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05/2010 - Nicht Erdbeben töten (Wolfgang Machreich)
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Ungelesen , 13:20
I Nicht Erdbeben töten

Drei Wochen nach dem Erdbeben in Haiti hält das Leid dort kaum vermindert an. Staaten, Hilfsorganisationen, die UNO – viele helfen, machen vieles richtig, vieles falsch. Aber wer denkt jetzt schon an die nächste Katastrophe?

Von Wolfgang Machreich

Bei 180.000 ist die Totenzählung in Haiti mittlerweile angelangt, plus einem völlig kaputten Staat. Im Unterschied zu Hurricans bekommen Erdbeben keine leicht zu merkenden Namen, „Haiti 12. 01. 2010“ wird aber auch namenlos, nicht als das stärkste, aber als eines der tödlichsten Erdbeben in die Annalen eingehen.
Kurz vor den Erdstößen in Haiti hat es zwei heftigere Beben gegeben: bei den Salomonen und nahe der Fidschi-Inseln. Kein Mensch ist dabei gestorben. Am 17. Oktober 1989 erschütterten Erdstöße mit einer Magnitude von 7.0, der gleiche Wert wie in Haiti, North Carolina. 37 Menschen kamen dabei ums Leben. Beim letztjährigen Beben im italienischen L’Aquila, mit der vergleichsweise schwachen Magnitude von 5,8 auf der Richter-Skala, beläuft sich die Zahl der Toten wiederum auf 299. Und noch ein anderer Vergleich: Nimmt man das Tsunami-Ereignis von 2004 aus, so verloren bei den 85 stärksten Erdbeben seit 1900 zusammengenommen weniger Menschen ihr Leben als nun in Haiti.

Heftigste Erdbeben sind nicht die tödlichsten

„Nicht Erdbeben, sondern Gebäude töten Menschen“, erklärt Cameron Sinclair diese Ungereimtheit, dass die physikalische Energie eines Erdbebens nicht auf seine Tödlichkeit schließen lässt. Im Gegenteil: Auf der Liste der weltweit folgenschwersten Erdbeben seit 1900 ist das heftigste jemals gemessene Beben, 9.5 in Chile 1960, nur auf Platz 90 zu finden. Sinclair, britischer Architekt und Gründer der Organisation „Architecture for Humanity“, die sich jetzt für den Wiederaufbau in Haiti engagiert, fasst damit zusammen, was Geologen und Urbanisten schon lange zu vermitteln versuchen: Es gibt keine Naturkatastrophen. Was es gibt, sind gewaltige Naturereignisse, die tödliche Folgen für die in diesen Strudel der Ereignisse hineingeratenen Menschen haben.
Eine solche Umkehrung bringt entscheidende Konsequenzen für die Schuldfrage mit sich. Erdbeben und andere Naturereignisse scheiden dann nämlich aus. Schuld hat nicht mehr die Laune der Natur, sondern Unverstand, Ignoranz, Korruption, Gewinnstreben, Verwahrlosung, Verantwortungslosigkeit, Politikversagen, Größenwahnsinn, Technikgläubigkeit, Armut bei den Menschen. Sicher, man wird auch nach oben blicken. So wie es jetzt Unzählige in Haiti tun, beten, flehen, fluchen … Aber einem ebenso blutrünstigen wie kleinkarierten Rächergott die Verantwortung für Tragödien à la Haiti zuschieben zu wollen, sollte man denen überlassen, deren Zynismus, Menschen- und Schöpfungsverachtung diesem verqueren Gottesbild entspricht.
Bleiben die Menschen – und Naturereignisse mit tödlichen Folgen. Einige wird man voraussagen können, andere nicht. Für sehr viele aber könnte man Vorkehrungen treffen. Mehr Katastrophenschutz, damit weniger Katastrophenhilfe notwendig ist.

Katastrophenschutz – leicht gesagt!

Leicht gesagt. Arme Menschen in armen Ländern haben anderes zu tun, als ihre Häuser erdbebensicher zu machen – sofern sie überhaupt Häuser haben und nicht nur Behausungen, siehe Haiti, die schon ohne Beben ein Sicherheitsrisiko darstellen …
An einer Weltkarte des Erdbebenrisikos wird gearbeitet. Kathmandu, Istanbul, Teheran und die Millionenstädte Rangun in Burma, Padang in Indonesien und Dehradun in Indien stehen in diesen Risikolisten ganz oben. Von Tokio sagen Geologen, es sei „überfällig“ – für eine Katastrophe.
Japan ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich ein Land den aus seiner geographischen Lage entstehenden Risiken stellt. Sehr viel Geld wird in erdbebensichere Bauten gesteckt. Doch Japan ist reich. Die Türkei ist nicht arm, trotzdem fürchtet man bei einem Beben in Istanbul das Schlimmste. Wenn Haiti eine Lehre sein könnte, Regierungen und Bürgermeister anderswo auf den Bruchlinien dieser Erde mehr an die Erdbebensicherheit ihrer Städte dächten, wäre schon viel gewonnen. Die meisten aber werden die Bilder aus Haiti verdrängen, mit den Schultern zucken und sagen, gegen Naturkatastrophen könne man wenig machen. Und das ist falsch.

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