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11/2010 - Kontinuität und Brüche (Rudolf Mitlöhner)
  #1  
Ungelesen , 13:51
I Kontinuität und Brüche

Die katholische Kirche tut sich schwer mit Reformen, weil sie über der großen Perspektive ihrer Tradition die konkrete geschichtliche Entwicklung zu übersehen droht. Damit verstellt sie freilich oft den Blick auf ihre eigentliche Botschaft.

Von
Rudolf Mitlöhner

Nach menschlichem Ermessen wäre die Kirche kaum noch zu retten. Eine Firma, die dermaßen viel an Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielt hat, bei der die Treuesten der Treuen unter den Mitarbeitern wie Kunden zwischen Resignation, Trauer und Wut schwanken – eine solche Firma müsste man auf der grünen Wiese völlig neu aufstellen.
Gewiss, manche Schlagzeile dieser Tage, die von der „schwersten Kirchenkrise“ oder Ähnlichem spricht, mag überzogen sein. Man sollte mit solchen Superlativen – zu denen die in der Aktualität gefangenen Medien naturgemäß neigen – behutsam umgehen: In historischer Perspektive relativiert sich manches, und eine seriöse Einordnung dramatischer Geschehnisse ist immer erst mit einiger zeitlicher Distanz möglich.

Auf Fels gebaut

Denn nach menschlichem Ermessen dürfte es die Kirche eigentlich nicht mehr geben, hätte sie längst das Schicksal anderer Imperien und Kulturen ereilen müssen: Spaltungen, Kämpfe mit weltlichen Herrschern und geistlichen Konkurrenten, zuletzt, im 19. und weit ins 20. Jahrhundert hinein, Verbunkerung im „Antimodernismus“ – all das hat die Kirche hart in Bedrängnis gebracht. Ihr Fortbestand über zwei Jahrtausende allen Verwerfungen zum Trotz kann als realer Grund einer an sich nur in der Perspektive des Glaubens möglichen Hoffnung gelten: dass diese Kirche „auf Fels gebaut“ sei und „die Mächte der Unterwelt“ (die auch in ihr selbst am Werk sind) sie „nicht überwältigen“ werden.
Das enthebt die Kirche freilich nicht ihrer Verpflichtung, sich den jeweiligen Herausforderungen der Zeit immer neu zu stellen, wie das Johannes XXIII. mit „aggiornamento“ auf den Begriff gebracht hat. Hier kommt indes ein grundsätzliches Problem zum Tragen – die Spannung zwischen Kontinuität und Brüchen.
Zu Recht hält die Kirche an der heilsgeschichtlichen Dimension der Kontinuität im Sinne einer apostolischen Tradition fest. Aber die einseitige Fixierung darauf verstellt den Blick auf ihre konkrete historische Entwicklung mit all ihren Brüchen. Darin liegt wohl der tiefste Grund, weswegen sich die katholische Kirche mit Reformen so schwer tut. Und von daher wird auch verstehbar, dass Reformen – die es ja unbestreitbar gegeben hat, wie etwa beim letzten Konzil – nie als solche bezeichnet werden, sondern noch einmal im Modus der Kontinuität dargestellt werden.
Das hängt eng mit dem Selbstverständnis der Kirche als „societas perfecta“ (vollkommene Gesellschaft) zusammen, das der (gewiss nicht „linke“) Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann dieser Tage im Standard kritisiert hat. Die Kirche als solche kann demnach nicht irren oder schuldig werden, nur – wie beispielsweise bei den jetzt aktuell gewordenen Missbrauchsfällen – einzelne ihrer Mitglieder.
Hier müsste – nicht als Schnellschuss sondern theologisch fundiert – ein Umdenken (griech. metanoia) ansetzen: Sollte die Kirche nicht, gerade im Wissen auf ihre tiefe Verwurzelung (s. o.), eine innere Leichtigkeit auch im Blick auf sich selbst zu entwickeln fähig sein? Vielen, die sich in diesen Tagen zur Kirche äußern, wird man zu Recht unlautere Motive unterstellen dürfen, manche Betroffenheit wirkt geheuchelt. Aber weit über binnenkirchliche Kreise hinaus ist auch eine große Nachdenklichkeit zu spüren, eine Sorge, dass ein rapider Verlust an Ansehen und Reputation der Kirche ein Schaden für die ganze Gesellschaft wäre.

Leben in Fülle

Dies gilt beileibe nicht nur für die Werke der caritas, des Engagements im Sozial- und Integrationsbereich. Es gilt nicht minder für die großen Fragen der Suche nach (Lebens-)Sinn und Orientierung, für jene der persönlichen Lebensführung und, ja, auch für die leidige Sexualmoral. Sie ist gewiss nicht das wichtigste Thema der Kirche – aber jenes, bei dem die Diskrepanz zwischen Predigt und (eigener) Realität zuletzt am schmerzlichsten zutage getreten ist. Wie in allen anderen Dingen müsste es der Kirche auch hier gelingen, klarzumachen, dass es ihr nicht um ein moralisches Korsett, sondern um ein „Leben in Fülle“ zu tun ist.
  #2  
Ungelesen , 15:40
chrisi chrisi ist offline
 
Registriert seit: 19.03.2010
Beiträge: 3
Die Fehlbarkeit des Papstes

Die Fehlbarkeit des Papstes und die des gesamten Systems, dem er vorsteht, tritt angesichts der bekannt gewordenen Missbrauchsfälle und des Umgangs damit wieder einmal sehr deutlich zu Tage.
Was würde ein Vorstandsvorsitzender eines internationalen Weltkonzerns im Falle einer schwerwiegenden Verfehlung seines Unternehmens machen? Die jüngste Vergangenheit hat es beispielhaft gezeigt. Da kommt ein bedrückt wirkenden Mann vor die Kameras und bittet die Öffentlichkeit um VERZEIHUNG, zeigt REUE, ist um WIEDERGUTMACHUNG bemüht, fleht um weiteres VERTRAUEN und hofft auf weitere TREUE. Die Rede ist von Akio Toyoda, Konzernchef des japanischen Autobauers Toyota.
Würde und darf man ein solches Verhalten im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen nicht auch (oder besonders) vom Oberhaupt der Kirche erwarten, von der höchsten Autorität einer Institution, die sich u. a. auch die oben erwähnten Werte auf ihre Fahnen heftet und diese immer wieder einmahnt?
Eine solche Geste blieb jedoch aus. Die Missbrauchsfälle wurden vom Papst bisher leider nicht einmal peripher gestreift. Ein großer Fehler, wie ich meine. Der Zug ist nun abgefahren und mit ihm massenhaft Kirchenmitglieder. Zurück bleiben „Resignation, Trauer und Wut“ bei den noch Ausharrenden (zu denen ich mich auch zähle).
Selbst wenn eine Entschuldigung noch folgen wird, sie wird als medial erzwungen und unehrlich aufgenommen werden. Der „Austrittstsunami“ ist dadurch jedenfalls nicht mehr aufzuhalten.
Der Anspruch der Unfehlbarkeit des Papstes einerseits und das selbst verpasste Prädikat der „heiligen katholischen Kirche“ andererseits machen das Eingestehen von Fehlern scheinbar äußerst schwer. Doch Perfektion ist nichts Menschliches, sie ist Gott vorbehalten. Gott sei Dank!
Dass auch ein Papst fehlen kann, zeigt das momentane Versäumnis. Es ist an der Zeit, den Pontifex von der Bürde der Unfehlbarkeit zu befreien. Wäre dies schon früher passiert, wäre aktuell möglicherweise eine zeitigere, glaubwürdige und wirksame Entschuldigung die Folge gewesen.
„Brüche“ (Reformen) in der katholischen Kirche sind aufgrund der unübersehbaren Missstände dringend notwendig. Meine Bitte: Vielleicht könnte man die Agenda „Unfehlbarkeit“ auch auf die Tagesordnung nehmen!
  #3  
Ungelesen , 20:23
Johann Wutzlhofer Johann Wutzlhofer ist gerade online
 
Registriert seit: 20.01.2008
Beiträge: 21
Risse im Feld – Luther vor den Türen Roms

Petrus wird oftmals als der Fels genannt, auf welchem Jesus seine Kirche errichtet hat, um dem Papst jene Vollmacht zu verleihen, welche die heute vorfindbare Kirchenstruktur rechtfertigen soll. Allerdings hatte sich bereits Petrus in den ersten Apostelversammlungen mit unterschiedlichsten Positionen auseinanderzusetzen. Vor allem ein gewisser Paulus – vormals als Saulus ein Vertreter der damals vorherrschenden Theologiegelehrsamkeit und durch wunderbare Einsicht zu einem ersten Christen geworden – soll diesem Petrus argumentativ sehr zugesetzt haben, und zwar in für das neu entstehende Christentum wesentlichen Fragen. In mehr als 2000 Jahren hat sich die römisch-katholische Kirche vor allem im Mittelalter zu einer Einrichtung entwickelt, die sich vom Ziel eines „Lebens in Fülle“ ziemlich weit entfernt hat. Vielmehr ist für allzu viele Menschen in erster Linie das moralische Korsett, das Rudolf Mitlöhner anspricht, allzu nachdrücklich wahrnehmbar.
So ist gerade das Verhalten von nicht wenigen offziellen Vertretern unserer römisch-katholischen Kirche in Fragen von Sexualmoral und Fragen der Sexualität ein Ärgernis für sehr viele katholische Christen. Die jetzt bekannt gewordenen Verbrechen an Kindern und Jugendlichen müssen allerdings eine Angelegenheit für die Strafgerichtsbarkeit werden. Nicht nur Kircheninsidern sind die nun massiv öffentlich gewordenen Probleme längst bekannt, einschließlich der Geldsummen, welche Orden als Schweigegelder für Frauen geben müssen, die Kinder von Priestern gar nicht so selten als Alleinerziehende begleiten müssen und dies auch oft mit Hingabe tun. Die Kirchenführung wird nun ihre intellektuellen Kapazitäten – die ausreichend vorhanden sind – auf die Sanierung des Schadens und die Behebung der Strukturfehler verwenden müssen. Intelligenz allein wird nicht reichen, das biblische Wort „die Wahrheit wird euch frei machen“ wird die Hauptrolle zu spielen haben. Die Kirchenleitung soll um Gottes Willen nicht die Opferrolle in Konfrontation mit den Medien einnehmen, wie dies leider auch unter vielen Laien der Fall ist, die immer noch glauben, es seien die kritisch Fragenden und deren Anmerkungen, welche der Kirche Schaden zufügen. Kritische Geister mussten und müssen auch innerhalb der Kirche böse Blicke und auch Worte einstecken, von Personen die – wie Funktionäre von Parteien – sich ausschließlich im inneren Kreis bewegen.
Daher meine Botschaft in Richtung intern: Die „höheren Weihen“ nicht als Erhebung gegenüber Laien sehen. Auch die Beziehungen der Ehepaare sind geweiht, bringen meist neues Leben hervor und setzen sich – gerade in Zeiten erhöhter Anforderungen – massiv dafür ein, dass aus diesen jungen Menschen wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft werden. Daher: Herunter mit den riesigen Mitren, die überdimensionierte Autorität vorgeben, die Priester und die gesamte Hierarchie über uns Laien in unangebrachter Weise zu erhöhen versucht. Als Vorbild an Demut kann die Botschaft und die Autorität Jesu Christi dienen. Er hat diese Kirche gestiftet – und zwar ohne prunkvolle Gewänder und riesige Mitren.
Mein Glaube an die soziale und menschenrechtliche Dimension der Botschaft Jesu Christi, den von ihm gesandten Heiligen Geist und an den Schöpfergott, auch die Gewissheit der kulturellen Leistungen der römisch-katholischen Kirche, über die dieser Glaube an mich gekommen ist – dieser Glaube ist stark genug. Dieser Glaube kann von sexuell desorientierten – oftmals auch kranken – Menschen, die sich in dieser Kirche leider über allzu lange Zeit versteckten konnten, nicht ins Wanken gebracht werden. In jungen Jahren sexuelle Enthaltsamkeit für ein in unseren Tagen oftmals sehr langes Leben zu versprechen, ist eine ganz schwer zu bewältigende Herausforderung, gerade für Männer. Dies muss also hinterfragt werden, selbst wenn sexuelle Abartigkeiten auch in anderen Lebensbereichen zu beobachten sind. Die moralische Katastrophe, die nun hereingebrochen ist, hat mehrere Ursachen, die Fachleute sagen dazu „multifaktorell“, vor allem geht es auch um Umgang mit der Macht, die sich auch in den oben angeführten Mitren ganz besonders ausdrückt.
Die katholische Kirche hat sich trotz all dieser Widrigkeiten über Jahrhunderte in den Köpfen sehr vieler Menschen als Vision und Vorwegnahme einer überirdischen Gerechtigkeit über den gesamten Globus als erste universelle Vereinigung etabliert und wird auch in dieser Krise nicht untergehen. Wie diese Kirche auch durch die Herausforderungen des Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus nicht vernichtet werden konnte. Diese Ideologien haben selbst in kürzester Zeit viel menschliches Leid verursacht, die Denk- und Systemfehler dieser Ideologien waren innerhalb weniger Jahrzehnte in Richtung Korruption und Machtmissbrauch wirksam. Allerdings: Die hohen moralischen Ansprüche der Kirche und vor allem die Behauptung der „Würdenträger“ als Stellvertreter Gottes auf Erden zu agieren überfordern ganz besonders den Klerus, aber auch uns Laien in einer aufgeklärten Welt immer mehr.
Johann Wutzlhofer
7212 Forchtenstein

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