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46/2017 - Impertinenz der Papstkritik (Otto Friedrich)
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Alt 02.04.2005, 03:03
Impertinenz der Papstkritik

Papst Franziskus hat eine gute Presse – und auf erzkonservativer Kirchenseite eine schlechte Nachrede. Wie ist das zu beurteilen?

| Von Otto Friedrich

Er hat seit seinem Amtsantritt eine gute — säkulare – Presse. Dumm nur, dass ihm nun die eigenen Schäfchen die Gefolgschaft verweigern. Für weniger versierte Beobachter zeigt sich zurzeit derartiges Bild der Performance von Franziskus, Bischof von Rom und Papst der katholischen Christenheit: Da äußern vier Kardinäle, also nicht „irgendwer“, „Dubia – Zweifel“ an der dogmatischen Klarheit in Bezug auf wiederverheiratete Geschiedene. Im Sommer folgte dann eine weltweit verbreitete und unterzeichnete „Correctio filialis“, die Franziskus in unterwürfigem Ton, aber nichts weniger als Häresie vorwirft – und zwar nicht nur in der Frage des Sakramentenempfangs in der Geschiedenenpastoral, sondern auch im Umgang mit Martin Luther und den Evangelischen. Der Ton, dessen sich diese Kritiker befleißigen, ist impertinent: „kindliche Zurechtweisung“ oder gar der Vorwurf des Glaubensabfalls scheint kaum überbietbar.
Gott sei Dank mehren sich Gegenstimmen: Der vom Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner und dem Prager Priester und Vordenker Tomáˇs Halík lancierte Offene Brief an Franziskus (www.pro-pope-francis.com) verzeichnete bei Redaktionsschluss bereits 55.000 Unterstützer.

Wie relevant sind die Franziskus-Kritiker?

Dennoch stellt sich die Frage, wie relevant die kritischen Enunziationen sind, und ob sie tatsächlich die katholische Welt beunruhigen sollten. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Denn einerseits wird in der Globalisierung medialer Blasen jede noch so kleine (Er-)Regung in „Echtzeit“, wie man heute zu sagen pflegt, in den hintersten Erdenwinkel verbreitet. Andererseits kann derartige Omnipräsenz auch inhaltlich schlagend werden – man muss ja beispielsweise zurzeit erleben, wie ein amerikanischer Präsident mit Fake News, Unverfrorenheit und Halbwahrheiten an die Macht gekommen ist – und jedenfalls bislang auch bleibt.
Es ist da kein Zufall, dass – etwa in der Person eines Steve Bannon – personelle Übereinstimmungen zwischen dem Trump- und dem Antipapst-Lager sichtbar sind. In dieser Hinsicht also ist das Aufbegehren relevant. Und für eine offene Kirche auf dem Weg durch die Welt gefährlich.
Dennoch muss die reaktionäre Agenda dieser Papstkritik, die ja eine Kritik an jeder Verheutigung („Aggiornamento“) darstellt, der sich die katholische Kirche mit dem II. Vatikanum verschrieben hat (und dem Franziskus so engagiert endlich zum Durchbruch verhelfen will), klar benannt werden.

Alles andere als „Freude am Evangelium“

Diese Agenda verrückt nämlich die Mitte christlichen Glaubens, die frohe Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes. „Evangelii gaudium“ – die Programmatik des ersten Schreibens des Papstes ist dieser sauertöpfischen Strömung weniger wichtig als der Blick in die Schlafzimmer, in dem sich die katholische Lehre seit dem 19. Jahrhundert so heillos verheddert hat. Auch am Bemühen von Franziskus, den Schutz des Lebens als eine ganzheitliche Frage zu sehen, die den Menschen nach der Geburt ebenso in den Blick nimmt wie davor, wird das deutlich. Die reaktionäre Kritik, die Lebensschutz ausschließlich und vorrangig als Anti-Abtreibungs-Lobbying versteht (und etwa in den USA angesichts der unglaublichen Verbrechen, die durch die laschen Waffengesetze möglich sind, beredt schweigt), wirft diesem Papst denn auch vor, kein Abtreibungsgegner zu sein. Doch dies
ist gleichfalls eine ideologische Verzerrung der Sonderklasse.
Man kann die erzkonservativen Umtriebe auch dahingehend interpretieren, dass sich deren Vertreter fürs nächste Pontifikat in Stellung bringen: Franziskus ist bekanntlich kein junger Mann, und nach ihm soll nie wie einer seines Schlags an die Kirchenspitze gelangen. Insbesondere gegen diese Strategie muss die dem Konzil verbundene, oft schweigende Mehrheit in der katholischen Kirche entschieden entgegentreten.

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