist. Pädagoginnen und Pädagogen fühlen sich aber gleich mehrfach geschwächt, glaubt die Expertin: „Sie haben nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen weniger Autorität, sondern auch bei den Eltern und der Gesellschaft insgesamt.“ Viele würden zwar erwarten, dass sich Lehrer in der Klasse „durchsetzen“, gleichzeitig aber deren Autorität untergraben. Dass Magazine wie News zum Schulstart lustvoll die Frage „Wie faul sind unsere Lehrer?“ auf das Cover stellen, ist dafür ein deutlicher Beleg.
Eine „Neue Autorität“ in den Schulen tut also dringend Not. Ihre – theoretischen – Säulen sind dabei ähnlich wie jene in Familien: Es geht um „Präsenz und wachsame Sorge“, „Selbstkontrolle und
Eskalationsvorbeugung“, „Unterstützungsnetzwerke und Bündnisse“, „Protest und gewaltlosen Widerstand“, „Versöhnung und Beziehung“, „Transparenz“ sowie „Wiedergutmachungen“. Auch die Vorstellung, als Lehrer „Anker“ zu sein, ist zentral. Diese Basics wie in einem Handwerkskoffer einfach abzuarbeiten, könne freilich kontraproduktiv sein, warnt Gartner-Denk. Es gehe um eine neue Haltung, die eingeübt werden müsse sowie Anleitung und Reflexion brauche.

Nicht schreien, sondern durchatmen

Die Lehrerinnen und Lehrer im Kremser Seminar haben es jedenfalls gemeinsam probiert – anhand von theoretischen Inputs, Selbsterfahrung und Körperarbeit. Sie haben gelernt, (inakzeptables) Verhalten von Schülern von deren (wertzuschätzender) Person zu trennen; und sie haben gelernt, in schwierigen Situationen nicht zu schreien oder Strafen anzudrohen, sondern aus dem Machtkampf auszusteigen, kurz durchzuatmen und für später – verlässliche – Konsequenzen in Aussicht zu stellen. „Es ist sehr entlastend, nicht sofort reagieren zu müssen“, weiß Brigitte Gartner-Denk. „Aber man muss schon klar machen: Wir werden darauf zurückkommen!“
Dieses „Wir“ ist überhaupt der Schlüssel für eine „Neue Autorität“ an den Schulen, betont die Expertin. „Leider ist aber dieses Wir-Gefühl hier nicht genug verankert“, so ihre Erfahrung. Lehrer seien meist Einzelkämpfer – vor allem, weil es wenig Transparenz und starke Konkurrenz-Gefühle gebe. Doch allein lassen sich die Herausforderungen von heute nicht mehr lösen, meint Gartner-Denk. „Es muss klar sein, dass nicht die einzelne Lehrerin für einen schwierigen Schüler verantwortlich ist, sondern die gesamte Schule.“ Doch dazu brauche es mehr Kommunikation – und im Optimalfall einen ganzen Lehrkörper (samt Leitung), der sich mit „Neuer Autorität“ auseinandersetzt.
An jener NMS, die der verhaltensauffällige 14-Jährige besuchte, war das leider nicht der Fall. Dass die betroffenen Pädagogen viel zu lange allein gelassen wurden und auch die Kommunikation nicht wirklich funktionierte, hat die Eskalation wesentlich gefördert. „Wir brauchen endlich mehr Vernetzung an den Schulen“, fordert deshalb Brigitte Gartner-Denk. Der stolze Rückzug auf die eigene „natürliche Autorität“ sei hingegen anno 2017 wenig hilfreich. „Es ist heute nicht mehr genug, charismatisch zu sein“, sagt die Beratungslehrerin. „Es geht um Halt und Haltung.“


Nähere Informationen
beim „Wiener Institut für neue Autorität in Erziehung und Gesellschaft“ (www.winag.institute),
beim „Institut für Neue Autorität“ (INA) in Linz (www.neueautoritaet.at) und beim
„Pädagogischen Institut für Neue Autorität“ in Vorarlberg“ (www.pina.at).

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung