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48/2014 - Tückische Selbstkorrektur (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 10:58
Tückische Selbstkorrektur

Benedikt XVI. schreibt einen Aufsatz des „jungen Ratzinger“ um – und erweist sich damit keinen guten Dienst. Im aktuellen Kirchenstreit ist er damit zur Partei geworden.

| Von Otto Friedrich


Darf man seine Lebensgeschichte umschreiben? Diese Frage ist falsch gestellt. Denn es geht hier nicht ums „Dürfen“. Sondern man kann seine Lebensgeschichte nicht umschreiben. Die jüngste Diskussion um Benedikt XVI., den emeritierten Papst, sollte auch unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Dass dieser im neuen Band seiner „Gesammelten Werke“ einen Aufsatz aus 1972 umschreibt, ohne das auszuweisen, hat es schon in sich: Kam damals Joseph Ratzinger zum Schluss, wiederverheiratete Geschiedene könnten unter bestimmten Umständen zu den Sakramenten zugelassen werden, so argumentiert er in demselben Aufsatz, anno 2014 editiert, am Ende völlig konträr (vgl. Seite 14 dieser FURCHE).
In der Sache nicht überraschend: Man weiß längst, dass der „junge Ratzinger“ in vielen Punkten anders dachte als der alte Glaubenswächter und spätere Papst. Dennoch ist es befremdlich, wenn der päpstliche Emeritus seine „Jugendsünden“ auf diese Weise auszubügeln sucht, anstatt sich etwa zu erklären, warum er heute zu anderen Schlüssen kommt als im Alter von 45 Jahren. Einstige Ansichten durch die Hintertür zu revidieren, spricht auch nicht für die Souveränität, die eigentlich zu erwarten wäre.

Der Karren der Konservativen

Doch es geht in diesen Vorgängen längst nicht um den „privaten“ Alt-Papst, sondern darum, dass er sich in der theologischen Auseinandersetzung, die auf der Familiensynode in Rom einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, positioniert. Und zwar auf der Seite der Konservativen, die zurzeit so lautstark sie nur können, die „unverrückbare“ Lehre zu Ehe und Familie retten wollen. Damit mischt sich Benedikt XVI. in den aktuellen Kirchenstreit ein, obwohl er bei seinem Rücktritt erklärt hatte, genau das nicht zu tun. Der deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf malte vor wenigen Tagen in der FAZ gar das Gespenst eines Gegenpapstes an die Wand, der von den Konservativen trefflich vor den Karren ihres Kirchenkampfes gespannt werden könnte.
Bereits Ende Oktober hatte Benedikt XVI. mit einem Grußwort aufhorchen lassen, das er zu einer Eucharistiefeier im vorkonziliaren Ritus, die im Petersdom stattfand, verfasst hatte. Er schrieb darin, er sei „sehr glücklich darüber, dass der Usus antiquus jetzt im vollen Frieden der Kirche lebt, auch unter den Jungen, unterstützt und zelebriert von großen Kardinälen …“.
Der große Kardinal, der da zelebrierte, war just Raymond Burke, der vor und auf der Familiensynode am lautesten die „wahre Lehre“ verteidigt hatte, und der nun von Papst Franziskus als Leiter des obersten kirchlichen Gerichtshofs abgelöst wurde.

Gegen die bösen Zeitgeistler um Papst Franziskus

Seither wird auf den (ultra)konservativen Webseiten Burke zum Märtyrer hochstilisiert und Benedikt XVI. als Verbündeter gegen die bösen Zeitgeistler um Papst Franziskus wahrgenommen, der von dieser Seite mittlerweile auch als „südamerikanischer Diktator“ tituliert wird.
Ob der lauten – und vor allem: gehässigen – Töne, die da hochkommen, sollte man das alles keinesfalls abtun, zumal vom gemäßigten oder auch liberalen Kirchenflügel die Diskussion niemals mit solcher Impertinenz geführt wurde, deren sich die konservative Seite zurzeit befleißigt. Natürlich ist deren Argumentation selbstreferenziell und kreist um die immer gleichen Beharrungen. Dass Papst Franziskus da längst über den Binnenraum seiner Kirche hinaus prophetisch und politisch agiert – man denke nur, wie er am Dienstag Europa die Leviten gelesen hat! –, wird von der erzkonservativen Kamarilla nicht wahrgenommen. Und schon gar nicht gewürdigt.
Man unterstellt Benedikt XVI. natürlich nicht persönlich unlautere Motive. Aber der emeritierte Papst ist dabei, den Kredit, den er sich ob der Geradlinigkeit seines Rücktritts bei allen Parteiungen in der katholischen Kirche – außer den Konservativen! – erworben hat, wieder zu verspielen.

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