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12/2013 - Von Zeiten der Zärtlichkeit (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 14:49
Von Zeiten der Zärtlichkeit

Der Überraschung der Wahl von Papst Franziskus folgen die Mühen der Ebene auf dem Fuß: Dennoch sollte man sich an den Worten und Zeichen seiner ersten Tage ausrichten – und nicht auf Spekulationen aus Halb- und Nichtwissen bauen.

Von Otto Friedrich


„Auch Bescheidenheit kann Arroganz sein.“ So prügelte ein Mitglied der Chefredaktion der Bild-Zeitung in der gleichfalls im Springer-Konzern erscheinenden Welt den neuen Pontifex. Und in der gerade zu Kirchenthemen einst mit viel feinerer Klinge agierenden linksalternativen taz kühlte sich der Kommentator mit „Alter Sack der Xte“ das publizistische Mütchen.
Beide hier zitierten Stimmen aus Deutschland spannen das mediale Minenfeld auf, in dem sich Franziskus, der neue Papst, nun bewegen muss: zwischen rechtskonservativem Schnöseltum und antiklerikaler Enunziation. Beiden wird es Jorge Mario Bergoglio nicht recht machen (können). Man darf der eigenen Zunft gegenüber kritisch anmerken: Bei allem Wissen um die Zwänge der Berichterstattung bleibt die Erkenntnis, dass Journalismus heute auch unter der Devise „Erst reden (respektive: schreiben), dann denken“ steht.

Entschleunigung statt Geschwätz

Wir haben es eh schon immer gewusst, so etwa der kirchenkritische Duktus, einmal mehr ein sexualfeindlicher „Sack“ also, bevor derselbe überhaupt noch die erste Äußerung zur Sache gemacht hat. Geht es hier wirklich um die – berechtigte – Sorge der Leibfeindlichkeit oder bloß um die medial so praktische self-fulfilling prophecy? Umgekehrt fliegt dem Bemühen um Zeichen eines neuen Stils gleich der Vorwurf um die Ohren, das alles sei ja bloß Attitüde. Ach, wie kann man ob solchem Geschwätz zur Entschleunigung aufrufen, zur Abrüstung der Worte, und zum Nachdenken, bevor man den Mund aufmacht oder in die Tasten greift?
Es soll dennoch das Plädoyer gewagt werden, Franziskus, den Papst, an den Zeichen, Worten und Taten zu messen und nicht bloß an den Projektionen eigener Weltsichten und
Wünsche. Da liegt doch schon einiges auf dem Tisch, was in wenigen Tagen zumindest nicht hoffnungslos stimmt. Anders gesagt: Für eine Kirchen- und Papstsicht nach dem Motto „Das Glas ist halbvoll“ gibt es Gründe.
Ja, auch das erkennbare Bemühen, das Höfische im Zeremoniell rund ums Papsttum zurückzudrängen – und zwar schon vom ersten Augenblick an – ist Franziskus zugute zu halten. Auch ein Papst ist von Zwängen umgeben, und wenn er in den Zeichen sichtbar macht, dass er hier aufbricht und aufzubrechen versucht – was soll man sich als Katholik in der Ebene denn anderes wünschen? Es war etwa an der päpstlichen Körpersprache unübersehbar, dass Franziskus bei der Amtseinführung die Kardinäle am feudalen Symbol des Ringkusses zu hindern suchte. Und (halbvolles Glas!) bei einigen gelang es ihm auch …
Mehr ist zurzeit nicht zu wollen und zu verlangen. Man darf davon ausgehen, dass die Wahl des Bergoglio-Papstes auch davon bestimmt war, den höfischen Zeiten an der Kirchenspitze (mit den bis rund ums Konklave sichtbaren Intrigen und Seilschaften) ein wenig den Garaus zu machen. Und bei der Namenswahl angefangen, gibt Franziskus zu verstehen, dass er sich dem stellen will. Was ihm davon gelingt und gelingen kann, soll dann beurteilt werden, wenn er es tatsächlich zu ändern versucht hat.

Ein Programm, auf das sich bauen lässt


Derweil bleiben eben die Worte und Zeichen. Auch da fällt auf, dass die Rede von den Armen und – bei der Amtseinführung – von der Bewahrung der Schöpfung zentral ist. Und dass es ums Hüten derselben geht. Ein Hirte hütet die Schafe: „Die gesamte Schöpfung zu behüten, jeden Menschen zu behüten, besonders den Ärmsten …: das ist ein Dienst, den zu erfüllen der Bischof von Rom berufen ist“, hat der Papst gesagt. Er will also das neutestamentliche Bild heutig machen. Das ist gut so.
Dabei hat Franziskus auch gleich mehrmals von Zärtlichkeit gesprochen, die dabei notwendig ist. Die Verwirklichung solcher Rede kann man sich nur wünschen: Würden in der Kirche wie in der Welt doch Zeiten der Zärtlichkeit anbrechen! Es ist klar, dass dies mit Taten und, wenn man so will, auch mit klarer Politik zu füllen ist. Aber bleiben wir dabei: Das ist doch ein Programm, auf das sich bauen lässt!


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