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22/2014 - Papageno und Tamino (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 10:56
Papageno und Tamino

Europa steht nach den Wahlen vor weitreichenden Entscheidungen, über die freilich niemand redet. Stattdessen rückt man zusammen und will Europa besser erklären.

Von Rudolf Mitlöhner

Vermutlich geht es nach den geschlagenen Europawahlen in der EU weiter wie bisher. Zumindest werden die europäischen Eliten insbesondere der beiden großen Parteien, aber auch der Liberalen und der Grünen diesen Eindruck zu vermitteln suchen – freilich nicht ohne das ergänzende Bekenntnis, dass man die Botschaft der Wählerinnen und Wähler verstanden habe und daher Europa besser erklären, die Sorgen der Menschen ernster nehmen müsse und dergleichen mehr. Bedrängt durch die Wahlerfolge von Parteien am rechten und linken Rand, „werden die Proeuropäer noch enger zusammenrücken“, prophezeit etwa auch FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher.
Ein Fortgang unter dem Motto „Alles bleibt besser“ wäre freilich völlig falsch. Anstatt eines breiten christlich-sozial-demokratisch-grün-liberalen Mainstreams, der für „alternativlos“ erklärt wird, womit man peinlich jede Richtungsentscheidung zu vermeiden trachtet, wären endlich unterschiedliche Konzepte zur Diskussion zu stellen und jeweils mit Verve zu vertreten.

Europäisches Lebensmodell

Jenseits des Tauziehens um europäische Spitzenposten, nationaler Befindlichkeiten und des Wunden-Leckens der Geschlagenen steht Europa in Wahrheit vor gigantischen Herausforderungen. Die entscheidende Frage ist, ob es sich seiner geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Potenz besinnt und den Willen zu jener Kraftanstrengung aufbringt, die nötig wäre, um auf globaler Ebene mitzuspielen beziehungsweise dort wahr- und ernstgenommen zu werden. Oder ob es sich weiterhin unter Verweis auf ein „europäisches Lebensmodell“ im wärmenden Selbstgefühl moralischer Überlegenheit ergeht, gönnerhaft gute Ratschläge verteilt und dabei Gefahr läuft (oder gar gerne in Kauf nimmt), zum Museum für wohlhabende Asiaten und Amerikaner zu verkommen.
Vielleicht lässt sich, worum es geht, an einem Schlüsselwerk europäischer Kulturgeschichte illustrieren, Mozarts „Zauberflöte“. Begnügt sich Europa wie – der zugegeben durchaus sympathische – Papageno mit „Schlaf, Speise und Trank“ – oder ist es wie Tamino bereit, sich der Feuer- und Wasserprobe um eines höheren Zieles willen zu unterziehen? Dieser Gedanke ist freilich einer spätmaterialistischen, saturierten Gesellschaft schwer zu vermitteln (weswegen, nebenbei bemerkt, in vielen zeitgeistigen Inszenierungen Sarastro und die Priester gerne wahlweise als Nazis oder böse Turbokapitalisten dargestellt werden – aber das ist eine andere Geschichte).
Gewiss, Papageno erreicht letztendlich auch, was er wollte. Aber am Schluss ist er nicht dabei. Nun muss es zweifellos jedem überlassen sein, ein „gutes Glas Wein“ dem Streben nach „Weisheit“ vorzuziehen, sich mit dem kleinen Glück zu bescheiden, Sicherheit der Freiheit vorzuziehen. Aber klar ist auch, dass jede Gesellschaft letztlich von den Taminos lebt.

Feuer und Wasser

Mit anderen Worten: Das „europäische Lebensmodell“ des Papageno mit hohen sozialen, ökologischen Standards, historisch beispielloser Lebensqualität ist eine feine Sache. Aber diese Standards lassen sich nicht einfach postulieren, sie wollen vielmehr durch „Feuer und Wasser“ hindurch, durch Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft, im globalen Wettbewerb erarbeitet und verteidigt werden. Je mehr sich Taminos durchaus entbehrungsreichem Weg der „Prüfungen“ unterziehen, desto eher kann das gelingen.
Davon wäre zu reden, solches möchte man eigentlich zu allererst von der nach wie vor größten Fraktion im Europaparlament, der Europäischen Volkspartei, aber auch von konservativen Parteien anderer Fraktionen hören. Das aber dürfte bis auf weiteres nicht passieren. Somit ist vorläufig die „europäische Exekutivdemokratie unter deutscher Führung“ (© Armin Thurnher), deren Ende die Linke mit allen Fasern herbeisehnt, noch das Beste, was uns passieren kann.


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