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16/2018 - Hemmungslos am Schlachtfeld
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Ungelesen , 01:18
Hemmungslos am Schlachtfeld

Was verbindet antike Schlachten mit dem IS-Terror und dem Syrien-Konflikt?
Über die ungeheuerliche Geschichte von Krieg und Drogengebrauch.


| Von Martin Tauss

Es war ein erschreckender Befund, doch für den historisch geschulten Beobachter kam er keineswegs überraschend: Der verheerende Krieg in Syrien wurde zuletzt auch durch illegale Drogen angetrieben, vor allem durch das Präparat „Captagon“. Es enthält ein Amphetamin, das die Wachheit steigert und schmerzlindernd wirkt. Mithilfe von „Captagon“ lässt sich Müdigkeit über lange Zeit vertreiben. Es zeigt die typischen Effekte einer stimulierenden Droge: Man kann auf Schlaf und Essen verzichten, fühlt sich energetisch und euphorisch – ideal für Soldaten, die mit der unmenschlichen Belastungssituation eines Krieges zurechtkommen müssen. „Captagon“, das im Nahen Osten eine verbreitete Droge ist, war sowohl pharmakologischer als auch finanzieller Treibstoff für die anhaltenden Kämpfe in Syrien. Denn im Kriegschaos wurde das Land zu einem der Hauptproduzenten des illegalen Präparats. So konnte der Drogenhandel den Ankauf von Waffen mitfinanzieren.

Die „Zombie-Droge“ des IS

Einiges deutet darauf hin, dass dieses Aufputschmittel – und ähnliche Präparate – bei den Milizen des so genannten Islamischen Staates (IS) besonders hoch im Kurs gestanden sind. IS-Aussteiger berichteten, dass ihnen die Terror-Organisation für die Kampfsituation jede Menge Pillen aushändigt hatte. Unter deren Einfluss hätten sie sich mächtig und unverletzlich gefühlt. Die Frage, ob man am Leben bleibt oder sterben wird, schien ihnen nicht mehr so wichtig. „Captagon“ blockiert nicht nur Angst, Schmerz und Müdigkeit, sondern auch die Fähigkeit zur Empathie. Abscheuliche Taten, wie sie der IS medienwirksam inszeniert hat, können so viel leichter ausgeführt werden.
Zum Beispiel auch Terroranschläge: Beim Anschlag im tunesischen Sousse 2015 wurde „Captagon“ im Blut eines der Attentäter nachgewiesen, und bei den Pariser Terrorattacken im selben Jahr wurde das illegale Präparat im Versteck der Attentäter sichergestellt. In Boulevardmedien wurde es daher schlicht als „Zombie-Droge“ bezeichnet: Unter seinem Einfluss können kampfbereite Menschen offensichtlich zu mörderischen Kampfmaschinen werden.
So wie auch die zehn Mitglieder der Lashkar-e-Taiba, einer islamistischen Terrorgruppe, die 2008 in der indischen Millionen-Metropole Mumbai binnen kurzer Zeit eine Reihe von Anschlägen verübte: 164 Menschen wurden dabei ermordet, 300 weitere verletzt. Nach ihren Attacken schafften es die Terroristen über mehr als zwei Tage, Hunderte Mitglieder einer indischen Spezialeinheit zurückzuschlagen, ehe sie nach heftigen Gefechten getötet oder gefangen genommen wurden. Dass zumindest einige der Attentäter ihre Kampfkraft mit chemischer Unterstützung gesteigert hatten, haben anschließende Blutproben gezeigt: Darin fanden sich Spuren von Kokain, LSD und Steroiden.
Das ist nur eines von vielen Beispielen, das Lukasz Kamieński in seinem Buch „Shooting Up“ (Hurst Publishers, 2016) zu berichten weiß. Der polnische Historiker beleuchtet den kriegerischen Einsatz von Drogen an verschiedensten Schauplätzen: Seine Geschichte beginnt bei den antiken Griechen und Römern, die wohl oft vom Alkohol beschwingt und betäubt in die Schlacht gezogen waren, oder bei den Wikingern, die sich unter der magischen Wirkung des Fliegenpilzes in zerstörungswütige Krieger verwandelt hatten. Und sie endet in der Gegenwart, etwa beim Opium-Handel im kriegsgeplagten Afghanistan, bei den mit Drogen manipulierten Kindersoldaten in Afrika, oder eben im Terrorismus – für manche der „Krieg des 21. Jahrhunderts“.
Der große Bogen dieser ungeheuerlichen Geschichte verträgt durchaus die Verallgemeinerung: Seit Urzeiten gibt es einen intimen Zusammenhang von Krieg und Drogengebrauch. Und schon fast jedes Rauschmittel sollte dazu dienen, Menschen in skrupellose Krieger zu verwandeln. Der Drogengebrauch erfolgt hier vor allem zu zwei Zwecken: um die Kampfkraft zu steigern, und um dem Trauma durch Gräuel und Gewalt entgegenzuwirken. Dafür werden Stimulanzien, andererseits Schmerz- und Beruhigungsmittel herangezogen.

Die Wunderpille der Nazis

Dass psychoaktive Substanzen auch im Zweiten Weltkrieg und gerade in der deutschen Wehrmacht eine zentrale Rolle spielten, wurde in den letzten Jahren ausführlich debattiert. So hat der Journalist Norman Ohler mit seinem Buch „Der totale Rausch“ (Kiepenheuer & Witsch, 2015) für großes Aufsehen gesorgt. Darin präsentiert er weitere Belege dafür, wie die Nationalsozialisten in den Blitzkriegen gegen Polen und Frankreich ihre Soldaten massenhaft mit einer Wunderpille versorgten. 35 Millionen Tabletten gingen allein an die Westfront. Müdigkeit, Kälte oder Angst vertrieben sie wie im Flug; mit ihrer Hilfe marschierten die Infanteristen wie aufgezogen bis zu 60 Kilometer am Tag. Der Einsatz dieses Aufputschmittels – Metamphetamin, heute besser bekannt als „Crystal Meth“ – war politisch geplant und durch
Experimente vorbereitet. Zudem lieferte Ohler neue Hinweise für den Drogenkonsum von Adolf Hitler, der gegen Kriegsende exzessiv Kokain und Morphium zu sich genommen haben soll.

Heroin-Epidemie in Vietnam

Dennoch, für einen Historiker wie Kamieński war erst der Vietnam-Krieg ein wirklich „pharmakologischer Krieg“. Das liegt an der großen Menge der dort verwendeten Drogen, aber auch an deren Vielfalt. Stimulanzien, Analgetika und Halluzinogene machten den Umlauf. Der Albtraum des Krieges wurde chemisch gelindert, doch ebenso genährt und angefacht, denn Drogen zeigen stets auch ihre Schattenseiten. Mehr als ein Drittel der US-Soldaten kamen mit Heroin in Kontakt, rund 15 Prozent wurden von dem starken Opiat abhängig. Und immer wieder führte der Amphetamingebrauch zu „Kollateralschäden“ wie Gewaltexzessen und dem irrtümlichen Beschuss der eigenen Streitkräfte. Als Belohnung für die „Tüchtigkeit“ beim Töten wurden in Vietnam alkoholische Getränke verteilt. Das erklärt, „warum US-Soldaten die Ohren und Penisse ihrer getöteten Feinde abgeschnitten haben“, so Kamieński. „Wenn sie diese Trophäen bei der Rückkehr in ihr Lager herzeigen konnten, gab es mehr Alkohol.“
Pharmakologisch waren auch die Ambitionen des US-Militärs in der Zeit des Kalten Krieges: Man glaubte, Drogen als chemische Waffen entwickeln zu können und damit den Feind gar nicht mehr töten zu müssen. Es würde reichen, die Abläufe in seinem Gehirn gehörig durcheinander zu bringen. Unter hochdosiertem LSD-Einfluss etwa könnte man selbst die schlagkräftigsten Elite-Einheiten kampflos lahmlegen. Ebenso hoffte man in Washington eine „Wahrheitsdroge“ zu finden, die Kriegsgefangene zum Plaudern bringen würde. Die menschenverachtenden Drogen-Experimente der CIA waren Teil dieser geheimen Forschungsprojekte zur „Bewusstseinskontrolle“.
Und irgendwie passt es zur horrenden Geschichte des Kriegs mit Drogen, dass in den USA schon bald ein staatlich verordneter „Krieg gegen Drogen“ ausgerufen wurde.


Shooting Up
A History of Drugs in Warfare
Von Lukasz Kamieński.
Hurst Publishers, 2016.
392 Seiten, geb.,
£ 25,00

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  12:06:59 07.16.2005