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32/2017 - Fürchten hilft nicht weiter (Otto Friedrich)
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Alt 09.08.2017, 08:36
Fürchten hilft nicht weiter

Die Befunde der dieser Tage veröffentlichten Studie „Religion und Demographie in Österreich“ untermauern mit Zahlen, was schon seit langem diskutiert wird.


| Von Otto Friedrich


Es gibt sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, denen man das Attribut „No na!“ beigesellen kann. Die Ergebnisse der Studie „Religion und Demographie in Österreich“dürften in diese Kategorie fallen, denn der dort mit Zahlen untermauerte Befund über die Religionslandschaft Österreichs ist alles andere als eine Überraschung (vgl. Seite 14 dieser FURCHE): Die Zahl der Katholiken im Land nimmt ab (seit 2001 von drei Viertel auf zwei Drittel der Bevölkerung), die der Konfessionslosen nimmt stark zu, und der Anteil der Muslime hat sich ebenso verdoppelt wie jener der Orthodoxen (letztere werden im öffentlichen Diskurs gern vergessen).
Die Zahlen bilden die Entwicklung ab, die seit Jahren mit Händen zu greifen ist, und auch die Szenarien, welche die Studie für die nächsten 30 Jahre prognostiziert, dürften kaum jemanden verwundern: Der Katholi*kenanteil wird auf unter 50 Prozent sinken, die Konfessionslosen werden weiter zunehmen, und die Religio*nen der Migranten – allen voran der Islam – werden eine signifikant prominentere Rolle spielen. Offen ist allenfalls, wie stark diese Rolle tatsächlich sein wird.

„Verbuntung“ oder „Entchristlichung“?


Keine Frage, dass die nun auch in Zahlen gegossenen Erkenntnisse das, was je nach Einschätzung als „Verbuntung“ oder „Entchristlichung“ schon lang diskutiert wird, bestätigen. Wie auch der aktuelle gesellschaftspolitische und wahlkampfgesteuerte Diskurs zeigt, handelt es sich um Entwicklungen, die mit Ängsten verbunden sind. Dennoch hilft das Fürchten weder in der Analyse noch im politischen Handeln weiter, von daher wäre – gewiss ein frommer Wunsch in diesen Wochen – der nüchterne Blick auf die Erkenntnisse weitaus besser, als einmal mehr die Angst zum obersten politischen Ratgeber zu machen.
Zwei scheinbar gegenläufige Entwicklungen sind evident: Die traditionelle katholische Religiosität nimmt weiter ab. Das sei auch denjenigen ins Stammbuch geschrieben, die ums christliche Abendland gar besorgt sind. Denn ein verstärktes Engagement fürs Christentum ist landauf landab weiter nicht erkennbar. Dem entgegen ist evident, dass die Religiosität unter den Muslimen, aber auch Orthodoxen weit sichtbarer ist. Auch dass deren Gesellschaftsverständnis – was Geschlechterrollen, Familienbilder etc. betrifft – weitaus „traditioneller“ ist als in den säkularisierten Mainstream-Milieus, bleibt unübersehbar.

Die Aufgabe der Religiösen im Staat


Zweifelsohne kommt es da zu gesellschaftlichen Kontroversen. Und zweifelsohne gibt es auch die Gefahr von Parallelgesellschaften, wenn es nicht eine Maxime politischen Handelns ist, dem entgegenzuwirken. Der Zugang zu Bildung für alle sollte da mehr als ein Schlagwort sein. Und auch, dass ein liberales Gesellschafts- und Demokratieverständnis wieder und wieder plausibel zu machen wäre. Auch was die Rolle der Christen dabei sein könnte.
Doch in einer dem Chris*tentum gegenüber zunehmend unmusikalischen Gesellschaft ist das nicht einfach. Dass zurzeit Urbegriffe des Gemeinwesens wie Freiheit, Demokratie, Solidarität eher desavouiert werden, macht es gleichfalls schwieriger.
Es hilft aber nichts, dabei die Muslime oder den Islam zum Feindbild zu erklären, anstatt den – mühevollen – Prozess weiterzutreiben, die diesbezügliche traditionelle Religiosität in das auf einem Primat der Würde aller Menschen beruhende freiheitliche Gesellschaftsverständnis zu integrieren. Der Befund des deutschen Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde, der freiheitliche, säkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne, gilt heute erst recht. Gerade die Religiösen sind nötig, an diesen Voraussetzungen mitzubauen. Christen wie Muslime. Es wäre fatal, wenn erstere derartige gesellschaftliche Aufgabe nicht mehr wahrnehmen. Und ebenso fatal, wenn die Muslime nicht einen Weg finden, auf ihre Weise zu einer freiheitlichen Gesellschaft beizutragen.

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