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48/2015 - Der Terror und die Werte (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 10:53
Der Terror und die Werte

Seit den Anschlägen von Paris wird wieder verschärft die Frage gestellt, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Doch die Debatte erwischt uns irgendwie am falschen Fuß.

| Von Rudolf Mitlöhner

Mehr hat Sebastian Kurz nicht gebraucht: Die in seinem Integrationsplan vorgesehene Wertevermittlung und die in Aussicht gestellten Sanktionen bei Nicht-Integration wurden erwartungsgemäß von den üblichen Unverdächtigen, gestützt von der öffentlich-rechtlichen Orgel, in der Luft zerrissen. In der ZIB 2 wurde das Thema Werte, besonders subtil, unter Bezugnahme auf die Nobeltanzschule Elmayer mit „guten Manieren“ und „Umgangsformen“ assoziiert: beides Begriffe, welche bei politisch korrekter Betrachtung als – bestenfalls belächelte – Sekundärtugenden gelten, womit in einem auch der Kurz-Plan als erfolgreich diskreditiert gelten konnte.
Das Thema, das der Außen- und Integrationsminister völlig zurecht angesprochen hat, bleibt freilich auf der Tagesordnung. Hatte es schon durch die Flüchtlings- und Migrationskrise entsprechende Brisanz gewonnen, so wird erst recht seit den Anschlägen von Paris (wie nach jedem vergleichbaren Ereignis) die Frage diskutiert: Welche Werte verteidigen wir gegen den islamistischen Terror, was steht hier eigentlich auf dem Spiel?

„Aufklärung und Hedonismus“

Die gängige Antwort hierauf lautet, es gehe um „unsere Art zu leben“, „ein welthistorisch ziemlich spätes, ziemlich einzigartiges Amalgam von Freiheit und Lebensfreude, Aufklärung und Hedonismus“, wie das Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung ausdrückte. Dem möchte man aufs Erste durchaus zustimmen, doch die Frage ist, ob das genügt. Die Frage ist, ob es nicht auch jene „Entschiedenheit und Stärke“ braucht, von der Springer-Chef Mathias Döpfner in der Welt spricht. Er fordert dort eine „Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“ – die Seibt bezeichnenderweise als „Kulturkampf“ verunglimpft. „Hat Europa den Glauben an sich selbst verloren, saturiert und in der Hoffnung, nicht herausgefordert zu werden?“ fragt NZZ-Chefredakteur Eric Gujer. Auch er vermisst „demonstrative Entschlossenheit“, wie sie etwa Deutschland und Italien im Kampf gegen den linksradikalen Terror der Siebzigerjahre gezeigt hätten. Von „Selbsterhaltungswillen“ und der „Bereitschaft, gemeinsam für eine Sache einzustehen“, sei wenig zu merken.
Der den Diskurs bestimmenden Intelligenzija gelten solche Überlegungen indes als bedrohlich, werden gar in die Nähe von „Glaubenskriegen“ (Seibt) gerückt. Der zentrale Wert besteht demnach darin, keine verbindlichen Werte anzuerkennen. Da schimmert wieder das alte Missverständnis durch, dass klare Überzeugungen und Standpunktfestigkeit im Widerspruch zu Dialog und Pluralismus stünden („polemogen“, i. e. „kriegserzeugend“ nennt Seibt unter Berufung auf den Soziologen Niklas Luhmann die „Rede von ‚Werten‘“). Das Gegenteil ist der Fall. Nivellierende Gleichgültigkeit ist das Substrat müde und gelangweilt blinzelnder Saturiertheit, die auf mittlere Sicht auch „Freiheit und Lebensfreude“ zerstört.

Jüdisch-christliche Quellen

Übersehen wird auch, dass jener aufgeklärte Hedonismus oder jene hedonistisch unterfütterte Aufklärung nicht quasi voraussetzungsfrei, aus sich heraus entstanden ist, sondern sich wesentlich aus jüdisch-christlichen Quellen speist. Eine der Grundüberzeugungen dieser Tradition ist, dass die Wahrheit frei macht (vgl. Joh 8,32) – nicht aber, wie der Zeitgeist säuselt, dass die Freiheit wahr macht. Natürlich kann diese „Wahrheit“ in einer säkularen Gesellschaft nicht eine allgemein verbindliche, unhinterfragbare religiöse Glaubensüberzeugung sein. Aber doch ein leitender Begriff, der Orientierung gibt – für den einzelnen wie für die Gesellschaft auf ihrer steten Suche nach Art und Weise der Ausgestaltung des Zusammenlebens.
Wer meint, darauf verzichten zu können, braucht auch gar nicht erst von Integration zu reden. Ohne Wertedebatte verkäme der gesellschaftliche Diskurs und Umgang tatsächlich zum bloßen „Kränzchen“.



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