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14/2013 - Die Frage der Feiertage (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 12:41
Die Frage der Feiertage

Forderungen nach muslimischen oder jüdischen Feiertagen stehen auf der politischen Agenda nicht ganz oben. Das Anliegen dahinter ist dennoch ernst zu nehmen.

Von Otto Friedrich

Soll man für Realpolitik optieren oder sich mehr auf die politischen Perspektiven konzentrieren, um nicht gar zu sagen: auf die Visionen? Der gelernte Österreicher, der bekanntlich in einem Land lebt, das als Weltmeister der Realpolitik firmieren könnte, wird ebendieser das Wort reden. Allerdings gibt es wegen der Realpolitik allzu viele politische Baustellen, auf denen nichts mehr geht. In der Bildungspolitik herrscht ebenso Baustopp wie bei einer sinnvollen Föderalismusreform, weitere Beispiele lassen sich zuhauf anführen.
Da scheint es ein Nebenschauplatz zu sein, sich mit der Feier*tagsdebatte, die in der Karwoche mit der Forderung der Islamischen Glaubensgemeinschaft und der Israelitischen Kultusgemeinde nach muslimischen bzw. jüdischen Feiertagen losgetreten wurde, zu beschäftigen. Eigentlich ein Debatterl, könnte man meinen. Das aber dennoch zu führen ist. Der Real*politiker wird vermutlich schnell abwinken: Die Sozialpartner sind dagegen, und in einer Situation, in der jedes noch so kleine Minarett im Lande entweder gar nicht oder nur nach elendslangen Diskussio*nen zu errichten ist, scheint es wohl aussichtslos, an den Feiertagen auch nur herumdeuteln zu können.

Wider die realpolitische Sackgasse


Als politischer Mensch muss man dennoch auf die realpolitische Sackgasse hinweisen, in die auch diese Thematik führen kann. Denn Politik ist ja der Versuch, ein gutes Zusammenleben im Gemeinwesen zu organisieren. Das heißt auch, auf Veränderungen in der Gesellschaft zu reagieren. Von daher ist es legitim, einzufordern, dass der Staat auch anderen Religionen als den Christen Feiertage zugesteht. Der jüngste Hinweis Kardinal Schönborns, dass die Mehrheitsverhältnisse eine „Privilegierung“ christlicher Feiertage rechtfertigt, stimmt. Aber es gibt mittlerweile neben den Christen eben andere Religionen sichtbar im Land. Und als vom II. Vatikanum bewegter Christ sollte man sich erst recht für die Bedürfnisse der Menschen dieser Religionen einsetzen .
Natürlich kann man auch zu dieser Sichtweise den realpolitischen Zugang finden, die, wie es hierzulande heißt, „öster*reichi*sche Lösung“: Man könnte den Muslimen und den Juden ein, zwei Feiertage zugestehen, die aber – wie bei den Evangelischen geregelt (Karfreitag) – nur für Angehörige der jeweiligen Religionsgemeinschaft arbeits- oder schulfrei wären.

Bitte keine österreichische Lösung!


Aber eine österreichische Lösung, die ja nichts anderes bedeutet, als den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, greift hier im Grundsatz zu kurz. Denn das Bemühen um Zusammenhalt in dieser Gesellschaft kann gerade nicht dadurch geprägt sein, dass man die Bevölkerung feiertagsmäßig nach
Religionszugehörigkeit separiert. Es wäre der in Sonntags*reden beschworenen Integration nur förderlich, würde auch die Mehrheit von den religiösen Vollzügen qualifizierter Minderheiten wissen und diese durch einen Ruhe- und Feiertag solidarisch mittragen.
Keine Frage, dass dies nicht ad infinitum geschehen kann. Es bedarf da politischer Flexibilität ebenso wie der Beweglichkeit der größten Glaubensgemeinschaft, der zurzeit die religiösen Feiertage zugestanden werden. Aber zum einen gibt es darunter einige, die keine katholischen Hochfeste sind, und zum anderen sind auch nicht alle Hochfeste gesetzliche Feiertage. Es sollte also genug Verhandlungsmasse bereit stehen, um auch Wünsche anderer Religionsgemeinschaften berücksichtigen zu können – als Ausdruck der Geschwisterlichkeit. Und die ist ja auch ein gutkatholischer Wert. Oder?
Der Realpolitiker mag sich ob solchem Ansinnen vor einem Kulturkampf(erl) fürchten. Aber die Perspektive muss ein Gemeinwesen sein, in der Menschen unterschiedlicher Religio*nen und Weltanschauungen auf Augenhöhe miteinander leben. Die Auseinandersetzung darum tut dringend not.

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