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06/2018 - Der Clown und die Kunst des Scheiterns
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Ungelesen , 02:36
Der Clown und die Kunst des Scheiterns

Besuch in der „Internationalen Schule für Humor“, wo die Red Noses-Clowns hart trainieren, Leichtigkeit in der Schwermut und das Weiße im Schwarzen zu sein.


| Von Wolfgang Machreich

Lustigsein ist Schwerarbeit. Hände in die Hüften gestemmt und mit prüfenden Blicken stapft die Clown-Lehrerin Hélène Gustin von einer Liegematte zur nächsten und kontrolliert, ob ihre darauf liegenden Clown-Schüler richtig mit Nase ein- und Mund ausatmen, richtig ihren Körper spüren, sich richtig entspannen … Wer sich nicht selber spürt, kann nicht sensibel auf sein Publikum reagieren, wer sich nicht selber wahrnimmt, wird keine Offenheit für seine Umgebung entwickeln, wer sich nicht selbst beobachtet, wie soll die oder der sein Visavis ausreichend beachten können?
Die Französin Gustin unterrichtet an der „Internationalen Schule für Humor“ der Rote Nasen Clowndoctors International in Wien. 16 Clown-Schüler aus neun von zehn Rote Nasen-Ländern (Österreich, Deutschland, Polen, Kroatien, Slowakei, Slowenien, Litauen, Ungarn, Tschechische Republik – Palästina ist bei diesem Kurs nicht vertreten) lernen unter dem Titel „Der Clown oder das große Scheitern“ wie sie professionell Fehler machen und damit das Ziel jedes Clowns, jeder Clownin erreichen: Ihre Zuschauer, ob klein, ob groß, zum Lachen zu bringen.
Lustigsein ist ein Ventil. „Die Clownerie, speziell die Spitalsclownerie, ist eine anspruchsvolle Kunst“, erklärt der künstlerische Leiter von Rote Nasen International (RNI), Giora Seeliger, im Gespräch mit der FURCHE. „Es ist sehr schwer“, sagt Seeliger, „aber gleichzeitig wahnsinnig befriedigend, Menschen zum Lachen zu bringen. Die Clownerie ist auch aufgrund ihrer reflektierenden Natur eine einzigartige Kunstform, die viel Disziplin abverlangt“. Humor ist für den RNI-Gründer ein Überlebensventil für Druck- und Stress- und andere nicht leichte Lebenssituationen: „Um bei schwierigen Situationen ein Durchatmen herstellen zu können, um besser Durchzukommen, um Widerstandskraft zu haben und mehr Raum zu bekommen.“

Balance ist Pflicht

Clown-Lehrerin Gustin lässt ihre Schüler vom Boden aufstehen, ohne dass sie dazu ihre Hände verwenden dürfen. In Balance bleiben, ist Clown-Pflicht und Umfallen, gewusst wann und wo und wie, gehört zur Clown-Kunst. Der Trainingsraum verwandelt sich in ein Aquarium: Es wird laut gegähnt, gebrabbelt, geblubbert, gegluckert, gelallt … Immer, auch wenn es schwer fällt, locker bleiben, nie, auch wenn es leichter wäre, locker lassen, ist Clown-Credo.
Lustigsein ist Professionalität. Über 800 Stunden trainieren die RNI-Clowns an der „Schule für Humor“. Auch ein medizinisches, psychologisches und hygienisches Basiswissen gehört neben den künstlerischen Fächern zum Curriculum. „Unsere Clowns punkten mit ihrem Können“, sagt Seeliger, dem nachgesagt wird, dass er in Bezug auf die künstlerische Qualität „seiner“ Clowns sehr streng ist. Seeliger: „Ohne Training und neue Inputs stagniert jeder Künstler. Das wäre unserem Publikum gegenüber nicht fair …“ Wobei es die Clowndoctors mit einem speziellen und mitunter schwierigen Publikum zu tun haben. „Es ist ja nicht so, dass die Leute ein Ticket gekauft haben, um uns zu sehen“, erklärt Seeliger den Unterschied zwischen Clownerie im Krankenhaus oder auf Bühnen: „Wir sind einfach da, wir bieten ein Angebot und vor allem: Wir sind Profis im Erkennen von Nischen, im Erkennen von Möglichkeiten, ob wir da etwas machen können oder auch nicht, ob ein Nein ein Nein ist oder ein Vielleicht.“
Die Clown-Schüler können alle bereits auf einen künstlerischen Background zurückgreifen. Deswegen gelingt es ihnen auch spielend, den Trainingssaal von einem Moment auf den anderen mit einer perfekten Body-Percussion, mit Taktgefühl, Händen, Füßen und dem Boden als Resonanzkörper in Schwingung und sich in Rhythmus zu bringen … Bis sie die Trainerin mit ihrer Tute zum paarweisen Catwalk wie auf einem Laufsteg durch den Raum schickt. Lernziel: sich mit dem Partner abstimmen, aus den Augenwinkeln erkennen, was der oder die andere macht, im richtigen Moment anschauen und wegschauen, im gleichen Augenblick klatschen … „Wow, professionell“, zollt Hélène Gustin Beifall, „ihr habt unterschiedliche Körper, ihr nützt sie verschieden für einen gemeinsamen Auftritt, genial!“

Die Kunst der Improvisation

Lustigsein ist Improvisation. Ein Rote Nasen-Clownteam setzt sich üblicherweise aus Frau und Mann zusammen. Weil Kinder auch unterschiedlich auf eine Clownin oder einen Clown reagieren. Und drei bis fünf Partner tauschen sich untereinander ab, damit das Aufeinander-eingespielt-Sein ermöglicht und dennoch Flexibilität gefördert wird. „Unsere Clowns haben keine einstudierten Stücke, sondern wir gehen mit immer neuen Improvisationen von Bett zu Bett“, sagt Seeliger, der künstlerische Leiter von 346 RNI-Clowns: „Wir wollen und wir müssen immer schauen, was ist im jeweiligen Moment unsere Chance. Wir haben alle unseren Werkzeugkasten mit, aus dem wir das eine oder andere herausziehen und schnell kombinieren können. Aber letztlich braucht es immer auch Improvisation.“ Wobei das Markenzeichen der Clowndoctors, die rote Nase, als Türöffner eine große Unterstützung ist. Seeliger: „Wir brauchen nicht erklären, wer wir sind, wir kommen und alle wissen, wer zu ihnen kommt und was jetzt passiert. Das ist die Stärke der roten Nasen.“
In der „Schule für Humor“ lernen die Schüler nicht nur wie ein Clown zu jonglieren, mit Instrumenten zu spielen, die eine oder andere Requisite zu verwenden, sondern vor allem auch zu denken wie ein Clown: „Die Denkweise von Clowns ist Empathie – sich in Menschen generell und vor allem natürlich in Patienten hineindenken zu können bzw. auch Kinder kindgerecht zu behandeln“, so Seeliger „Über das Lachen ist es möglich, die Herzen zu öffnen und gleichzeitig andere Botschaften mitzutransportieren.“ Kinder lassen sich sehr gut über das Spiel abholen. So kann beispielsweise das medizinischen Personal problemlos in einen Arm des Kindes eine Spritze setzten, während der Clown mit der anderen Hand des Kindes spielt.

Das Schwarze im Weißen

Lustigsein ist das Weiße im Schwarzen. „Der Schrei war gut, das Upps perfekt, aber dein Fehler war noch nicht groß genug, wir brauchen größere Fehler, es muss noch verrückter sein!“ bestärkt Trainerin Gustin einen Schüler, der das professionelle Scheitern übt: „Nimm dir Zeit für deinen Fehler, der Clown ist der Herr der Zeit, und auch ohne Musik nie den Rhythmus vergessen …“ Der Clown ist ein Archetyp, der Mensch, der scheitert, ein Mensch, der sich unterhalb der Zuschauer stellt, um damit gleich zu sein: „Wir müssen die Situation sehr schnell einschätzen können – zuvorderst muss immer Menschlichkeit stehen. Unsere Rolle ist das Weiße im Schwarzen zu sein und unser Motto ist: Wo gelitten wird, da darf man auch einmal an etwas Anderes, etwas Schönes, Lustiges denken. Das ist keine Verkennung der Situation, kein mangelnder Respekt, sondern eine Lebensnotwendigkeit.“ Und was ist mit den Momenten, wo selbst den Clowns das Lachen vergeht? „Da braucht es die Professionalität, die nachher weinen kann“, antwortet Seeliger: „Unsere Aufgabe ist nicht mitzutrauern, sondern aufzuzeigen, dass es da noch eine andere Welt gibt. Das heißt nicht, dass wir in ruhigen Momenten nicht auch sehr ruhig reagieren können.“
An diesem Tag in der „Schule für Humor“, bei diesem Training mit Hélène Gustin steht aber noch der laute Clown am Lehrplan und die Lehrerin treibt ihre Schüler an: „Je besser der Fehler, je größer das Lachen!“ Lustigsein ist Schwerarbeit.

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