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06/2018 - Zeit der tanzenden Seelen
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Alt 25.06.2005, 00:52
Zeit der tanzenden Seelen

Warum die Narretei mehr ist als bloß Leilei oder Alaaf. Eine Geschichte über die Menschenliebe und die Entdeckung des wahren Reichtums.

| Von Oliver Tanzer


Helau! Die wohl erstaunlichste Geschichte über die Torheit ist seit 1511 auf dem Markt. Kein Mainz kann sie wegsingen oder -lachen, kein Villacher Fasching verEUbauern. Der Humanist Erasmus von Rotterdam hat sie in seinem Erfolgswerk „Lob der Torheit“ erzählt: Moria, die Göttin der Torheit, ist demnach eine Tochter Plutos, des Gottes des Reichtums. Wenn wir uns in diesen Tagen in Faschingsgewändern und Masken unter „Alaaf!“- und „Leilei“-Gesängen – durch die Welt witzeln und feiern, dann stehen wir also nicht im Banne irgendeiner drollig anzuguckenden Laune, sondern in dem des Mammon.
Eine reizvolle Idee: Der Reichtum macht närrisch. Leilei! Dabei streben im echten Leben doch alle nach Reichtum und niemand nach der Narrenkappe. Und landen sie trotzdem dort?
Der Narr würde sich daraus wohl einen Jux machen. Denn er begreift sich selbst nicht mit der Strenge des Erasmus. Die Närrischen sagen, die närrische Zeit solle glücklich machen. Und tatsächlich stammt das berühmte „Alaaf“, das ganz Köln in der Zeit der Torheit (also kommende Woche) durch die Straßen krakeelt, aus dem Keltischen und bedeutet: Glück. Wenn Reichtum und Glück und Narretei zusammenhängen, hieße das zunächst ganz banal: Man muss sich die Narretei im Fasching auch leisten können. Oder aber: Der wahre Reichtum liegt nicht im Geld, sondern im Glück allein.

Aus der Existenz geflogen

So sicher, wie all das möglich ist, ist auch, dass niemand am Faschingsdienstag über Erasmus und die Torheit oder das Glück als solches nachdenkt. Der Narr tanzt durch Köln oder Villach oder Mainz und ist per definitionem von Glück und vielen anderen Dingen besoffen. Er tanzt und ist verkleidet, er ist ein anderer, aus seiner Existenz gehoben, in die er Tags darauf zurückkehren wird. Und zwar den Umständen entsprechend verkatert und auch kulturell gut ins Leiden eingebettet, denn an diesem Tag, dem Aschermittwoch, beginnt die Fastenzeit.
Die Tugenden regieren wieder und Erasmus wäre sicher zufrieden. Trotzdem hat der Närrische in dieser Woche der Exzesse vor dem großen Fasten die Fragen des Lebens vielleicht besser beantwortet als Erasmus. Auch wenn er nicht darüber nachgedacht hat sondern nur getanzt und gegrölt hat. Indem er nämlich nicht nachdenkt, antwortet er auf die Fragen „Was ist Reichtum?“, „Was ist Glück?“ und „Was ist Liebe?“ Und diese Narrenantwort ist: Glück und Liebe, also Reichtum, sind immer nur im Hier und Jetzt und ausschließlich emotional erfahrbar, in diesem Moment der Narrenfreiheit, der alles erlaubt. Da sitzt das Glück. Nirgendwo sonst. Der Rest ist Nostalgie.
Friedrich Nietzsche hat in der ihm eigenen Verrücktheit schon an dieses Wunder der Unmittelbarkeit geglaubt, als er im Närrischen der Veitstänze und Karnevale das Dionysische erkannte. Der Gott der Orgien ist darin nicht bloß ein weinseliger Verderber mit pornographischen Details. Seine phallisch-orgiastisch-vaginale Exzellenz ist letztlich nur ein Ausdruck und Symbol des Lebens selbst. Und wenn sein Gefolge, die Satyrn und Bacchantinnen ekstatisch werden, dann ist das immer dem Augenblick geschuldet, in dem der Körper und die Seele verschmolzen werden mit der Welt.
In diesen Sinne kann Nietzsche als Faschingsprinz gelesen werden: „Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen … Jetzt fühlt sich Jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen.“

Die Vorteile der Narrheit

So, genug damit, mit der Philosophie! Helau, die Zweite! Es geht uns um die Narrheit in ihrer Natur als Ausderweltschafferin von zwei quasi-urmenschlichen Dingen: Neid und Geltungssucht. Und die läge, wenn man das einmal historisch beleuchten wollte, in der Sitte, an bestimmten Festtagen im Jahr die Wertungen aufzuheben und einen quasi urkommunalen Zustand herzustellen. Man stelle sich den römischen Patrizier vor, auf einer Wiese im schönen Latium, umgeben von all seinen Verwandten und Sklaven. Und sie alle sitzen an einem Tisch und essen und trinken und bewerfen einander mit Rosen. So scheint es tatsächlich gewesen zu sein, anlässlich der Saturnalien, einer Art römischer Faschingsahnung. Vielleicht rührt daher ja auch der Rosenmontag oder wenn ein Wiener zum anderen sagt: „Tausend Rosen!“
Sigmund Freud, der ja über die Seele der Gesellschaft zum Teil noch viel treffender geschrieben hat als über die Seele des Individuums, hat Folgendes über das Fest an sich gesagt, das sich auch ganz gut auf das Phänomen Fasching reimen lässt: Es sei ein „gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzess, ein feierlicher Durchbruch eines Verbotes. Nicht weil die Menschen infolge irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die Ausschreitungen, sondern der Exzess liegt im Wesen des Festes; die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des Verbotenen erzeugt.“
Das klingt wieder ganz nach Dionysos und einem seiner Verewiger: Dem griechischen Dichter Euripides. Er hat bei den Dionysischen Spielen in Athen 405 v. Christus mit einer Faschingstragödie den ersten Preis gewonnen, in der er von einer Entgleisung der Gesellschaft im freudschen Sinn im mythischen Theben erzählt. In „Die Bakchen“ lässt Dionysos die Frauen, Kinder und Greise Thebens sich gegen das Patriarchat erheben – und zwar indem sie tanzend und singend, rasend und reißend aus der Stadt ziehen. Ein wunderschöner Akt der Insubordination. Vielleicht der schönste Widerstand überhaupt. Der König Thebens, Pentheus, ist daüber derart erbost, dass er dem Treiben mit Gewalt Abhilfe schaffen will. Aber dann verlockt ihn Dionysos, sich als Frau zu verkleiden und dem Treiben auf einem Baum sitzend zuzusehen.

Blutbad und Urangst

Es kommt nach Tragödienart zu einem unsanften Ende: Der König wird entdeckt und von der weiblichen Meute zerrissen. Das Besinnungs-Los der Täterinnen ist es, nach der Raserei von Schuldgefühlen übermannt zu werden. Ein Schalk, wer in dieser Geschichte nicht ein paar Urängste entdeckt. Und das im Fasching, man stelle sich vor.
Die wohl schon damals bei den Griechen geführte Gender-Debatte hat sich übrigens im deutschen und österreichischen Fasching in der Weiberfasnacht (am Donnerstag vor Faschingsdienstag) erhalten, sinnigerweise von Nonnen im Rheinland erfunden. An diesem Tag ist es Sitte, dass die brave Frau dem Mann nicht den Schlips bindet, sondern ihm denselben abschneidet, sollte er es wagen, mit diesem Machtsymbol in der Öffentlichkeit aufzutreten. Willkommen in der Faschingskastration. Das bringt uns zum ernsteren politischen Teil. Da ist der Fasching ein herrliches Ventil, nicht nur der Triebabfuhr durch Tanz und Verrücktheit.

Widerstand gegen die Diktatur

Wie in einer guten Hofnarrentradition, darf er dann auch den Mächtigen und Unterdrückern die Wahrheit sagen. Wohl deshalb ließen die Nationalsozialisten dem Fasching eine möglichst gleichgeschaltete völkische Form verleihen. Heraus kam dabei beispielsweise, dass der Narr mit Hitlergruß die Faschingsbühne zu betreten hatte. Die meisten gehorchten – ganz wider die Narrennatur. Freilich gab es da auch berühmte Ausnahmen, wie den Kölner Karl Küpper. Der sprang auf die Bühne, reckte den rechten Arm und rief: „So hoch liegt bei uns die Scheiße im Keller.“ Und ein anderer, der Mainzer Seppel Glückert, reimte auf der Bühne ganz ungeniert:

Heil ruft man hier, Heil ruft man dort,
Ein Silbchen nur fehlt diesem Wort,
In allen deutschen Landen
Ist Unheil nur draus entstanden.


Der Narr ist anders und denkt anders und manchmal viel richtiger als alle anderen. Damals wie heute gilt das Wort des dunklen Joker aus dem Film „Batman“: „Sie lachen über mich, weil ich anders bin, ich lache über sie, weil sie so gleich sind.“
Das führt uns wieder zum Anfang der Geschichte zurück und zum Zusammenhang zwischen Torheit und Reichtum. Dieses andere Denken des Narren wird nämlich oft als Nähe zum Bösen ausgelegt. Goethe lässt konsequenterweise seinen Mephistopheles im Faust als Hofnarr auftreten und ihn sogar die Brücke zum Reichtum schlagen. Mephisto erfindet als Narr das Papiergeld – „Fiat Geld“. Unendliche Werte, entstanden aus dem Nichts. Der Narr schafft es, der Mensch glaubt es. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Märkte verrückt spielen. Das ist das Leilei! des Reichtums – seit mehreren hundert Jahren.

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  12:08:56 10.06.2005