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16/2018 - Pragmatik und Dogmatik (Doris Helmberger)
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Ungelesen , 02:46
Pragmatik und Dogmatik

Die „Deutschförderklassen“ sind ein weiterer Beleg für die Unmöglichkeit, in Österreich Bildungspolitik auf Basis von Wissenschaftlichkeit und Hausverstand zu machen.

| Von Doris Helmberger

Bildungsminister Heinz Faßmann ist also zurückgerudert: so weit wie nötig, um das von vielen prognostizierte organisatorische und finanzielle Chaos bei den „Deutschförderklassen“ zu verhindern – und so wenig wie möglich, um nicht als Umfaller dazustehen. „Eigene Deutschklassen für Schüler, die die Unterrichtssprache nicht ausreichend beherrschen“, ist schließlich einer der zentralen Punkte im aktuellen Regierungsprogramm – eines jener „Leuchtturmprojekte“, anhand derer laut türkis-blauer message control offenbar werden soll, dass ab nun vorhandene Probleme nicht mehr totgeschwiegen oder schöngeredet, sondern endlich angegangen und im besten Fall gelöst werden.
Tatsächlich ist es überfällig, den Bereich der Sprachförderung im österreichischen Schulsystem auf neue, tragfähigere Beine zu stellen. Bildungsstandardtests und internationale Erhebungen wie PISA oder PIRLS zeigen in unschöner Regelmäßigkeit, wie wenig Österreichs Schulen „fit“ sind, Kinder mit anderer Erstsprache als Deutsch anschlussfähig zu machen. Auch rote Bildungsministerinnen sind bislang daran gescheitert. Ob das Konzept separater „Deutschförderklassen“ der Weisheit letzter Schluss ist, wird freilich von vielen bezweifelt.

Ministerielles Entgegenkommen. Aber sonst?

Entsprechend dominant waren unter den rund 60 Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf die kritischen Stimmen. Praktiker warnten vor fehlenden Ressourcen oder einem ernormen Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften und Räumen, die Pflichtschullehrergewerkschaft plädierte für eine Verschiebung um ein Jahr – und die allermeisten Experten lehnen Segregation an sich als sozial oder pädagogisch kontraproduktiv ab. Tatsächlich kam der Bildungsminister mit seinem adaptierten Entwurf, der vergangenen Mittwoch den Ministerrat passierte, den Kritikern ein Stück entgegen: So sollen Schulen nicht mehr ab sechs, sondern erst ab acht Schülern mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen eine eigene Klasse eröffnen müssen; zudem können diese separaten Gruppen auch jahrgangs- oder schulübergreifend sein. Vor allem aber sollen nur mehr Neueinsteiger (also Schulanfänger oder Quereinsteiger) darin landen – statt wie bisher geplant alle außerordentlichen Schülerinnen und Schüler. Die Summe der zusätzlichen Klassen wird dadurch laut Ministerium von 230 auf 80 sinken – die allermeisten gibt es vermutlich im Ballungsraum Wien.

Herkulesaufgaben für die Direktoren

Dass mit der Bundeshauptstadt nun doch noch über zusätzliche Ressourcen verhandelt wird, hat den Ärger der Roten etwas gedämpft. Bleibt die Frage, warum es überhaupt einer bundesweiten Regelung bedurfte, die viele Länder kaum betrifft – und für Wien nur mit größter Mühe umsetzbar ist. Natürlich, die fehlende Transparenz über die „Außerordentlichkeit“ von Schülern ist ein Ärgernis. Aber wäre es nicht einfacher gewesen, den Schulleitern tatsächlich Autonomie zuzugestehen und ihnen (ausgehend von einem transparenten Sozialindex) jene Ressourcen zukommen zu lassen, die sie wirklich brauchen? Nun stehen sie hingegen vor organisatorischen Herkulesaufgaben und dürfen autonom Mängel verwalten. Und was ist mit jenen nicht frisch zugewanderten Kindern, die trotzdem (Sprach-)Probleme haben und statt mit elf nur noch mit sechs Stunden gefördert werden?
Im Ministerium bleibt man freilich beim eingeschlagenen Weg. Auch Berlin habe separate „Willkommensklassen“ eingerichtet, erklärte der Minister – ohne freilich jene Studie zu erwähnen, die dort bereits zahlreiche Probleme eruiert hat und den Unterricht in Regelklassen samt ergänzender Sprachförderung bevorzugt. Ob die „Deutschförderklassen“ der Regierung ein Erfolgsmodell sind, soll indes eine „Tracking-Studie“ zeigen. „Dogmatik ist schön, aber Pragmatik ist besser“, meinte der Minister. Ein schöner Satz. Er sollte ihn beherzigen.

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